Standpunkt

100 Millionen Flüchtlinge: Ein trauriger Rekord, der auch uns betrifft

Aktualisiert am 24.05.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Berlin ‐ Erstmals sind weltweit mehr als 100 Millionen Menschen auf der Flucht – eine erschreckende Zahl, die aller Voraussicht nach weiter ansteigen wird. Steffen Zimmermann fragt sich, ob Deutschland sich dieser Herausforderung schon genug bewusst ist.

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Es ist eine erschreckende Zahl: Laut den Vereinten Nationen sind derzeit erstmals seit Beginn der entsprechenden Aufzeichnungen mehr als 100 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Das sind rund 20 Millionen Menschen mehr, als Deutschland Einwohner hat und, wie UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi am Montag zu Recht sagte, es ist "ein Rekord, der niemals hätte erreicht werden dürfen".

Die Gründe dafür, dass immer mehr Menschen ihre Heimat verlassen müssen, sind vielfältig. Allerdings haben sie in den meisten Fällen eines gemeinsam: sie sind menschengemacht. Ob der vom Menschen verursachte Klimawandel oder die von Menschen angezettelten Kriege und Konflikte in vielen Teilen der Welt – der Mensch ist immer noch und immer wieder der größte Feind des Menschen und sorgt dafür, dass ganze Regionen unbewohnbar werden.

Wie sehr auch uns in Deutschland die globalen Fluchtbewegungen betreffen, haben die vergangenen Jahre überdeutlich gezeigt. Vor allem die sogenannte "Flüchtlingskrise" 2015/2016 und – ganz aktuell – die Ankunft Hunderttausender Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine haben uns drängend vor Augen geführt, dass Flucht und Vertreibung keine Sache der Vergangenheit sind und sich nicht etwa auf weit entfernte Weltregionen beschränken. Nein, die Flüchtlinge stehen unmittelbar vor unserer Haustür und erhoffen sich hier und heute von uns Hilfe und Schutz.

Insgesamt hat Deutschland die Fluchtbewegungen der vergangenen Jahre gut bewältigt. Die staatlichen Stellen vermitteln inzwischen nicht mehr den Eindruck, mit den ankommenden Menschen überfordert zu sein und die Hilfsbereitschaft Hunderttausender Haupt- und Ehrenamtlicher war ohnehin immer groß. Das berühmte "Wir schaffen das" der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich – zumindest vorerst – bewahrheitet.

Allerdings sagen alle Experten voraus, dass die Zahl der flüchtenden Menschen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weltweit weiter stark ansteigen wird – und damit auch die daraus erwachsenden Herausforderungen für Deutschland. Ist uns das bewusst? Sind wir als Gesellschaft darauf vorbereitet? Ich fürchte nicht. So groß das Engagement für Flüchtlinge hierzulande ist – es wird noch viel zu sehr auf Sicht gefahren. Ernstzunehmende Konzepte für den Umgang mit Hunderttausenden oder gar Millionen weiteren Flüchtlingen gibt es kaum, ebenso fehlt es an einer breiten gesellschaftlichen Debatte über das Thema. Hier muss dringend mehr passieren – die dramatische Zahl von mehr als 100 Millionen Flüchtlingen sollte uns das endgültig klar gemacht haben.

Von Steffen Zimmermann

Der Autor

Steffen Zimmermann ist Redakteur im Korrespondentenbüro von katholisch.de in Berlin.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.