Blick auf Missbrauch und Ukraine-Krieg

Theologe Frick: Zu schnelle Vergebung ist "katholische Unsitte"

Aktualisiert am 19.05.2022  –  Lesedauer: 
Bild: © KNA

Freiburg ‐ "Es ist gewissermaßen eine katholische Unsitte, zu schnell von Vergebung zu reden und damit neues Unrecht hervorzubringen", sagt der Theologe und Psychoanalytiker Eckhard Frick – und macht das an Beispielen fest.

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Vergebung kann es für den Münchner Theologen und Psychoanalytiker Eckhard Frick nicht auf die Schnelle geben. "Das Wichtigste ist der Prozess, die Zeit. Es ist gewissermaßen eine katholische Unsitte, zu schnell von Vergebung zu reden und damit neues Unrecht hervorzubringen", sagte Frick der Wochenzeitschrift "Christ in der Gegenwart". Er bezog sich dabei auch auf Betroffene von sexualisierter Gewalt. Sie dürften nicht ein weiteres Mal geschädigt werden, indem man ihnen sage: "Du musst doch vergeben!"

Auch sei es unsinnig, jemanden zu einer Entschuldigung zu drängen, gerade auch im politischen Raum. "Man kann sich nicht selbst entschuldigen, sondern nur um Entschuldigung bitten", betonte Frick.

Hoffnung auf eine schnelle Vergebung für die Verbrechen des russischen Krieges in der Ukraine hat der Theologe nicht. Auch wenn alle auf ein Schweigen der Waffen, auf humanitäre Korridore und auf Friedensverhandlungen hofften. Diese Schritte könnten aber nur langsam erreicht werden, so Frick. "Und ein Waffenstillstand ist noch keine Vergebung, ein Friedensvertrag ist noch keine Vergebung. Das dauert manchmal eine ganze Generation oder darüber hinaus." Aktuell werde beispielsweise politisch sichtbar, dass "wir in Feindbilder des Zweiten Weltkrieges zurückfallen. Dass wir plötzlich wieder von 'dem Russen' reden und gewissermaßen den Feind personifizieren". (KNA)