Standpunkt

Hasspost im Namen des Herrn

Aktualisiert am 29.03.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Nach ihrem letzten Standpunkt hat Anna Grebe einen erschreckenden Brief bekommen: Der Verfasser bezeichnete sie darin aufgrund ihrer Meinung als "schwachsinnig" und "bösartig". Sogar das Christ-Sein wurde Grebe abgesprochen.

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Der Umschlag, den ich aus meinem Briefkasten fische, wirkt zunächst unverdächtig. Von Hand ist darauf meine Adresse vermerkt, sorgfältig eine schöne Briefmarke darauf geklebt worden – der Inhalt jedoch ist das Gegenteil: Der Verfasser, der mit "freundlichen Grüßen" und mit seinem vollständigen Namen unterschreibt, bezeichnet mich als "schwachsinnig", "bösartig", konstatiert mir eine "Hirnblockade", unter der ich wohl gelitten haben müsse, als ich meinen Kommentar auf katholisch.de verfasst habe. Mit dem Inhalt des Textes muss man nicht einverstanden sein, das gehört zum hohen Gut der Meinungs- und Pressefreiheit in Deutschland. Was sich aber in den Kommentarspalten auf Facebook abspielt, was letztlich in unseren Mail- und realen Postfächern landet, befindet sich jenseits von christlicher Nächstenliebe, gutem Geschmack, Moral oder bisweilen auch jenseits gesetzlicher Normen.

Andere Engagierte aus katholischen Verbänden oder beim Synodalen Weg haben mir ähnliche Beispiele geschildert: Es handelt sich dabei neben der Veröffentlichung von diffamierenden Kommentaren und handfesten Beleidigungen bis zur Verbreitung der privaten Handynummer um hämische Bewertungen der Frisur, der Figur oder der Lebensumstände, auch um justiziable Äußerungen wie Gewalt-, Vergewaltigungs- und Morddrohungen. Alles "im Namen des Herrn".

Belustigend ist, wenn die Verfasser von Briefen und Mails meine Texte als "vergeudete Lebenszeit" bezeichnen. Erheiternd ist, dass sie viel Zeit dafür aufbringen, die Vita einer Autorin zu recherchieren, um dann zu dem Schluss zu kommen, dass diese aufgrund ihres Engagements gar keine Zeit habe, eine gläubige Christin zu sein. Überraschend ist, dass viele Briefe nicht anonym waren, sondern mit Klarnamen und vollständiger Adresse versehen. Der Autor fühlt sich nicht nur auf der richtigen Seite, sondern demonstriert damit seine Macht, denn er weiß, dass er damit die Schwelle zu meiner Privatsphäre überschreitet. Schockierend ist, dass mir die Polizei riet, trotz des justiziablen Inhaltes des Briefes doch bitte solche Angelegenheiten erst einmal "kirchen-intern" zu regeln. Ja, ich habe auch erstmal gelacht.

Ich erweitere hiermit deshalb meinen Wunsch nach einer neuen Tempelreinigung: Herr, wisch' einmal kräftig die Kommentarspalten auf Facebook durch und schenke jenen, die gerne Briefe schreiben, schönere Anlässe dafür. Amen.

Von Anna Grebe

Die Autorin

Dr. Anna Grebe ist Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken sowie Mitglied im Diözesanrat des Erzbistums Berlin und arbeitet als Beraterin und Referentin an der Schnittstelle von Jugendarbeit und Politik.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.