Schwester Anne Kurz über das Sonntagsevangelium

Wer ist denn der treue und kluge Verwalter?

Aktualisiert am 06.08.2022  –  Lesedauer: 
Ausgelegt!

Venne bei Münster ‐ Aufgewühlt und erschüttert, so fühlt sich Schwester Anne Kurz, seit ihr dieses Tagebuch in die Hände gefallen ist. Die darin beschriebene Lebensreise lässt sie nicht mehr los – samt den darin auftauchenden Fragen: Können ängstliche Menschen zu Gott finden? Und was ist mit den falschen Heiligen?

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"Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde einsetzen wird, damit er ihnen zur rechten Zeit die Tagesration gibt?" Seit gestern bin ich aufgewühlt. Das Tagebuch von Henri Nouwen "Nachts bricht der Tag an" ist mir in die Hände gefallen. Er schreibt es in Frankreich, nachdem er seinen Dienst als Professor in den USA aufgegeben hat und dem inneren Ruf folgt, sich der Arche-Gemeinschaft in Kanada anzuschließen.

Was für eine Lebensreise unternimmt er, um den Ort zu finden, von dem aus er seinen Mitchristen Nahrung geben kann! Der niederländische Priester ist bereits bekannter Autor geistlicher Bücher. Mich beeindruckt seine Aufrichtigkeit. Obwohl die neue Ausrichtung seines Lebens ihn freut, hat er zugleich "im Großen und Ganzen keine Lust dazu": "Mit geistig Behinderten zusammenzuwohnen und sie zu betreuen, schien genau das Gegenteil dessen zu sein, wozu ich durch Ausbildung und Berufserfahrung qualifiziert war." Er hat Zweifel, ob er den Sprung schaffen kann.

Beim Lesen bin ich bewegt ob seiner schlaflosen Nächte, seines Ringens und Wartens auf Gott. Ein Jahr gibt er sich Zeit, um die neue Ausrichtung wachsen zu lassen. Er ist Beispiel für den treuen und klugen Verwalter, der auf seinen Herrn wartet, und zur rechten Zeit Nahrung gibt. Zur rechten Zeit – fast täglich schreibt er seine Lebenseinsichten nieder. Leben wird Brot. Die Einträge werden noch heute – fast 40 Jahre später – zur nährenden Tagesration.

Erschüttert bin ich wegen eines Schmerzes, der in dem Tagebuch unbeabsichtigt zu Wort kommt. Im gleichen Ort wirkt Père Thomas Philippe. Der alte Pater wird dort als heiligmäßig verehrt. Auch Henri ist zunächst beindruckt von ihm. Verklärend beschreibt er ihn. Spricht dieser den Namen "Maria" aus, öffnet sich schier der Himmel – die Messfeier mit ihm lichtet fast die Gegenwart Gottes. Heute wissen wir, was Henri damals nicht wissen konnte: Diesem Pater war wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs an Frauen bereits 1956 strikt verboten worden, das Priesteramt auszuüben. Dies verschweigend treibt er später sein Unwesen weiter und findet Menschen, die ihn als Heiligen stilisieren. Mein Herz zieht sich zusammen und ich bekomme Angst um Henri, der sich in diesem verletzlichen Jahr dem Pater anvertraut. Henri offenbart ihm sein Bedürfnis nach Zuneigung. Der Pater antwortet ihm auf seine Not mit einem zweistündigen Vortrag. Kein Gespräch, keine Suche. Gott sei Dank ist Henri ihm nicht intensiver in die Hände geraten.

"Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde einsetzen wird, damit er ihnen zur rechten Zeit die Tagesration gibt?" Einer kann als heiligmäßig gelten und doch die Mägde und Knechte schlagen. Ein anderer kann, wie Henri, starkes Verlangen nach Zuneigung in sich tragen und von der Angst geplagt werden, dies mindere seine Hingabe an Gott und beeinträchtige seinen Dienst an den Menschen. Er geht transparent damit um, lässt sich formen. Das Tagebuch offenbart ersehnte Nähe, erlittener Einsamkeit, inneres Zerbrechen. In all dem bricht der Tag an, an dem der Herr kommt. Die heilende Kraft der Liebe nimmt in ihm Gestalt an: "Das Leben hinzugeben für meine Freunde, das ist es, was Jesus von mir verlangt."

Evangelium nach Lukas (Lk 12,32–48)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.

Verkauft euren Besitz und gebt Almosen! Macht euch Geldbeutel, die nicht alt werden! Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst! Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.

Eure Hüften sollen gegürtet sein und eure Lampen brennen! Seid wie Menschen, die auf ihren Herrn warten, der von einer Hochzeit zurückkehrt, damit sie ihm sogleich öffnen, wenn er kommt und anklopft! Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt!

Amen, ich sage euch: Er wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen. Und kommt er erst in der zweiten oder dritten Nachtwache und findet sie wach – selig sind sie.

Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde der Dieb kommt, so würde er verhindern, dass man in sein Haus einbricht. Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.

Da sagte Petrus: Herr, sagst du dieses Gleichnis nur zu uns oder auch zu allen? Der Herr antwortete: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde einsetzen wird, damit er ihnen zur rechten Zeit die Tagesration gibt? Selig der Knecht, den der Herr damit beschäftigt findet, wenn er kommt! Wahrhaftig, ich sage euch: Er wird ihn über sein ganzes Vermögen einsetzen.

Wenn aber der Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr verspätet sich zu kommen! und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich zu berauschen, dann wird der Herr jenes Knechtes an einem Tag kommen, an dem er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt; und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz unter den Ungläubigen zuweisen.

Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt, der wird viele Schläge bekommen. Wer aber, ohne den Willen des Herrn zu kennen, etwas tut, was Schläge verdient, der wird wenig Schläge bekommen.

Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man umso mehr verlangen.

Die Autorin

Anne Kurz ist Schwester der Gemeinschaft Verbum Dei und lebt neben einem kleinen Exerzitienhaus in Venne bei Münster. Sie ist Theologin und Geistliche Begleiterin.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.