Konzil solle Moskauer Kirchenoberhaupt absetzen

Ukrainische Priester fordern Amtsenthebung von Patriarch Kyrill I.

Aktualisiert am 11.04.2022  –  Lesedauer: 
Festlicher Ostergottesdienst mit dem russisch-orthodoxen Patriarch Kyrill I. in der Christ-Erlöser-Kathedrale am 11. April 2015 in Moskau.
Bild: © KNA

Kiew ‐ Ein Konzil solle den russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. absetzen und Russlands Krieg gegen die Ukraine verurteilen: Das fordern rund 260 Moskau unterstehende ukrainisch-orthodoxe Geistliche in einem Appell.

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Rund 260 Moskau unterstehende ukrainisch-orthodoxe Geistliche fordern einen Kirchenprozess gegen den russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. Ein Konzil solle das Moskauer Kirchenoberhaupt absetzen und Russlands Krieg gegen die Ukraine verurteilen, heißt es in einem von ihnen unterzeichneten Appell, den der Priester Andrij Pintschuk auf Facebook (Montag) veröffentlichte. Kyrill I. habe mit seiner Unterstützung für den Krieg ein "moralisches Verbrechen" begangen und "die Doktrin der russischen Welt" gepredigt, "die nicht der orthodoxen Lehre entspricht".

"Heute, da der Moskauer Patriarch Kyrill den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine offen unterstützt, haben wir Priester der ukrainisch-orthodoxen Kirche beschlossen, uns mit einer Klage gegen Patriarch Kyrill an das Konzil der Vorsteher der alten Ostkirchen zu wenden", so der Appell mit dem Titel "Internationales Kirchentribunal". Es gebe auch einen Präzedenzfall in der russisch-orthodoxen Kirchengeschichte. Dem Moskauer Patriarchen Nikon sei 1666 sein Amt und auch die Bischofswürde aberkannt worden. Man habe ihn als "einfachen Mönch" zur Buße in ein Kloster geschickt. Pintschuk fügte dem Aufruf am Montag bei Facebook mehrfach weitere Unterzeichner hinzu.

Enger Verbündeter Putins

Kyrill I. ist ein enger Verbündeter von Kreml-Chef Wladimir Putin. Russlands Krieg gegen die Ukraine rechtfertigte Kyrill I. Anfang März als "metaphysischen Kampf" des Guten gegen das Böse aus dem Westen. Vor einer Woche forderte er die Soldatinnen und Soldaten bei einem Gottesdienst in der Hauptkirche der Streitkräfte auf, ihren Eid zu erfüllen. Sie sollten bereit sein, ihr Leben für ihre Nächsten zu geben, wie es die Bibel besage. Im Ausland, besonders in der Ukraine, werden viele seiner Äußerungen zum Krieg scharf verurteilt.

Rund 60 Prozent der Ukrainer bekennen sich zum orthodoxen Christentum. Sie gehören allerdings zwei verschiedenen Kirchen an: der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats und der Ende 2018 gegründeten eigenständigen (autokephalen) Orthodoxen Kirche der Ukraine. Die moskautreue Kirche zählt in der Ukraine zwar deutlich mehr Gemeinden als jede andere Kirche. Aber in Umfragen bekannten sich die meisten Bürger zur neuen, unabhängigen orthodoxen Kirche.

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Unterdessen hat auch der Weltkirchenrat (ÖRK) angekündigt, über einen möglichen Ausschluss der russisch-orthodoxen Kirche zu sprechen. Er könne der Entscheidung des zuständigen Zentralausschusses nicht vorgreifen, sagte Interims-Generalsekretär Ioan Sauca dem katholischen Informationsdienst SIR (Montag). "Aber ich glaube, dass es eines der heißesten Themen auf dem Tisch sein wird", so der rumänisch-orthodoxe Pfarrer.

Die Erklärungen des Moskauer Patriarchen Kyrill I. hätten "einen wahren Schock in der ökumenischen Welt" verursacht. Deswegen drängten einige Kirchen auf einen Ausschluss der russisch-orthodoxen Kirche. Eine solche Entscheidung könne aber allein der Zentralausschuss fällen, allerdings "erst nach einer ernsthaften Anhörung, Besuchen und Dialogen mit den betroffenen Kirchen".

"Wir alle fühlen uns hoffnungslos, wütend, frustriert, enttäuscht", zitierte SIR den ÖRK-Generalsekretär. Es sei verständlich, emotional sofortige und radikale Entscheidungen treffen zu wollen. Christen aber sei der "Dienst der Versöhnung anvertraut". "Es ist leicht auszugrenzen, zu exkommunizieren, zu dämonisieren; aber wir sind als ÖRK berufen, eine Plattform für Begegnung, Dialog und Zuhören zu sein, auch wenn wir anderer Meinung sind", mahnte Sauca.

Vollversammlung Anfang September in Karlsruhe

Im Gespräch mit dem SIR erinnerte der Theologe an den Fall der niederländischen reformierten Kirche in Südafrika. Diese hatte Apartheid theologisch unterstützt, was zu heftigen Debatten und Verurteilungen durch andere ÖRK-Mitgliedskirchen führte. Am Ende aber habe sich diese Kirche selber aus dem ÖRK "ausgeschlossen", weil sie meinte, ihm nicht länger angehören zu können. Inzwischen sei diese Kirche wieder aufgenommen.

Der Zentralausschuss ist das höchste Leitungsgremium des ÖRK zwischen den Vollversammlungen. Er soll vom 15. bis 18. Juni zusammentreten, um vor allem die XI. Vollversammlung des Weltkirchenrats Anfang September in Karlsruhe vorzubereiten. Diese steht unter dem Motto: "Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt." (cbr/KNA)

11.04.22, 18 Uhr: Ergänzt um Informationen zu möglichem Ausschluss der russisch-orthodoxen Kirche aus dem Weltkirchenrat.