Standpunkt

Mit geistlicher Haltung in die Zukunft der Kirche

Aktualisiert am 02.06.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Der Synodale Weg ist auch international umstritten. Stefan Kiechle hat den Papst zu seiner Meinung befragt – und als Antwort den Brief von Franziskus ein weiteres Mal gelesen. Darin erfährt er, wie eine geistliche Position in diesem Prozess aussieht.

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Kürzlich bei Papst Franziskus: Wir waren 10 Chefredakteure und -redakteurinnen verschiedener Kulturzeitschriften des Jesuitenordens aus ganz Europa. Der Papst empfing uns für fast eineinhalb Stunden in der Bibliothek des apostolischen Palastes zu einem geschwisterlichen Gespräch. Wir sollten Fragen stellen. Ich fragte nach seiner Einschätzung des Synodalen Wegs in Deutschland.

Papst Franziskus sprach über seinen Brief "An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland" (29.6.2019) und verwies darauf, dass er das Dokument eigenhändig geschrieben habe und es das enthalte, was er zu sagen habe.

Ich habe den Brief nun nochmals gelesen. Er ist ein geistlicher Brief. Prophetisch spricht der Papst eingangs von der "Zeitenwende" – der Ukrainekrieg macht heute das Wort zum Schlüsselwort. In der Zeitenwende solle die deutsche Kirche sich nicht auf die Reform der Organisation und der Struktur fixieren. Sie solle auf den Geist hören. Sie solle selbst tiefer aus dem Evangelium leben und es bezeugen. Die Einheit ist ein sehr hohes Gut. Letztlich geht es dem Papst in allem darum, dass die Geister gut unterschieden werden.

In einem solch geistlichen Brief kann jedes "Lager" das finden, was es sucht: Der Andere höre eben zu wenig auf den Geist! Evangelisierung komme vor Strukturreform! Aber der Geist erneuere doch gerade die Strukturen! Und so weiter. Gefährlich wird es, wenn jemand den Geist nur bei sich sieht und ihn den anderen abspricht. Leider konnte der Brief die Polarisierung wohl nicht abbauen. Müssen ihn alle Beteiligten neu lesen? Kriterium für das Wirken des Geistes ist unter anderem immer der Realitätsbezug: Analysen, Thesen, "Lehren" und so weiter, die zur Wirklichkeit nicht oder nicht mehr passen, können nicht vom Geist sein. Der Geist zeigt Neues, bricht auf, treibt voran. Von innen her müssen alle umkehren – dann gibt es keine neuen Spaltungen, sondern tiefere Einheit.

Papst Franziskus verweigert schnelle Top-down-Strukturreformen und frustriert damit die Reformer. Ebenso verweigert er das Machtwort gegen die Neuerer und frustriert damit die Bewahrer. Übrigens wirkte er in der Begegnung – gegen allen Prunk, der ihn umgab – gelassen und heiter, hörend und wertschätzend, bescheiden und hellwach, eben geistlich.

Von Stefan Kiechle SJ

Der Autor

Pater Stefan Kiechle SJ ist seit 2018 Chefredakteur der Zeitschrift "Stimmen der Zeit". Zuvor leitete er sieben Jahre die Deutsche Provinz des Jesuitenordens.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.