Schwester Anne Kurz über das Sonntagsevangelium

Lieben heißt, eine Wohnstatt für den Anderen zu sein

Aktualisiert am 21.05.2022  –  Lesedauer: 
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Venne bei Münster ‐ Was für ein Evangelium: Jesus gewährt seinen Freunden seltenen Einblick in sein Inneres – und verheißt, auch in unseren oft engen Herzen Wohnung zu nehmen. Wie soll das geschehen? Schwester Anne Kurz reist 20 Jahre in die eigene Vergangenheit.

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In den Abschiedsreden des Johannesevangeliums offenbart Jesus sein Inneres und gibt Anteil an der Intimität seines Herzens. Es ist, als erlaube er nicht nur dem Lieblingsjünger, sondern allen, uns an seine Brust zu lehnen, seinen Leib an dem unseren zu spüren und ihn aufzunehmen.

Der belgische Jesuit Ägid van Broeckhoven erfuhr die Berufung, Mystiker der Freundschaft zu sein. Im Tagebuch des jung verstorbenen Arbeiterpriesters kehrt ein Motiv des heutigen Evangeliums immer wieder: "Lieben heißt, eine Wohnstatt für den Anderen zu sein." Lieben und Wohnen sind aufeinander bezogen. Theologisch spricht man vom "gegenseitigen In-Sein", das die Heilige Geistkraft bewirkt. Der drei-eine Gott nimmt Wohnung in uns, unfassbare Nähe und Sehnsucht kommen darin zur Erfüllung. Doch stellt sich die Frage: Wie soll das geschehen? Die Erfahrungen des Sich-Verschließens, der Angst und Verwundung werden durch das Wohnen Gottes nicht ausgelöscht. Wer in die Enge getrieben ist, hat kaum Raum – weder für sich noch für andere noch für den ganz Anderen. Dass ich meinen Raum häufig nicht für Besucher öffnen konnte, hat mich vor allem in den ersten Jahren in der Gemeinschaft leiden gemacht. Als ich mich einem alten Karmeliten anvertraute, zeigte er Verständnis dafür, fügte aber hinzu: "Die Gastfreundschaft ist wichtig, sie kann sehr viel Gutes bewirken." Heute, zwanzig Jahre später, ahne ich, wie Recht er hatte.

Auch die Erfahrungen von Leere, Anfechtung und Zweifel weiten den inneren Raum und vertiefen das Verständnis für sich und andere. Aus der Akzeptanz des eigenen Herzens empfängt Freundschaft Impulse und wird zum geteilten Leben. Ägid beschreibt es so: "Echte Liebe besteht darin, dass man seine Intimität für jemanden preisgibt; dies hat Gott getan, auf eine Weise, die wir sicher nie restlos begreifen werden. Herr, auch ich habe meine Intimität für Dich preisgegeben; sie war vielleicht nicht sehr reich, aber ich habe sie Dir doch bis zum Grund überantwortet."

Jesus hat sich auf die Weise der Freundschaft an uns gebunden. Die Rückkehr zum Vater, die wir "Himmelfahrt" nennen, bedeutet nicht das Verlassen seiner Freunde. Könnte er sonst seinen Vater so sehr lieben? Der Vater ist Liebe, Güte, Umarmung, Quelle und Raum der Freundschaft. Wer ihn verspürt, erfährt den Frieden, zu dem hin wir unterwegs sind. Möge in den Begegnungen dieser Woche, vielleicht auch beim "leben teilen" des Katholikentags, die Freude aufleuchten, die Ägid zuteilwurde: "Herr, wie bin ich froh, dass Du beim Vater bist und ich bei meinem Freund und wir bei Euch und Ihr bei uns."

Evangelium nach Johannes (Joh 14, 23–29)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen. Wer mich nicht liebt, hält meine Worte nicht.

Und das Wort, das ihr hört, stammt nicht von mir,
sondern vom Vater, der mich gesandt hat. Das habe ich zu euch gesagt, während ich noch bei euch bin.

Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.

Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.

Ihr habt gehört, dass ich zu euch sagte: Ich gehe fort und komme wieder zu euch. Wenn ihr mich liebtet,
würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe; denn der Vater ist größer als ich.

Jetzt schon habe ich es euch gesagt, bevor es geschieht, damit ihr, wenn es geschieht, zum Glauben kommt.

Die Autorin

Anne Kurz ist Schwester der Gemeinschaft Verbum Dei und lebt neben einem kleinen Exerzitienhaus in Venne bei Münster. Sie ist Theologin und Geistliche Begleiterin.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.