Ein Kommentar zum TV-Ereignis

Currywurst zum Abendmahl – Das war "Die Passion" bei RTL

Aktualisiert am 14.04.2022  –  Lesedauer: 

Essen/Bonn ‐ Am Mittwochabend war es so weit: "Die Passion" lief als Musiktheater live bei RTL. Auch katholisch.de-Redakteurin Meike Kohlhoff saß gespannt vor dem Fernseher und hatte gemischte Gefühle – zwischen emotionalen Höhepunkten und peinlicher Berührung.

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Gestern Abend war es so weit: Die Passion Jesu hat es zur besten Sendezeit mal wieder ins Fernsehen geschafft – und ein kirchliches Thema damit auf die Nummer eins der Twittertrends. Nach der Leidensgeschichte Jesu, die ja auch namensgebend war, wurde noch kurz die Auferstehung abgefrühstückt. Das Fazit um 22:30 Uhr: gemischte Gefühle.

Alles fing an mit einer wirklich guten Idee. Die Passion Jesu auf die sehr, sehr große Bühne bringen. Mit modernen Popsongs untermalt und einem Aufgebot großer B- und teilweise sogar A-Promis. Mit dabei: Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, unterschiedlichen Glaubens und unterschiedlicher Sexualität. Gläubige "Normalos" tragen parallel zur Erzählung der Geschichte ein Kreuz durch die Ruhrgebietsstadt Essen und werden zu ihrer Gottesbeziehung befragt. So kann man auch den Kirchenfernen die Geschichte Jesu und damit das Christentum näherbringen. Einiges ist dann aber doch ziemlich über das Ziel der modernen Bibelinterpretation hinausgeschossen.

"Hier steht niemand mit gefalteten Händen"

Alles fing damit an, dass Thomas Gottschalk mehrfach und energisch klarmachte, dass "hier niemand betet", es keinen Weihrauch gebe und, dass das wirklich kein Gottesdienst sei. Schon in den ersten Minuten fragt man sich, ob diese Distanzierung wirklich ebenso nötig war, wie häufig zu betonen, dass diese Geschichte auch etwas für Menschen ist, die mit der Kirche nichts (mehr) am Hut haben. Vielleicht ist das in Zeiten, in denen nur noch die Hälfte der Deutschen Mitglied einer der christlichen Kirchen ist und ein Missbrauchsskandal die Institutionen erschüttert, aber auch notwendig. Dennoch hat es meine Hoffnung, hier ein würdiges TV-Event zu sehen, erst einmal heruntergeschraubt. Zu neudeutsch "cringe" ging es dann auch weiter als Maria (gespielt von Ella Endlich, die im Übrigen jünger als ihr "Sohn" Jesus alias Alexander Klaws ist), ein Liebeslied über ihren Sohn zum Besten gibt.

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Allgemein passten die Songtexte oft nicht zu hundert Prozent zu den entsprechenden Bibelstellen. Was aber (einige wenige Fehlgriffe ausgenommen) wirklich gestimmt hat, waren die Emotionen, die die Songs rübergebracht haben. Sie waren im Allgemeinen der große Trumpf der Sendung. Spätestens als Mark Keller alias Judas – auf einem Hausdach liegend – den Tokio Hotel Song "Durch den Monsun" sang und damit seine innere Zerrissenheit mit Blick auf seine Treue zu Jesus ausdrückte, hatte mich "Die Passion" trotz anfänglicher Skepsis.

Ein Trumpf waren Musik und Nebencharaktere

Generell haben die Nebencharaktere in dieser Geschichte viel Aufmerksamkeit bekommen. Auch die Verleugnung durch Petrus wurde musikalisch glaubhaft untermalt. Dieser Fokus auf Nebencharaktere war auch deshalb so spannend, weil dieser in der Bibel nicht in dieser Form gegeben ist und etwa die Beweggründe für Judas Verrat im Dunkeln bleiben. Durch die Musik erhalten diese Charaktere Tiefe und man wird dazu angeregt, auch nach Abschalten des Fernsehers über sie nachzudenken. Einen musikalischen Höhepunkt fand die Sendung sicherlich, als Alexander Klaws und Mark Keller kurz nach dem Verrat und beim Judaskuss (bei dem eventuell etwas zu viel "Spannung" in der Luft lag, wie mir eine kirchenferne Freundin parallel bei WhatsApp schrieb) das Lied "Symphonie" von Silbermond sangen.

Bild: ©picture alliance/Rolf Vennenbernd

Jesus alias Alexander Klaws wird bei "Die Passion" abgeführt.

So weit, so gut, wären da nicht doch ein paar Dinge, die bei dem ein oder anderen gläubigen Christen sicherlich einen faden Beigeschmack hinterlassen haben. Für das letzte Abendmahl wurde Currywurst geordert. Dass hier Menschen in ihren religiösen Gefühlen verletzt werden können, hätte man sich auch vorher denken können. Auch theologisch war sicherlich nicht alles einwandfrei und die willkürlich aus anderen Bibelstellen herausgerissenen Zitate hätte man sich sparen können.

Der Tiefpunkt waren allerdings einige der Geschichten, die die Kreuzträger zwischendurch erzählt haben. Hier ging es unter anderem um Wunderheilungen, die sie zum Glauben geführt haben. Selbst für mich kamen Christen dabei wie eine "abgedrehte Minderheit" rüber. Für die breite Masse hätten hier eventuell Geschichten erzählt werden sollen, die näher an der Lebensrealität vieler Menschen sind, die ihren Glauben im Alltag leben. Durch einen russischen Kreuzträger und eine ukrainische Kreuzträgerin, die nebeneinander hergingen, ist das kurzzeitig gelungen.

Was bleibt also von "Die Passion?" Als Christin bin ich froh, dass mein Glaube mal wieder in aller Munde war, einige Szenen haben mich wirklich nachhaltig berührt. Und wer weiß, vielleicht können wir uns im nächsten Jahr auf "Die Auferstehung" bei RTL freuen.

Von Meike Kohlhoff