Namhafte Theologen und kirchennahe Politiker melden sich zu Wort

Offener Brief: Protestanten sollen Beziehungen zu Moskau stoppen

Aktualisiert am 03.06.2022  –  Lesedauer: 

Berlin/Kiew ‐ Schluss mit den Beziehungen der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Moskauer Patriarchat: Das fordern namhafte Theologen und kirchennahe Politiker in einem Offenen Brief an EKD und den Ökumenischen Rat der Kirchen.

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Namhafte Theologen und kirchennahe Politiker fordern einen Stopp der Beziehungen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zum Moskauer Patriarchat der orthodoxen Kirche. Die Moskauer Führungsspitze der russisch-orthodoxen Kirche sei "ein wesentlicher Teil der russischen Kriegsmaschinerie", heißt es in einem Offenen Brief, der sich an den Generalsekretär des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK), Ioan Sauca, sowie den Rat der EKD richtet. Mit ihrem Segen werde ein Angriffskrieg in der Ukraine geführt. "Wir fordern Sie auf, sich dafür einzusetzen, dass ein Moratorium für jeglichen bilateralen Dialog auf kirchenleitenden Ebenen zwischen EKD und der Moskauer Führungsspitze der Russisch-Orthodoxen Kirche ausgesprochen wird".

Initiiert haben das Schreiben Ellen Ueberschär, langjährige Generalsekretärin des Evangelischen Kirchentags, heute Vorstand der Berliner Stephanus-Stiftung, sowie Katharina Kunter, Professorin für Kirchliche Zeitgeschichte in Helsinki. Zu den Erstunterzeichnern zählen die frühere Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörde, Marianne Birthler (Grüne), die ehemalige Thüringer Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU), der DDR-Bürgerrechtler Markus Meckel (SPD) sowie Petra Bahr, Regionalbischöfin der Evangelischen Landeskirche Hannovers.

Anlass des Schreibens ist die 11. ÖRK-Vollversammlung, die Anfang September in Karlsruhe stattfinden soll. Die Unterzeichner des Briefs plädieren dafür, die ÖRK-Mitgliedschaft der russisch-orthodoxen Kirche auf Eis zu legen. ÖRK und EKD müssten außerdem transparent erläutern, "wie der Krieg gegen die Ukraine und das Gebaren der Führungsspitze der Russisch-Orthodoxen Kirche" auf der Vollversammlung im September thematisiert und der Vorrang der Opferperspektive gewahrt werden soll".

Selenskyj ehrt Vatikan-Botschafter für Verbleib in Kiew

Der ÖRK wird aufgefordert, auf der Vollversammlung allen ukrainischen Kirchen, die vom Moskauer Patriarchen unabhängig sind, "einen besonderen Platz" einzuräumen. Mit Blick auf den deutschen Protestantismus fordern die Unterzeichner: "Wir erwarten, dass sich die EKD in ihrer öffentlichen Kommunikation auf das Leid der Menschen in der Ukraine konzentriert und sich weniger um das schlechte Image der Russischen Orthodoxie sorgt." Es sei überfällig, dass die Kirchen in Deutschland ihren Beitrag zu den Sanktionen leisteten. Die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus hatte die Rechtfertigungen des Kriegs durch Patriarch Kyrill I. als "kaum zu ertragen" bezeichnet. Sie forderte bisher aber keinen Abbruch der Beziehungen.

Unterdessen verlieh der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den Botschaftern des Vatikan und Polens eine staatliche Auszeichnung, weil sie Kiew während des Kriegs nicht verlassen haben. Er dankte dem päpstlichen Nuntius, Erzbischof Visvaldas Kulbokas, und Polens Botschafter Bartosz Cichocki, dass sie alle 99 Tage seit Russlands Einmarsch in die Ukraine in der Hauptstadt geblieben seien, teilte die Präsidentenkanzlei (Donnerstagabend) mit. Die Vertreter aller anderen Staaten waren aus Sicherheitsgründen aus Kiew ins westukrainische Lwiw (Lemberg) oder in ihre Heimatländer gegangen. Inzwischen kehrten fast alle wieder in die Hauptstadt zurück. Nuntius Kulbokas hatte in den ersten Tagen der russischen Großoffensive laut dem ukrainischen Portal RISU immer einen Rucksack bei sich, für den Fall eines Luftalarms. Er habe damals nie gewusst, wo er in ein paar Sekunden sein werde, sagte er.

Der römisch-katholische Bischof von Odessa, Stanislaw Schyrokoradiuk, beklagt indes einen zunehmenden Rückzug von Priestern aus ukrainischen Kriegsgebieten. In seinem Bistum seien etliche polnische Geistliche tätig, die der Ukraine nun den Rücken kehrten, sagte der Bischof dem Sender Radio Horeb (Freitag). In Odessa selbst seien noch alle Priester vor Ort. Er wolle an Pfingsten und den darauffolgenden Sonntagen persönlich entlegene Pfarreien in Kriegsgebieten besuchen. "Die Menschen brauchen uns jetzt dringender denn je", betonte Schyrokoradiuk. Sie benötigten angesichts des anhaltenden Kriegs besondere geistliche Unterstützung. Er zelebriere täglich früh eine Messe und am Abend eine speziell für die gefallenen Soldaten. (tmg/KNA)