Standpunkt

Der Fall Pilz: Wenn Idole vom Podest stürzen

Aktualisiert am 11.07.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Köln ‐ Die Enthüllungen im Fall des Missbrauchspriesters Pilz haben Peter Otten schockiert. Denn der Geistliche hatte großen Anteil daran, dass unser Autor Theologie studierte. Otten berichtet davon, was passiert, wenn Idole vom Podest stürzen.

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Winfried Pilz war ein Idol meiner Jugend. Das hört sich 40 Jahre später schräg an. Aber so waren die Zeiten. Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich die Verbindung beschreiben soll. Idol trifft es. Ich konnte es nicht fassen, dass da einer zwanzig Minuten predigt, ohne etwas vom Blatt abzulesen oder auch nur einmal "Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben" zu sagen. Und dazu auch noch Metaphern und Bilder benutzte, die weit weg waren von den heiligen Sprechautomaten, die ich kannte. Ich bin ihm nie persönlich begegnet. So wie ich Bob Dylan ja auch noch nie persönlich begegnet bin. Idole lässt man schön auf dem Podest stehen. Hätte ich Winfried Pilz nicht erlebt, hätte ich vermutlich nicht Theologie studiert. Und ich wäre ziemlich sicher nicht Pastoralreferent geworden.

Jetzt hat das Erzbistum Köln bekannt gegeben, dass Pilz einen schutzbedürftigen Erwachsenen sexuell missbraucht hat. Es gibt Hinweise auf weitere Fälle. Das Bistum spricht von "komplexen Recherchen", die abgeschlossen seien und ruft nun mögliche weitere Betroffene auf, sich zu melden. Das päpstliche Missionswerk "Die Sternsinger" (das am Anfang übrigens "Verein der heiligen Kindheit" hieß) beeilt sich zu betonen, der Kinderschutz sei "seit jeher Fundament, Motivation, Ziel und Auftrag unserer Arbeit. Wir stehen auf der Seite der Betroffenen" – und schließt sich dem Aufruf an.

Man wüsste schon gern, worin die "komplexen Recherchen" bestanden haben. Wurden etwa aktiv Menschen befragt? Sind Ermittler hingegangen, wo Pilz gearbeitet hat? Wurden Archive durchforstet? Werden womöglich auch mögliche Mitwisser, Bystander, wie Thomas Großbölting sie in seinem Gutachten für Bistum Münster genannt hat, ermittelt? Warum ruft man eigentlich – auch in diesem Fall – öffentlich immer nur Betroffene auf, sich zu melden?

Allein 18 Jahre lang war Pilz Diözesanjugendseelsorger im Erzbistum Köln. "Kinder haben eine Stimme" sangen die Sternsinger im Jahr 2005. Wenn das stimmt, sollte klar sein, dass es bei der Aufarbeitung von sexueller Gewalt mit pflichtschuldigen Aufrufen an Betroffene nicht mehr getan ist. Was fehlt, sind überzeugende Konzepte für die Auseinandersetzung mit und Aufarbeitung von sexueller Gewalt in Gemeinden und Verbänden vor Ort. Sonst bleiben doch letztlich, trotz all der Bekenntnisse, man stehe an der Seite der Betroffenen, die Podeste stehen.

Von Peter Otten

Der Autor

Peter Otten ist Pastoralreferent in der Pfarrgemeinde St. Agnes in Köln. Seit einigen Jahren bloggt er unter www.theosalon.de.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.