Gegenwehr könne unangemessenen Schaden anrichten

Pax-Christi-Bischof Kohlgraf sieht Waffenlieferung an Ukraine kritisch

Aktualisiert am 01.04.2022  –  Lesedauer: 

Mainz ‐ Das Recht auf Selbstverteidigung in einem Krieg sei zwar friedensethisch legitim. "Die Frage ist aber: Richte ich durch die Art und Weise, wie ich mich wehre, am Ende größeren Schaden an", sagt Bischof Peter Kohlgraf.

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Der Präsident der katholischen Friedensbewegung Pax Christi in Deutschland, Peter Kohlgraf, sieht verstärkte Waffenlieferungen an die Ukraine kritisch. Das Recht auf Selbstverteidigung in einem Krieg sei zwar friedensethisch legitim. "Die Frage ist aber: Richte ich durch die Art und Weise, wie ich mich wehre, am Ende größeren Schaden an", sagte der Mainzer Bischof am Freitag in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Mainz.

"Ab wann beginnt das Ganze eine Form anzunehmen, wo die Gewalt, die ich ausübe, um mich zu wehren, einen unangemessenen Schaden anrichtet, indem sie mehr Menschen ins Elend stürzt als vielleicht ohne wehrhafte Gewalt ins Elend gestürzt worden wären?", erläuterte Kohlgraf mit Blick auf Tausende Tote in der ukrainischen Zivilbevölkerung, Millionen Flüchtlinge und zerstörte Städte.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gebe zwar durchaus eine überzeugende Figur ab, sagte Kohlgraf. Er lese aber auch, Mariupol wäre heute vielleicht nicht so zerstört, wenn das ukrainische Militär sich rechtzeitig zurückgezogen – und damit kapituliert – hätte. "Ich kann aber auch verstehen, dass ein Volk sagt: Wir wollen unsere Freiheit verteidigen", so der 55-jährige Mainzer Bischof. Was letztlich "der höhere Wert" sei, könne er nicht sagen.

"Provoziere ich nicht sogar noch einen nuklearen Einsatz?"

Zu fragen sei auch, was Waffenlieferungen an die Ukraine bedeuteten angesichts eines Gegners, der über Nuklearwaffen sowie möglicherweise über chemische und biologische Waffen verfüge. "Provoziere ich nicht sogar noch einen nuklearen Einsatz durch eine verstärkte Bewaffnung? Das sind auch für mich mehr Fragen als Antworten", sagte Kohlgraf. "Ab wann ist ein Schritt gegangen, wo ich eine Gewaltspirale weiter befeuere, die ich nicht mehr kontrollieren kann?"

Eine pazifistische Stimme sei weiterhin wichtig, betonte der Bischof. Er sei aber auch nicht naiv, sagte Kohlgraf. Mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin könne man "nicht einfach eine Gesprächsrunde eröffnen". Der Pax-Christi-Präsident betonte, bei ökonomischen Konsequenzen müsse man "weiter die Schraube anziehen". Zudem müsse man alle diplomatischen Möglichkeiten ausschöpfen, "damit Präsident Putin gegebenenfalls ohne Gesichtsverlust aus diesem Krieg herauskommt". Diesen diplomatischen Weg gehe auch Papst Franziskus. Zugleich mahnte Kohlgraf, behutsam bei Schuldzuweisungen an das russische Volk zu sein. "Wir müssen aufpassen, jetzt nicht 'die Russen' in Generalhaftung zu nehmen." Kohlgraf ist seit Oktober 2019 Präsident der deutschen Sektion von Pax Christi International.

Bereits zuvor hatte Pax Christi Kritik an dem von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) verkündeten Kurswechsel in der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik inklusive einer deutlichen Aufrüstung der Bundeswehr geübt. Militärbischof Franz-Josef Overbeck verteidigte hingegen wiederholt Mehrausgaben für Rüstungsprojekte. Die Deutsche Kommission Justitia et Pax sprach sich angesichts des Ukraine-Kriegs zuletzt unter anderem für "kluge Waffenlieferungen" aus. Vier katholische Theologen übten Kritik an der Stellungnahme. (tmg/KNA)