Misereor-Chef ist bekennender Fahrrad-Urlauber

Spiegel über Urlaub mit dem Rad: Ganzheitliche Erfahrung von Schöpfung

Aktualisiert am 03.07.2022  –  Lesedauer: 
Spiegel über Urlaub mit dem Rad: Ganzheitliche Erfahrung von Schöpfung
Bild: © KNA/Paul Sklorz

Bonn ‐ Es gibt viele Gründe, Urlaub mit dem Fahrrad zu machen. Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer des Hilfswerkes Misereor, ist bekennender Fahrradurlauber. Im Interview spricht er über die Vorzüge des entschleunigten Reisens und besinnliche Momente.

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Steigende Spritpreise, Klimakrise, etwas für die Fitness tun – viele Gründe sprechen dafür, Urlaub mit dem Fahrrad zu machen. Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer und Vorstandsvorsitzender des Bischöflichen Entwicklungshilfswerkes Misereor, ist bekennender Fahrradurlauber. Im Interview spricht Spiegel über Urlaub in Krisenzeiten, Vorzüge des entschleunigten Reisens und besinnliche Momente.

Frage: Herr Spiegel, darf man in diesem krisengeschüttelten Jahr überhaupt Urlaub machen?

Spiegel: Ich habe schon überlegt, ob und wie Urlaub in Zeiten von Hunger, Kriegen, Klimakrise überhaupt geht. Vielleicht lässt sich ein Fahrradurlaub mit dem Bewusstsein vieler Krisen verbinden. In diesem Jahr soll es mit dem Zug zur Mecklenburgischen Seenplatte gehen, von wo aus wir uns Räder mieten, aber auch mal wandern.

Frage: Wie haben Sie überhaupt den Fahrradurlaub für sich entdeckt?

Spiegel: Seit meiner Rückkehr aus dem brasilianischen Amazonasgebiet nach Deutschland 2012 habe ich jeden Sommer eine Fahrradtour mit einer kleinen Gruppe von Pfälzerinnen und Pfälzern gemacht. Schon vor meiner Zeit in Brasilien war ich leidenschaftlicher Fahrradfahrer.

Frage: Welche Vorzüge hat für Sie der Urlaub mit dem Fahrrad?

Spiegel: Die Schöpfung vermittelt sich anders, und Radfahren dient der Gesundheit. Radeln bedeutet auch eine Unterbrechung vom Alltag; man kommt nicht so schnell von A nach B. Mir persönlich ist es immer eine große Freude, unterwegs zu stoppen und mit Leuten ins Gespräch zu kommen wie zuletzt auf dem Oder-Neiße-Radweg. Dort hatten wir auch sehr viele Begegnungen mit Rehen, Störchen und Bibern. Fahrradurlaub ist eine ganzheitliche Erfahrung von Schöpfung, die aufmerksame Wahrnehmung tut sehr gut. 

Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer und Vorstandsvorsitzender des Bischöflichen Hilfswerks Misereor
Bild: ©KNA/Julia Steinbrecht

"Wenn wir so, jeder in seinem Rhythmus, fahren und die Stille auf uns wirken lassen, fühlen wir uns untereinander und mit anderen sehr verbunden", sagt Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer und Vorstandsvorsitzender des Bischöflichen Hilfswerks Misereor.

Frage: Spielen bei dieser Urlaubsform für Sie auch Umweltaspekte und Nachhaltigkeit eine Rolle?

Spiegel: Ja, sie bilden eine große Klammer. Uns bei Misereor ist ein möglichst geringer ökologischer Fußabdruck ein Anliegen. Wir wissen, dass der Welterschöpfungstag jedes Jahr immer früher im Jahr erreicht ist. Dagegen möchten wir ganz konkrete Zeichen setzen.

Aus meiner Zeit in Brasilien weiß ich, dass die Bäuerinnen und Bauern dort wenig motorisiert sind, in der Regel selbst weite Strecken mit dem Fahrrad – über schlechte, sandige Wege – zurücklegen. Beim Radeln verbinde ich mich in Gedanken mit ihnen – auch wenn es für mich Urlaubsvergnügen ist, auf bequemen Wegen und in schöner Natur. Natur- und Urlaubserfahrung sind mit dem Fahrrad hervorragend möglich und zudem ein Beitrag zur nachhaltigen Mobilität.

Frage: Haben Sie vielleicht Tipps für Neueinsteiger, die das erste Mal Urlaub mit dem Fahrrad machen möchten oder planen?

Spiegel: Strecken zwischen 50 und 60 Kilometern pro Tag reichen am Anfang. So bleibt auch Zeit für kleine, spontane Unterbrechungen. Wir planen immer so, dass wir immer wieder anhalten können – um die Natur zu genießen, für ein gutes Gespräch am Wegesrand, eine Rast in einem Biergarten. Meine zweite Empfehlung: lieber kein E-Bike benutzen, sofern machbar. Das verleitet zu größeren, ambitionierteren Tagesetappen, bei denen die Entspannung leicht auf der Strecke bleiben kann.

Frage: Wie sieht für Sie der perfekte Urlaubstag mit dem Rad aus?

Spiegel: Wir radeln zwischen 50 und 80 Kilometer. Wir kommen meist so gegen 15, 16 Uhr am Tagesziel an. So haben wir noch ausreichend Zeit auszuruhen, schwimmen zu gehen, einen Spaziergang zu machen oder zu lesen, bevor wir uns dann abends wieder treffen.

Frage: Bis zu 80 Kilometer - das klingt sportlich ...

Spiegel: Das täuscht, wir nehmen uns Zeit. Etwa drei Stunden nach dem Start machen wir stets eine Pause. Wir haben immer eine Flasche Pfälzer Wein dabei und Brot aus der Region. Wir rasten dann und laden auch vorbeikommende Radfahrerinnen und Radfahrer ein. Dafür haben wir sogar kleine 0,1-Liter-Probiergläser im Gepäck.

Touristenseelsorger bekommen Frust über die Kirche zu spüren

Für Urlauber an Nord- und Ostsee machen die Kirchen auch in diesem Sommer zahlreiche Angebote. Die Seelsorger bekommen dabei sowohl eine Sehnsucht der Menschen nach Spiritualität als auch Frust über die Kirche zu spüren.

Frage: Das wird viele freuen ...

Spiegel: Meistens gibt es drei verschiedene Reaktionen: Einige schütteln irritiert den Kopf. Andere sagen, Sie haben keine Zeit. Und wieder andere nehmen die Einladung freudig an – eine schöne Möglichkeit zur Begegnung, zur Beziehung, zum Austausch, zum Gespräch am Wegesrand.

Frage: Ungeübte Radler trauen sich so einen Urlaub aus Angst vor Pannen nicht zu. Mussten Sie auch schon mal eine Zwangspause einlegen?

Spiegel: Durchaus. Auf dem Ostseeradweg hatten wir einmal nicht gemerkt, dass bei einem unserer Mitreisenden ein kleiner Nagel im Mantel steckte. Jedes Mal, nachdem wir den Schlauch gewechselt hatten, war nach wenigen Kilometern die Luft wieder raus. So kamen wir nur sehr langsam vorwärts. Und geregnet hat es an diesem Samstag obendrein. Wir haben schließlich einen Fahrradshop angerufen. Die sind dann mit dem Wagen gekommen, haben alle Räder eingesammelt, den Reifen ausgebessert und uns sogar noch zu einem Kaffee eingeladen. Wir mussten nur die Materialkosten bezahlen.

Es gab eine besondere Verbindung zwischen den Menschen in dem Fahrradgeschäft und unserer Gruppe, ein spürbarer gemeinsamer Geist, der fast schon etwas Pfingstliches hatte. Die Mitarbeiter erkannten in uns Radler mit Leib und Seele und wollten ihren Beitrag leisten zum Gelingen unserer Tour. Die großartige Pannenhilfe war dann natürlich für uns eine Riesenmotivation weiterzufahren.

Frage: Hat Fahrradurlaub für Sie auch meditative Aspekte?

Spiegel: Auf jeden Fall. Wir sind zwar gemeinsam unterwegs. Aber wir sprechen uns immer wieder ab, in der nächsten Stunde mal nur bei uns selbst zu sein, still die Natur zu genießen, Geräusche wahrzunehmen oder uns im Gebet mit notleidenden Menschen in Nah und Fern zu verbinden. Im Anschluss tauschen wir uns darüber aus. Das machen wir eigentlich fast täglich. Wenn wir so, jeder in seinem Rhythmus, fahren und die Stille auf uns wirken lassen, fühlen wir uns untereinander und mit anderen sehr verbunden. Das ist eine ganz besondere Art, den anderen und die Schöpfung wahrzunehmen.

Frage: Gibt etwas, an das Sie sich besonders gerne erinnern beim Urlaub mit dem Rad?

Spiegel: Eine der schönsten Erfahrungen war auf dem Weg von Innsbruck nach Venedig. Kurz vor unserem Tagesziel sind wir – entspannt und glücklich und noch voller Eindrücke der vergangenen Tage – durch die Weinberge hinab nach Meran gefahren. Dort sind wir in eine kleine Weinverkostung geraten. Unsere Gruppe und die Winzer waren wie ein Herz und eine Seele. Als Winzersohn freue ich mich ohnehin immer, Winzerinnen und Winzer zu treffen. So empfangen zu werden, das war eine wunderbare Erfahrung und eine ganz besondere Belohnung. Ich hoffe, das war eine gute Werbung für den Fahrradurlaub.

Von Angelika Prauß (KNA)