Standpunkt

Neuer Umgang mit Ausgetretenen: Nachgehen statt nachtreten!

Aktualisiert am 06.04.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Keine Kommunion, keine Trauung, kein Begräbnis – solche Drohungen fanden sich oft in Schreiben der Kirche an Ausgetretene. Gut, dass sich das ändern soll, meint Thomas Winkel. Statt "nachzutreten" sei auf die Beweggründe der Menschen einzugehen.

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Stell' dir vor, du kündigst das Abo im Fitnessstudio, weil du ohnehin nicht mehr hingehst – und im Antwortbrief steht eine dicke Drohbotschaft: "Wirst schon sehen, wozu das führt… schlechte Gesundheit, miese Figur, Sportfreunde futsch." Ein nicht ganz so drastischer, aber ähnlicher Musterbrief liegt bisher für eine offizielle Reaktion der Kirche bereit, wenn jemand seinen Austritt erklärt. Die deutschen Bischöfe wollen ihn nun zerreißen und den Umgang mit Ausgetretenen verbessern. Das ist gut. Und angesichts der Rekordzahl an Austritten mehr als überfällig!

Bischof Franz-Josef Bode, der Vize-Vorsitzende der Bischofskonferenz, hat hierzu ein neues Konzept angekündigt. Unter anderem sollen die Musterschreiben an ausgetretene Katholiken überarbeitet werden. Sie enthalten zwar eine freundliche Einladung zum Gespräch, heben aber wenig einfühlsam auch die Folgen des Auszugs hervor: kein Kommunionempfang mehr, keine katholische Trauung, schlimmstenfalls kein kirchliches Begräbnis. "Das ist völlig danebengegangen", kritisiert Bode mit Blick auf das Motiv der rund zehn Jahre alten Kampagne. Heute müsse jeder einzelne Austritt für sich betrachtet werden.

Denn die Gründe sind höchst unterschiedlich. Kirchenobere haben selbst bei besonders Engagierten viel Vertrauen verspielt. Manche von ihnen halten die kirchlichen Institutionen inzwischen für unchristlich; von dieser Seite kommt Kritik am bischöflichen Umgang mit Missbrauch und Macht ebenso wie an kirchlichen Aktiengeschäften. Andere halten viele Vorstellungen der Kirche für rückständig ("will nicht eine Organisation unterstützen, in der Frauen und Homosexuelle nicht gleichberechtigt sind.") Wieder andere, vor allem viele Berufseinsteiger wollen schlichtweg Kirchensteuer sparen, zumal sie sich von kirchlichen Angeboten kaum angesprochen fühlen und sie so gut wie gar nicht nutzen. Natürlich gibt es noch viel mehr Motive.

Daher finde ich es wichtig, wenn echte Seelsorger Kriterien entwickeln und dann über eine angemessene Reaktion im Einzelfall nachdenken. Das Prinzip muss lauten: Nach einem Austritt nie "nachtreten", aber unter Umständen sensibel nachgehen. Hier und da versucht man sich vor Ort mit neuen Ideen: etwa Gesprächsangebote für Austrittswillige – oder Chats, um die Hemmschwelle zu senken. Und im Brief eines Pfarrers heißt es ohne Wenn und Aber: "Es gibt viele Gründe, der Kirche den Rücken zu kehren." Das ist doch schon mal ein Anknüpfungspunkt, um Menschen da abzuholen, wo sie gerade stehen.

Und natürlich mag es viele Situationen geben, wo Priester (wie derzeit im Erzbistum Köln) zu dem Schluss kommen: "Im Moment passt es einfach nicht." Ohnehin darf es bei alledem nicht in erster Linie um einen neuerlichen Eintritt in die Kirche gehen. Wahre Nächstenliebe ist selbstlos.

Von Thomas Winkel

Der Autor

Thomas Winkel ist Chef vom Dienst der Katholischen Nachrichten-Agentur in Bonn.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.