Putins Angriff stellt Arbeit des Hilfswerks in Russland infrage

Renovabis-Geschäftsführer Schwartz: "Krieg macht alles anders"

Aktualisiert am 09.04.2022  –  Lesedauer: 

Freising ‐ Förderprojekte in der Ukraine haben beim Osteuropa-Hilfswerk Renovabis aktuell oberste Priorität, aber auch russiche Einrichten erhalten Unterstützung. Geschäftsführer Thomas Schwartz erklärt im Interview, wie Putins Krieg diese Vernetzung erschwere.

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Seit 30 Jahren engagiert sich das katholische Hilfswerk Renovabis für den Aufbau kirchlicher und zivilgesellschaftlicher Strukturen in Osteuropa. Im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erklärt Hauptgeschäftsführer Thomas Schwartz, wie der russische Angriff auf die Ukraine dazu zwingt, das eigene Selbstverständnis zu überdenken. Und wie Renovabis dabei helfen könnte, dass sich verfeindete Nachbarn versöhnen.

Frage: Herr Schwartz, Ihr Hilfswerk ist seit Jahrzehnten in ganz Osteuropa aktiv. Konzentriert sich gerade alles bei Ihnen auf die kriegsgebeutelte Ukraine?

Schwartz: Wir setzen gerade alles daran, Förderanträge aus der Ukraine so schnell wie möglich zu bearbeiten. Das hat Priorität und bedeutet, Anträge aus anderen Ländern müssen zum Teil kurze Zeit warten. Auch unsere Mittel sind begrenzt. Und wir alle arbeiten am Anschlag.

Frage: Welchen Stellenwert hatte das Land bisher in Ihrem Portfolio?

Schwartz: Die Ukraine war stets eines unserer größten Förderländer. Etwa 25 Prozent aller Mittel flossen dorthin. Renovabis wurde vor 30 Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im Bewusstsein gegründet, dass der Kalte Krieg vorbei ist und damit auch die Zeit der ideologischen Konfrontation. Es ging um die Förderung von Freiheit und Demokratie in 29 Ländern. Aber dieser Angriffskrieg macht alles anders. Er stellt die gesamte Nachkriegsordnung auf den Kopf und bedroht das friedliche Miteinander in Europa. Daher müssen wir überlegen, wie unsere Arbeit weitergehen kann.

Frage: Geht derzeit noch etwas anderes außer akuter Nothilfe?

Schwartz: In der Ukraine ist das jetzt vorrangig. Aber nicht im ganzen Land wird gekämpft. So entwickeln wir gerade ein Stipendienprogramm für die katholische Universität Lwiw. Je nach Höhe der Leistungen soll es bis zu 1.000 Studenten ermöglichen zu bleiben und weiter zu lernen. Wir helfen also nicht nur Flüchtlingen. Neue Vorhaben müssen wir überdenken. Im Osten wollten wir über eine Million Euro in ein Programm für kriegstraumatisierte Kinder aus der Donbass-Region investieren. Jetzt ist ein ganzes Land traumatisiert. Betroffen sind nicht mehr 2.500 Kinder, sondern vielleicht 2,5 Millionen

„Katholiken sind in Russland eine kleine Minderheit. Dort geht es ums Überleben.“

—  Zitat: Thomas Schwartz

Fragen: Sie waren auch in Belarus und Russland engagiert. Geht das noch?

Schwartz: Seit Jahrzehnten unterstützen wir dort die katholische Diaspora. Die Sanktionen machen das viel schwieriger, aber gottseidank haben wir noch Möglichkeiten. Welche, möchte ich lieber nicht sagen, damit wir es weiter tun können.

Frage: Wie ist die Lage Ihrer Projektpartner dort?

Schwartz: Katholiken sind eine kleine Minderheit. Dort geht es ums Überleben. Wir entlohnen die Priester, finanzieren den Unterhalt von Gemeindezentren und den Aufbau von Caritasdiensten. Bei Videokonferenzen merken wir, dass die Bereitschaft zum offenen Sprechen zurückgeht. Man ist in einer Gesellschaft angekommen, die genau die Freiheiten nimmt, für die die Menschen in der Ukraine im Augenblick kämpfen.

Frage: Haben Sie dort auch nicht-katholische Partner?

Schwartz: Das Außenamt des Moskauer Patriarchats wird von einem unserer ehemaligen Stipendiaten geleitet.

Frage: Hilarion.

Schwartz: Ja. Wir fragen uns allerdings im Moment, ob er uns vergessen hat. Aber wir würden uns freuen, wenn dieser Kontakt fortbestünde. Wir unterstützen ein Kulturzentrum des Moskauer Patriarchats, die Abteilung, die für die Beziehungen zur katholischen Kirche zuständig ist. An einer Universität fördern wir den Aufbau einer internationalen theologischen Bibliothek, eine geistliche Akademie in Sagorsk hat von uns Computer bekommen. Da geht es immer um den Dialog zwischen West und Ost. Wir werden aktiv, wo es einen guten Kontakt zur katholischen Kirche gibt. Ein Altenheim und ein Wohnheim für Jugendliche mit Behinderung in Wladimir haben deshalb auch Geld bekommen. Insgesamt jedoch macht die Förderung orthodoxer Projekte nur einen sehr kleinen Teil unserer Tätigkeiten aus.

Frage: Stehen diese Kontakte jetzt infrage, wo nach allgemeinem Eindruck das Moskauer Patriarchat sich Putin unterworfen hat?

Schwartz: Es macht es uns jedenfalls nicht leichter, Anträge für orthodoxe Projekte bei unseren Gremien zu vertreten. Und wir schauen schon genau hin: Geht es da um vulnerable Gruppen, die im russischen System zu kurz kommen? Ein anderes Kriterium ist: Wo gibt es eine Basis für einen glaubwürdigen Dialog? Da hören wir sehr auf unsere katholischen Partner vor Ort, die wissen, wer ihnen freundlich gesonnen ist und wer nicht.

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Frage: Welche Rolle könnte Renovabis nach dem Krieg spielen, um das Zusammenleben unter verfeindeten Nachbarn wieder zu ermöglichen?

Schwartz: Noch weiß niemand, wie lange die Kämpfe mit ihren schrecklichen Zerstörungen anhalten werden. Und man darf auch nicht unterschlagen, dass dieser völkerrechtswidrige Angriff von einem nicht gerade kleinen Teil der russischen Bevölkerung befürwortet wird. Vertrauen ist schnell zerstört. Es wieder aufzubauen, wird lange dauern.

Frage: Können Sie dazu etwas beitragen?

Schwartz: Vielleicht können wir die Erfahrung aus dem Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina fruchtbar machen, wo der frühere Weihbischof Pero Sudar multiethnische Europa-Schulen gegründet hat. Und wo nach über 20 Jahren immer noch Versöhnungsarbeit notwendig ist. Unsere Aufgabe wird es nicht sein, dass wir die Versöhnung initiieren. Aber jede Initiative, die dann dazu von unseren bisherigen Partnern in der Ukraine und in Russland ergriffen wird, können wir verstärken: seien es römisch-katholische, griechisch-katholische, ukrainisch-orthodoxe oder russisch-orthodoxe Aktivitäten. Vielleicht können sogar von uns vermittelte direkte Kontakte zwischen der Ukraine und Bosnien-Herzegowina helfen, um von den Erfahrungen dort zu lernen.

Von Christoph Renzikowski (KNA)