Pater Philipp König über das Sonntagsevangelium

Einheit? Ob wir wollen oder nicht!

Aktualisiert am 28.05.2022  –  Lesedauer: 
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Frankfurt am Main ‐ Im Evangelium spricht Jesus von Einheit, Herrlichkeit, Vollendung – und Pater Philipp fragt sich, was das jetzt soll. Hat Jesus unserer Gegenwart samt Krieg, Pandemie und weiteren Krisen nichts Lebensnäheres zu sagen? Unser Autor ringt sich durch das Evangelium und entdeckt, was längst da ist.

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"Ich bitte (…) für alle, die durch ihr Wort an mich glauben." Jesus betet für die Glaubenden, das heißt: Er betet für uns. Ein schöner Gedanke, gerade in diesen Zeiten der Krise. Mir scheint, dass wir Menschen das Gebet gerade jetzt dringend brauchen: Der Angriffskrieg in der Ukraine, die Kernschmelze der Kirche, noch immer die Pandemie, dazu persönliche Probleme und Verunsicherungen. Da fällt es vielen schwer, selbst zu beten. Gerade dann ist es gut zu wissen, dass ein anderer es für uns tut: Jesus selbst.

Einheit? Herrlichkeit? Vollendet-Sein?

Gleichzeitig sind es große und hehre Begriffe, die Jesus im heutigen Evangelium verwendet: Einheit? Herrlichkeit? Vollendet-Sein? Das klingt wie von einem anderen Stern angesichts von Einsamkeit und Aggressivität in unserem sozialen Miteinander, angesichts von Zerrissenheit und Spaltung unter uns Getauften. Zerbrochen, allenfalls fragmentarisch erleben wir uns. Aber vollendet?

"… damit sie eins sind, wie wir eins sind." Wenn Jesus von Einheit, Herrlichkeit und Vollendung spricht, dann muss er damit etwas meinen, was wir nicht selbst herstellen können, so gerne wir es auch würden. Ähnlich wie der Friede, den er hinterlässt, nicht der Friede ist, den die Welt gibt. Vielmehr ist er eine Realität, die "von oben", von Gott kommt.

"So sollen sie vollendet sein in der Einheit." Oft staune ich, welche unterschiedlichen Typen und Charaktere etwa in meiner Ordensgemeinschaft zusammenfinden. Da sind Menschen, die einander nicht ausgesucht haben, und die auf den ersten Blick wenig bis kaum etwas miteinander verbindet. Wir sind einander geschenkt – und zugemutet! Einheit ist keine Uniformität und Gemeinschaft ist kein Kollektiv. Am Ende dürfen (und müssen) wir vertrauen, dass es Gott selbst ist, der uns trägt und verbindet – über alle Spaltungen hinweg.

Die Einheit (wieder)finden, die schon da ist!

"… damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und sie ebenso geliebt hast, wie du mich geliebt hast." Ich schätze, es geht weniger darum, eine Einheit erst herzustellen. Vielmehr geht es darum, uns der Einheit bewusst zu werden, die bereits gegeben ist. Ein Bewusstsein dafür, dass wir als Menschheit (schon) zusammengehören wie die Finger einer Hand – ob wir es nun wollen oder nicht! Dass wir als Weltgemeinschaft tief miteinander verbunden sind und sogar voneinander abhängen, das spüren wir nicht erst seit dem Krieg in der Ukraine.

Der Gedanke, ganz und gar unabhängig zu sein, ist eine trügerische Illusion und erweist sich am Ende als zerstörerisch. Die Verbindungen und Verflechtungen zwischen uns Menschen sind bereits da, prägen und bestimmen uns. Es geht darum, das Leben zu teilen, wie Jesus es getan hat. Eucharistisch zu leben und dreifaltig zu leben. Zu einem Mit-Liebenden mit Jesus und dem Vater zu werden: "Damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und ich in ihnen bin."

Aus dem Evangelium nach Johannes (Joh 17,20–26)

In jener Zeit erhob Jesus seine Augen zum Himmel und betete:

Heiliger Vater, ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.

Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins sind, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt,
dass du mich gesandt hast und sie ebenso geliebt hast, wie du mich geliebt hast.

Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor Grundlegung der Welt.

Gerechter Vater, die Welt hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt und sie haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und ich in ihnen bin.

Der Autor

Pater Philipp König gehört dem Dominikanerorden an und arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Patristik und Antikes Christentum an der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt/Main. Außerdem ist er als Postulatsleiter in der Ordensausbildung tätig.

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