Diakon Ajoy George Kunnamkot über sein kirchliches Amt

Familienvater mit Weihe

Aktualisiert am 11.07.2022  –  Lesedauer: 
Familienvater mit Weihe
Bild: © Thomas Warnack

Bonn ‐ Ajoy George Kunnamkot ist erst kürzlich in Ulm zum Ständigen Diakon geweiht worden. Während seiner Weihe war seine Tochter immer an seiner Seite. Im Interview mit katholisch.de berichtet er darüber und spricht über die Herausforderungen für ihn als Diakon und Familienvater.

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Ajoy George Kunnamkot (41) ist katholischer Diakon mit Familie und Zivilberuf. Er wurde in Kerala geboren und gehört der syro-malabarischen katholischen Kirche an, den sogenannten "Thomas-Christen". Seit 2004 lebt er in Deutschland und hat hier erfahren, dass es Diakone mit Familie gibt. Bei seiner Weihe in der Basilika Ulm-Wiblingen war seine Familie dabei. Im Interview mit katholisch.de spricht er über diesen besonderen Moment und warum seine Frau einen Brief an den Bischof schreiben musste.

Frage: Herr Kunnamkot, das Foto von Ihrer Weihe mit Kind im Arm hat mich sehr berührt. Wer ist das Mädchen?

Kunnamkot: Das ist meine Tochter Theresa, sie ist eineinhalb Jahre alt. Auf dem Foto sieht man mich gemeinsam mit den beiden anderen Weihekandidaten am Boden knien. Der Bischof spricht gerade das Weihegebet. Danach ist meine Kleine zu mir gekommen und hat mich umarmt. Das war ein ganz besonderer Moment für mich.

Frage: Normalerweise versucht man ja Kinder im Gottesdienst eher vom Herumlaufen abzuhalten …

Kunnamkot: Meine Frau und ich hatten vorab darüber gesprochen. Wir wollten unserer Jüngsten die volle Freiheit geben. Sie soll sich in der Kirche bewegen, wie sie es möchte. Aber sie hat uns damit überrascht, dass sie immer so nahe bei mir sein wollte. Sie ist auch schon mit mir an der Hand in die Kirche eingezogen. Sie ist auch während der Messe immer wieder zu mir in den Chorraum nach vorne gekommen. Sie hat nach und nach die Liederbücher der anwesenden Priester und Gäste eingesammelt und zu mir gebracht.

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Frage: Hat sich niemand darüber beschwert?

Kunnamkot: Nein, ich glaube, die Herren haben es sogar genossen, dass ein Kind um uns herum war. Alle haben gelacht und sich gefreut. Ich denke, dass sich keiner gestört fühlte. Ich fand es schön, dass meine Kleine so nahe bei mir war.

Frage: Ich glaube, dass es bestimmt Gottesdienstbesucher gibt, die Kinder lieber brav in der Kirchenbank sitzen sehen 

Kunnamkot: Ja, aber dann braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn diese Kinder später nicht mehr in die Kirche kommen, wenn man ihnen alles verbietet oder sie zum Stillsitzen zwingt. Die Kinder sollen rund um den Tisch des Herrn spielen können. Wir sind doch eine lebendige Kirche. Meine Tochter war jedenfalls mittendrin und sie soll sich später mit Freude an diesen Gottesdienst erinnern. Sie darf und soll in der Kirche spielen, um sich damit vertraut zu machen.

Frage: Durften Sie das als Kind auch?

Kunnamkot: So spielerisch bestimmt nicht. Ich bin in Indien, in Kerala aufgewachsen und gehöre zur syro-malabarischen katholischen Kirche. Als Kind war ich mit meinen Eltern regelmäßig im Gottesdienst. Meist saß ich in der ersten Reihe. Später war ich dann Ministrant. Ich war also immer vorne mit dabei. Ich finde das auch für meine Kinder wichtig.

Bild: ©Thomas Warnack

Nach der Weihe gibt es noch ein Foto mit Bischof Gebhard Fürst und der Familie in der Basilika St. Martin in Ulm-Wiblingen. Ajoy George Kunnamkot ist einer der wenigen Ständigen Diakone weltweit, der sowohl in der römisch-katholischen als auch in der syro-malabarischen Kirche dient.

Frage: Wie haben Ihre beiden größeren Kinder auf die Weihe reagiert?

Kunnamkot: Unseren beiden Töchtern, Elizabeth (10) und Marina (6), habe ich alles genau erklärt. Sie haben richtig viele Fragen gestellt: Papa, warum liegst du vorne am Boden? Was kann ein Diakon alles machen? Sie wissen, dass ich mich schon seit langem in der Kirche engagiere. Wir gehen auch oft gemeinsam in den Gottesdienst und ich singe regelmäßig in einer gregorianischen Choralschola. Sie sind es also gewöhnt, dass Papa was in der Kirche macht.

Frage: Wie hat Ihre Frau darauf reagiert, als Sie sich entschieden haben, Diakon zu werden?

Kunnamkot: Meine Frau war von Anfang an mit meinem Weg einverstanden und hat mich darin bestärkt. Sie kommt auch aus Indien und ist wie ich katholisch und Ingenieurin. Das kirchliche Amt eines Ständigen Diakons kannte sie allerdings aus Indien nicht. Ich habe auch erst hier in Deutschland davon erfahren. Während meines Mechatronik-Masterstudiums habe ich einige Zeit im damaligen Kloster der Benediktiner in Weingarten mitgelebt. Dort habe ich das erste Mal einen Diakon kennen gelernt und war sehr angetan von diesem Amt. Später habe ich dann Theologie im Fernkurs studiert und die Ausbildung zum Diakon begonnen. Damals musste meine Frau einen frei formulierten Brief an den Bischof schreiben, ob sie damit einverstanden ist.

Frage: Was steht in dem Brief drin?

Kunnamkot: Meine Frau hat mir den Brief gezeigt. Sie schrieb, dass sie als Ehefrau von ganzem Herzen dabei sein möchte, hinter mir steht und mein Vorhaben unterstützt. Sie hat das sehr schön formuliert. Mein geistlicher Begleiter hat mir später erzählt, dass er Tränen in den Augen hatte, als er ihren Brief gelesen hat.

Ein Ständiger Diakon trägt eine Stola und hält eine Predigt.
Bild: ©KNA/Harald Oppitz

Das Diakonen-Amt ist eines der ältesten der Kirche. Der Begriff leitet sich vom griechischen Wort "diakonos" ab und bedeutet Diener oder Helfer. Ständige Diakone können seit 1968 auch verheiratete Männer sein.

Frage: Aber es gibt bestimmt Momente, in denen es Ihrer Frau auch schwerfällt. Zum Beispiel wenn Sie als Diakon im Gottesdienst vorne stehen und sie alleine in der Kirchenbank zurückbleibt …

Kunnamkot: Ja, das stimmt. Wir machen es oft auch so, dass wenn ich morgens im Gottesdienst Dienst habe, wir dann als Familie abends nochmals gemeinsam in die Messe gehen. Aber es bleibt schon eine Herausforderung, wenn ich ungeplant und dringend zu einem seelsorglichen Gespräch gerufen werde und meine Familie mich gerade braucht. Ohne Unterstützung der Ehefrau wäre dieses Amt unmöglich leistbar. Da gäbe es nur Stress.

Frage: Wie können Sie das Amt des Diakons mit Ihrem Hauptberuf als Ingenieur vereinbaren?

Kunnamkot: Als Diakon im Zivilberuf verdiene ich im Monat 200 Euro. Als Richtwert gilt, dass man etwa vier bis sechs Stunden pro Woche diakonischen Dienst leisten sollte. Es ist also eigentlich mehr ein Ehrenamt für mich. Auch wenn ich weiß, dass ich bestimmt mehr als vier Stunden pro Woche dafür arbeiten werde. Aber ich habe in meinem Leben so viel Gutes empfangen, ich will der Kirche dafür etwas zurückgeben. Ich glaube fest an Gott und ich glaube an sein Wirken durch die Kirche. Ich will Teil dieses Systems sein. Das sage ich ganz bewusst, weil ich fest daran glaube, dass die Kirche, trotz der vielen Probleme, ein gutes System ist. Aber zur Kirche gehören viele Menschen, und die können Fehler machen. Ich habe in Indien erlebt, wie viel die Kirche dort für die Menschen tut. Ohne die Kirche wäre das Leben vieler Menschen dort schwierig gewesen und viele hätten vor allem keinen Zugang zu guter Bildung gehabt. Auch im Gesundheitssektor und bei den Kinderheimen geht die Kirche mit gutem Beispiel voran.

Frage: Aber dafür hätten Sie nicht Diakon werden müssen. Da könnten Sie auch ehrenamtlich helfen …

Kunnamkot: Ja, das könnte ich auch alles ohne Weihe tun. Aber für mich ist die Weihe wichtig, weil damit klar ist, dass ich im Auftrag von Christus und der Kirche komme. Daher trage ich auch bewusst einen Kollar. Ich bin natürlich kein Priesterersatz. Aber ich will damit zeigen: Ich bin aus Überzeugung Diakon. Das ist für mich wie ein persönliches Lebenszeugnis.

Ein Diakon teilt die Kommunion aus.
Bild: ©KNA/Harald Oppitz

Diakone können in der katholischen Kirche die Kommunion austeilen, taufen, bei der Eheschließung assistieren und beerdigen. Sie dürfen aber im Unterschied zu Priestern keine Eucharistiefeier leiten oder die Beichte hören.

Frage: Was ist Ihnen wichtig als Diakon?

Kunnamkot: Ich war schon vor meiner Weihe in der Familienarbeit der Gemeinde tätig. Ich besuche Familien und nehme mir Zeit für Gespräche. Das möchte ich auch weiterhin machen. Ich finde, wenn die Familien nicht in die Kirche kommen, dann soll die Kirche zu ihnen kommen. Ich möchte Kirche erfahrbar machen als menschlich zugewandt und nahe. Ich freue mich aber auch schon auf die Taufen und die Hochzeiten, die ich begleiten darf. Ich finde, wenn ich als Diakon gut und freundlich zu den Menschen bin, mit einem Lächeln im Gesicht zuhöre, dann habe ich gute Chancen, diese Menschen für das Evangelium Christi zu begeistern.

„Als ich nach der Weihe mit dem Bischof und den anderen Diakonen aus der Kirche ausgezogen bin, habe ich meine kleine Teresa im Hintergrund nach mir "Papa, Papa" rufen gehört. Das war wie eine Mahnung für mich: Ich bin als Diakon gesendet, aber der Papa wird gerufen. Ich hoffe, dass wir als Familie eine gute Balance finden.“

—  Zitat: Diakon Ajoy George Kunnamkot

Frage: Was wäre Ihr Wunsch für die Kirche?

Kunnamkot: Die katholische Kirche ist eine große Weltkirche in der apostolischen Tradition. Jeder hat seinen Platz in dieser missionarischen Kirche. Wir sind alle eins in Christus (vgl. Galater 3,28). Daher steht für mich der Dienstcharakter der ordinierten Ämter im Vordergrund und nicht die Machtstrukturen oder Sonderbefähigungen. Zu dienen ist aber kein Privileg. Unter diesem Blickwinkel betrachtet, beschäftigen mich auch die aktuellen kontroversen Fragen in der Kirche im Zusammenhang mit der Weihe nicht mehr. Nach meiner Meinung haben alle Menschen die Möglichkeit, sich in den verschiedenen Handlungsfeldern der Kirche entsprechend ihrer eigenen Charismen mitzuwirken. Die Kirche sollte alle diese Charismen aktiv fördern und den missionarischen Eifer für die Neuevangelisierung wiederentdecken. Und für mich persönlich wünsche ich mir, dass ich meinen Beruf und mein Amt als Diakon gemeinsam mit meiner Familie gut unter einen Hut bekomme.

Noch eine Sache: Als ich nach dem Weihegottesdienst aus der Kirche mit dem Bischof und den anderen Diakonen ausgezogen bin, habe ich trotz der lauten Orgelmusik meine kleine Teresa im Hintergrund nach mir rufen gehört. Leider konnte ich sie da nicht an die Hand nehmen wie beim Einzug. Das hat mich schon geschmerzt. Aber sie musste da auch auf mich verzichten. Aber ihr "Papa, Papa"-Rufen war wie eine Mahnung für mich: Ich bin als Diakon gesendet, aber der Papa wird gerufen. Ich bin jetzt beides und hoffe, dass wir als Familie eine gute Balance finden.

Von Madeleine Spendier

Zur Person

Ajoy George Kunnamkot wurde in Kerala in Indien geboren und gehört der syro-malabarischen katholischen Kirche an, den sogenannten "Thomas-Christen". Er arbeitet als Ingenieur in der Entwicklungsleitung, ist verheiratet und hat drei Töchter. Die Familie lebt in Bodnegg im Allgäu. Er wurde am 4. Juni gemeinsam mit Florian Kluger und Markus Lubert von Bischof Gebhard Fürst in der Wiblinger Basilika St. Martin zu Ständigen Diakonen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart geweiht. Die Weihe fand im lateinischen Ritus statt. Kunnamkot ist damit weltweit einer von zwei Ständigen Diakonen der syro-malabarischen Kirche. Als Diakon im Zivilberuf ist er in St. Johannes und St. Mauritius in Amtzell tätig.