Lieber Ostern als Pfingsten

Warum manche christliche Feste beliebter sind als andere

Aktualisiert am 18.04.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Trotz Säkularisierung: Viele Menschen feiern Ostern – wenn auch nicht unbedingt als rein christliches Fest. Andere christliche Feste sind dagegen kaum noch im allgemeinen Bewusstsein verankert. Ob ein Feiertag mehr ist als nur ein freier Tag im Kalender, hängt vor allem von emotionalen Faktoren ab.

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Welche Feiertage mögen Sie am liebsten? Das wurden über 2.000 Menschen vergangenes Jahr gefragt. Die Hitliste war eindeutig: Erster Weihnachtsfeiertag (50 Prozent), Neujahr (35), Zweiter Weihnachtsfeiertag (32) und der Ostermontag (27), danach folgen erst mit einigem Abstand Christi Himmelfahrt und Pfingstmontag mit 18 respektive 16 Prozent.

Christliche Feste sind auch in einer sich säkularisierenden Gesellschaft wie der deutschen immer noch fest verankert. Doch gibt es zwischen den Festen bedeutende Unterschiede.

Dass feste Daten in einem Kalender sich überhaupt so lange und nachhaltig behaupten können, liegt an der Natur des Menschen. "Kirchliche Feste und Kasualen dienen dazu, dem eigenen, unaufhaltsam dahinfließenden Leben Konstanz, Erwartbarkeit und damit 'Sinn' zu verleihen", schreiben die Soziologen Winfried Gebhardt und Georg Kamphausen. "Eines der wesentlichsten Hilfsmittel, mit dem Menschen versuchen, den Lauf der Zeit zu ordnen, ist die Einteilung der sozialen Zeit wie auch der eigenen Lebenszeit in Abschnitte."

Dem Leben Sinn verleihen

Es geht also darum, dem Leben und damit auch sich selbst einen Sinn zu verleihen. Das unterstreicht der Schweizer Soziologe Franz-Xaver Kaufmann. Für ihn hat Religiosität etwas mit der eigenen Identität zu tun. Unterstützt wird das durch allgemeinverständliche Riten, die das Leben übersichtlicher machen, Geborgenheit geben und eine Pause von der Welt darstellen. Deshalb gehen auch Menschen, die nur noch wenig Bindung an ihre Glaubensgemeinschaft haben, zu besonderen Anlässen in die Kirche.

Ein Junge lehnt sich an seine Mutter im kerzenbeschienenen Kirchenraum
Bild: ©KNA

Zu Anlässen wie Ostern gehen auch Menschen in die Kirche, die sinst eher lockere Bindung zum Glauben haben.

Bei manchen Festen geht dieser Effekt noch weiter und sie werden auch von jenen gefeiert, die mit Religion nichts am Hut haben. Die Feste entkoppeln sich von ihrem religiösen Sinngehalt. Dazu ein Blick auf Ostern: Auf die Frage, was ihnen an Ostern am wichtigsten ist, antworteten die meisten Menschen in einer Umfrage 2018: Dass die Familie zusammenkommt (56 Prozent). Der Wert eines verlängerten Wochenendes kam auf Platz zwei – mit nur noch 10 Prozent. Die religiöse Bedeutung kam mit neun Prozent zwar direkt dahinter. Sie spielt aber nur noch für eine absolute Minderheit der Menschen eine Rolle.

Warum dann trotzdem Ostern? "Je offener ein Fest für neue Zuschreibungen innerhalb des gesellschaftlichen Wandels ist, desto tiefer ist es im allgemeinen Bewusstsein verankert", sagt die Kulturanthropologin Dagmar Hänel. Es gibt Bilder und Symbole, die über den religiösen Kontext hinaus anschlussfähig sind und die Feste beliebt machen. Das beste Beispiel dafür ist Weihnachten: "Das zentrale Bild des Weihnachtsfestes ist das Kind in der Krippe. Ein Neugeborenes ist für alle Menschen etwas Besonderes und steht für die Familie, die die Gesellschaft zusammenhält." Mit Kaufmann lässt sich also sagen: Geborgenheit, Übersichtlichkeit im Leben, die eigene Identität als familiäre Gemeinschaft – all das lässt sich im Weihnachtsfest finden. Auch für weniger religiöse Menschen haben die Tage also als Familienfest eine Bedeutung.

Großer Druck

Allerdings entsteht durch diese hohe familiäre Bedeutung auch großer Druck: Jeder muss die besten Geschenke kaufen, es muss totale Harmonie herrschen und der Tag perfekt sein. Das geht nicht immer gut. Mindestens genauso präsent wie die weihnachtliche Harmonie ist der weihnachtliche Familienstreit. "Das ist in der Corona-Pandemie besonders klar geworden", so Hänel. "Die Fragen nach der Einschätzung dieser Krankheit, den Vorsichtsmaßnahmen und der Impfung – die sind an Weihnachten alle in die Familien gekommen. Das hat zu großen Konflikten geführt."

An Ostern sieht es da etwas anders aus. Auch hier steht in der Umfrage der familiäre Charakter im Vordergrund. Allerdings ist der Druck nicht so groß, die Tage sind weniger aufgeladen, beobachtet Hänel.

Palmzweige.
Bild: ©KNA

Die Segnung der Palmzweige ist ein Ritual in der Vorbereitung auf Ostern.

Bei beiden Anlässen mitentscheidend für den gesellschaftlichen Erfolg sind die Vorbereitungszeiten Advent und Fastenzeit. Hänel vergleicht sie mit der dramatischen Klimax in Theaterstücken, die eigentlichen Festtage sind dann die jeweiligen Höhepunkte, in denen sich die vorher aufgebaute Spannung entlädt. Mit Plätzchen backen oder Karneval feiern geht es in die Vorbereitung und dem Schenken oder Eier essen in die Auflösung.

Nicht jedes Fest allgemeinverständlich

Diese allgemeinverständlichen Anknüpfungspunkte hat nicht jedes Fest. Mit dem Inhalt etwa von Pfingsten oder Fronleichnam können viele Menschen nicht viel anfangen. In Umfragen vor etwas mehr als zehn Jahren wusste nicht einmal die Hälfte der Menschen um die Bedeutung des Pfingstfestes. An Christi Himmelfahrt hat sich mit dem Vater- oder Herrentag sogar ein bürgerlich geprägtes säkulares Parallelbrauchtum entwickelt. Die Folgen der Säkularisierung werden ersichtlich.

"Wenn ich Studierende heute frage, wer die heilige Maria ist, wissen manche mit dem Namen oder dem Bild nichts mehr anzufangen", erzählt der Kulturanthropologe Michael Prosser-Schell. Das Glaubenswissen habe seit dem Zweiten Weltkrieg enorm abgenommen. Eine Vermutung ist, dass das mit der Verbreitung des Fernsehens zusammenhängt. "Heute kommen die Vorbilder für das Leben nicht mehr aus der Kirche, sondern aus den Medien."

Leere Kirchenbänke.
Bild: ©maaster.org/Fotolia.com

Bindung an und Wissen über den Glauben sind heute deutlich weniger verbreitet als in vergangenen Jahrzehnten.

Das führt dazu, dass religiöses Brauchtum in besonderen Zeiten wie Advent oder Fastenzeit, aber auch als Begleitelement unter dem Jahr weniger wird. Ein Unterschied zu vergangenen Zeiten: "Früher haben Menschen vielleicht ihren Namenstag gefeiert, ohne diesem Heiligen direkt nachzueifern – aber dieser Namenstag hat ihr Leben strukturiert, sie haben ihn gefeiert. Dieses Tun bricht heute weg."

Diskussionen um Karfreitag

Die zeigt sich in den vergangenen Jahren aber auch bei den gut verankerten Festen mehr und mehr. Ein Beispiel dafür sind die vor der Pandemie stets auftretenden Diskussionen um den Karfreitag. In Deutschland zählt er als stiller Feiertag, an dem unter anderem ein Tanzverbot gilt. Diskutiert wird, ob dieses Verbot noch angemessen ist. "Daran kann man einen gesellschaftlichen Wandel festmachen", so Prosser-Schell. Die Ruhe und Besinnung, die dieser Tag erfordere, sei für gläubige Menschen wichtig. "Aber es gibt auch Gruppen in unserer Gesellschaft, die gerade das nicht wollen." Dieses gewandelte Bedürfnis artikuliere sich etwa in demonstrativen Tanzeinlagen vor Kirchen. Auch Gerichtsprozesse wurden deswegen schon geführt, bei denen die Allgemeinverbindlichkeit des stillen Tages eingeschränkt wurde.

Gut möglich also, dass sich der soziale Charakter christlicher Feste verändern wird, vom religiösen Kern weg. Grundsätzlich bedroht scheint das christliche Brauchtum allerdings nicht: Zur anfangs erwähnten Umfrage zu den beliebtesten Feiertagen gehört auch die Frage nach denen, auf die am ehesten verzichtet werden könnte. Vorne liegen der Tag der Arbeit (24 Prozent), der Tag der deutschen Einheit (23), Christi Himmelfahrt (19) und Pfingstmontag (14), danach käme erst der Karfreitag (13). Die bei weitem größte Zahl der Befragten, 27 Prozent, sagte: Keiner.

Von Christoph Paul Hartmann