Standpunkt

Trotz Ukraine-Krieg andere Krisen nicht vergessen

Aktualisiert am 31.03.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Seit über einem Monat herrscht Krieg in der Ukraine. Deshalb ist unsere Hilfe gefordert, kommentiert Claudia Nothelle. Für sie ist es aber auch wichtig, andere Krisen nicht aus dem Blick zu verlieren. Nur dann sei Solidarität glaubwürdig.

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Seit über einem Monat gehört es zu meinen Routinen: Abends noch einmal schnell die Nachrichten aus der Ukraine checken – und morgens als erstes schauen, was passiert ist. Vielleicht ist ja doch ein Wunder passiert. Ist es nicht: Mariupol ist zerstört, allein 5.000 Tote in der Hafenstadt, andere Städte stehen weiterhin unter Beschuss, ungezählte Tote, Verletzte und Millionen Menschen auf der Flucht. Wir sind gefragt, ganz konkret – und das für lange Zeit.

Aber: Genauso notwendig ist es, nicht im Ukraine-Schreckens-Tunnel stecken zu bleiben, sondern den Blick zu weiten auf all das, was auch noch passiert. In Afghanistan zum Beispiel haben die Taliban weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit die Rechte der Frauen weiter eingeschränkt. Weiterführende Schulen für Mädchen dürfen nun doch nicht wieder öffnen, Frauen dürfen nicht mehr allein im Flugzeug reisen. Nach Aussage der Welthungerhilfe können sich 95 Prozent der Menschen in Afghanistan nicht mehr ausreichend ernähren.

Von Tunesien bis Südafrika sind zudem viele Länder Afrikas angewiesen auf Getreide aus der Ukraine. Eine Hungerkatastrophe ungeahnten Ausmaßes droht. Die Liste ließe sich fortsetzen mit Konflikten und Krisen, die es in der augenblicklichen Situation nicht in die Nachrichten schaffen und die wir deshalb leicht aus dem Blick verlieren.

Weil aber der Krieg in der Ukraine und seine Folgen uns noch lange beschäftigen werden, ist es nötig, den Blick zu weiten. Es geht hier nicht um einen Whataboutism, also den Versuch, mit einem "aber da ist es auch schlimm" die Aufmerksamkeit abzulenken. Verantwortung kennt keine kulturellen Grenzen.

Das bedeutet: Nicht nachlassen in der Solidarität für die leidgeplagte Ukrainer und die Geflüchteten – und gleichzeitig die nicht vergessen, die unserer Aufmerksamkeit genauso bedürfen: die Frauen in Afghanistan, die Menschen in großer Sorge vor einer Hungerkatastrophe und vielleicht auch diejenigen, die direkt vor unserer Haustür auf Unterstützung hoffen. Solidarität ist nur dann glaubwürdig, wenn sie sich an ein unteilbares Verständnis von Menschenwürde bindet. Das Jahr 2022 stellt uns vor ganz besondere Herausforderungen. Wir leben gemeinsam in der einen Welt – und haben Verantwortung für sie.

Von Claudia Nothelle

Die Autorin

Claudia Nothelle lehrt Fernsehjournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal, ist Aufsichtsratsvorsitzende der katholischen Journalistenschule ifp und Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.