Wenn Weinprinzessin, Pfarrer und Bürgermeister den Bischof besuchen

Die Freuden eines Pfälzer "Woi"-Bischofs: Zehntabgabe im Bistum Speyer

Aktualisiert am 14.05.2022  –  Lesedauer: 
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Kirrweiler/Speyer ‐ Einmal im Jahr steigt Bürgermeister Metzger in eine Kutsche und fährt zum Speyrer Bischof. Mit dabei: rund 200 Liter Wein. Seit zwölf Jahren liefert er seinem Oberhirten den Weinzehnt. Wie er auf die Idee kam, was ein "Woi"-Bischof ist und warum Kirchenskandale ihn nicht abhalten, erzählt er im Interview.

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"Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken", heißt es am Ende der Pfingsterzählung in der Apostelgeschichte (Apg 2,13). In der Liturgie ist dieser Satz gestrichen. Der Speyrer Bischof Karl-Heinz Wiesemann, sein Weihbischof Otto Georgens und Rolf Metzger, Bürgermeister der 2.000-Seelen-Gemeinde Kirrweiler an der Pfälzer Weinstraße, dürften für die pfingstliche Weinfeindlichkeit wenig Verständnis haben. Leben sie doch inmitten Pfälzer Weinreben. Einmal im Jahr – wie es der Zufall will zu Pfingsten – treffen sich die drei zwischen Speyrer Dom und Bischofshaus. Dann nämlich kommt Metzger mit Weinprinzessin, Winzern und großem Aufgebot in die Bischofsstadt und bringt den Speyrer Bischöfen den Kirrweiler Weinzehnt vorbei. "So lassen sich Kirche und Leben gut verbinden", sagt er. Kurz vor der zwölften Zehnt-Abgabe hat er mit katholisch.de darüber gesprochen. 

Frage: Herr Metzger, Sie bringen einmal im Jahr Wein aus ihrem Dorf ins 25 Kilometer entfernte Speyer. Was hat es damit auf sich?

Metzger: Das hat zwei Gründe: Zunächst einmal war Kirrweiler an der Weinstraße bis 1793 die Fürstbischöfliche Sommerresidenz der Speyrer Bischöfe. Schon seit 1280 gibt es sehr enge Beziehungen zwischen Speyer und der Weinbaugemeinde. Die Bischöfe hatten hier ein rundes Wasserschloss und haben sich im Dorf vor ihrer Bischofsweihe huldigen lassen – das kann man in Unterlagen nachlesen. 2011 – zum 950. Domweihjubiläum des Speyrer Doms – wollten wir diese Kontakte wieder intensivieren. Zu diesem Jubiläum durften wir auch den großen Domnapf vor dem Dom mit 1200 Litern unseres Weins füllen. Ein zweiter Grund, warum wir den Weinzehnt wieder aufleben lassen, war die Entdeckung unseres lokalen Historikers. Der hat festgestellt, dass der Bischof von Speyer noch einen Weinberg in Kirrweiler hat – so wie in früheren Zeiten. Von damals gibt es auch am Schloss die sogenannte Schaffnerei mit dem alten Zehntkeller. Das ist ein Kellergewölbe aus großen Sandsteinblöcken. Dort hat man den Weinzehnt aus den umliegenden Dörfern für den Bischof gesammelt. Damals hatte Kirrweiler den Rang einer Kreisstadt. Und weil unser Weihbischof Otto Georgens selbst aus einer Winzerfamilie stammt und augenzwinkernd darauf besteht ein "Woi"-Bischof ["Woi" – pfälzisch für "Wein"] zu sein, haben wir gesagt: Daran könnten wir anknüpfen und den Bischöfen den Zehnt aus ihrem Weinberg bringen.

Frage: Die Zehnabgabe verlor nach und nach an Bedeutung beziehungsweise ist abgeschafft worden. Ist dieses feudale Relikt noch zeitgemäß?

Metzger: Der Zehnt war früher eine Naturalsteuer. Der Bischofsweinberg in Kirrweiler ist heute natürlich verpachtet und anfallende Steuern sind durch die Pacht abgegolten. Heute heißt es zudem nicht mehr Zehnt, sondern Bodenrente. Ich halte unseren Brauch aber für zeitgemäß. So können wir auf Geschichte und Tradition aufmerksam machen, intensivieren die gewachsene Beziehung nach Speyer und verbinden auf eine schöne Art Kirche und Leben.

Frage: Wie ist denn heute das Verhältnis zwischen Kirrweiler und dem Speyrer Bischof?

Metzger: Wir haben freundschaftlichen Kontakt. Das freut mich sehr! Bischof Wiesemann war schon mehrfach in Kirrweiler. Manchmal feiert er hier bei uns die Messe. Wir hatten ihm zu seinem Geburtstag angeboten, dass er die ehemalige Sommerresidenz jederzeit besuchen kann. Das hat er dann auch gemacht – übernachtet hat er aber nicht hier. Der Bischof kam zudem nicht mit der Kutsche – aber schöne Abende verbringt er hier immer noch gern an der Weinstraße. Dem Ort – und hoffentlich auch ihm – tut das gut.

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Seit 2011 bringt eine Delegation aus dem Weinort Kirrweiler den Speyrer Bischöfen den Weinzehnt. Auf dem Domplatz wird der Jahgang direkt verkostet.

Frage: Jetzt aber zum Wein: Können Sie uns die Trinkvorlieben der Bischöfe verraten? Wie wird der Wein für die Bischöfe ausgesucht?

Metzger: Das machen wir in einer Blindverkostung. Die Bischöfe haben sich Grauburgunder als Zehnt gewünscht. Diese Rebe ist auch als Ruländer bekannt. Der Name kommt von Johann Seger Ruland, einem Speyrer Apotheker, der die Rebe in seinem Garten wiederentdeckt hat. Bevor es im Sommer nach Speyer geht, wird bei uns im Dorf der neue Jahrgang verkostet und der beste dann zu den Bischöfen gebracht.

Frage: Die Flaschenzahl schwankt mit der Erntemenge: Wie viele Flaschen gibt es in diesem Jahr?

Metzger: Wie viele Flaschen es in diesem Jahr genau sind, weiß ich noch nicht. Die Ernte war aber leider nicht übermäßig. Pro Bischof gab es bisher immer so 150 bis 180 Flaschen. So wird das auch dieses Jahr wieder sein. In einem Jahr ist der ganze Bischofs-Weinberg erfroren, da mussten wir ein bisschen anders rechnen und haben die durchschnittliche Weinernte des Dorfes als Maßstab genommen.

Frage: Und wenn der Wein ausgetrunken ist, ruft der Bischof an und bestellt nach?

Metzger (lacht): Das kam bisher noch nicht vor. Wir liefern immer in ausreichenden Mengen – so viel können die Bischöfe nicht trinken. Angeblich genießen sie unseren Wein aber sehr. Pfälzer Wein macht sowieso immer große Freude und das ist schließlich Sinn der Sache. Der Wein wird von den beiden übrigens auch gern zu besonderen Anlässen ausgeschenkt oder verschenkt.

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Pfarrer und Weinprinzessin haben sich rausgeputzt: Mit der Kutsche geht es durch die Speyrer Innenstadt zum Dom. Dort wartet der Bischof auf die Gruppe aus Kirrweiler.

Frage: In den vergangenen Jahren haben Sie den Wein mit Kutschen, Blaskapelle und Polizeieskorte nach Speyer gebracht. Coronabedingt haben Sie auf manches verzichtet: Wie läuft in diesem Jahr die Übergabe ab?

Metzger: Bis vor zwei Jahren ist immer eine Delegation von gut 50 bis 60 Kirrweilern nach Speyer gefahren. Wie immer ziehen wir auch in diesem Jahr unsere blauen Winzerkittel an. Wir wollen schließlich auch optisch was hergeben. Und dann geht’s quer durch die Speyrer Innenstadt bis vor den Dom: Vorneweg die Polizei und unsere blau-weißen Fahnen. Denn das sind nicht nur die Farben des Speyrer Bistums, sondern auch die von Kirrweiler. In einer Pferdekutsche dahinter sitzen die Weinprinzessin und unser Pfarrer. Hinter der Kutsche läuft eine Fußgruppe mit Blasmusik. Der Weinzehnt selbst wird mit einem Planwagen auf den Domplatz gebracht. Rund 300 Flaschen sind ordentlich schwer! Zwischen Dom und Bischofshaus warten meist schon die beiden Bischöfe auf uns. Nach kurzen Ansprachen folgt die Übergabe. Im Anschluss kommt das Wichtigste: die Verkostung und die schönen Begegnungen mit Bischöfen, Passanten und uns Kirrweilern. Ich weiß, dass sich Bischof Wiesemann und Weihbischof Georgens immer sehr auf diesen Termin freuen. Es geht dabei schließlich nicht nur um den Wein, sondern auch um die Begegnung. Wegen Corona werden wir in diesem Jahr nochmal mit einer kleineren Gruppe von rund 30 Leuten nach Speyer fahren.

Frage: Ein bisschen erinnert das Ganze an eine gut durchdachte PR-Maßnahme Ihres Dorfes – was bedeutet der wiederbelebte Zehnt für Sie persönlich?

Metzger: Klar, die öffentliche Aufmerksamkeit kann man nicht wegdiskutieren. Wir profitieren als Gemeinde und natürlich hat auch das Bistum etwas davon – das finde ich auch legitim. Was meine Motivation angeht, muss ich sagen, dass ich gar nicht aus Kirrweiler, sondern aus einem Ort bei Speyer stamme. Schon durch die Nähe war der Speyrer Dom für mich als Kind besonders wichtig. Wir sind sonntags oft zur Messe in den Dom gegangen. Als kleiner Bub habe ich dann 1961 die 900-Jahr-Feier der Domweihe miterlebt. Da habe ich zum ersten Mal gesehen, wie der Dompfnapf mit Wein gefüllt war. Dass ich 50 Jahre später als Bürgermeister von Kirrweiler den Domnapf-Wein für die 950-Jahr-Feier übergeben konnte, war dann schon etwas Besonderes. Für mich persönlich war das der Anlass, die bedeutende Verbindung zwischen Speyer und Kirrweiler zu vertiefen – da lag der Weinzehnt nahe.

Frage: Sie haben den Weinzehnt 2011 ins Leben gerufen, nicht erst – aber vor allem - seit 2010 werden immer mehr kirchliche Abgründe sichtbar. Missbrauch ist ein Thema, aber auch die Frage nach Reformen steht im Raum. Wurden Sie für ihr Engagement kritisiert oder zweifeln Sie vielleicht auch selbst "Warum machst Du das?"

Metzger: Das ist eine gute Frage. Ich bin schon von klein auf kirchlich engagiert. Ich war über Jahrzehnte in der katholischen Jugendarbeit bei der DPSG, auch in der Diözesanleitung. Für mich gehört die katholische Kirche zu meinem Lebensweg. Aber die Skandale belasten mich schon. Wenn ich sehe, was an Missbrauch insbesondere auch in der Diözese Speyer passiert ist; oder die Skandale in Limburg und Köln… Was ich aber feststelle – und deswegen bin ich auch nach wie vor der Meinung, dass es in Ordnung ist, dass wir weitermachen: Unser Bischof Wiesemann ist ehrlich betroffen und möchte wirklich aufarbeiten. Das glaube ich ihm. Wichtig ist, dass die Missbrauchsskandale uneingeschränkt aufgearbeitet werden.  Deswegen finde ich es richtig den Weinzehnt am Leben zu erhalten und nicht zu sagen: Die Kirche hat Missbrauchsskandale und deswegen hören wir auf. Doch die Kirche muss sich erneuern, sie muss in vielen Bereichen moderner und zeitgemäßer werden. Dafür muss aber jeder persönlich vor Ort arbeiten. Wenn ich jetzt sagen würde, der Weinzehnt ist nicht mehr zeitgemäß oder ich gehe, weil die Kirche diese Skandale hat, wäre das aus meiner Sicht der falsche Weg. Ich finde, unsere Idee des wiederbelebten Weinzehnts passt gut in unsere Zeit, weil sie die Kirche positiv darstellt. Skandale haben zu keiner Zeit einen Platz.

Von Benedikt Heider