Situation, die der Erzdiözese und der ganzen Kirche schade

Kritik an PR-Strategie im Erzbistum Köln hält an

Aktualisiert am 12.08.2022  –  Lesedauer: 

Köln ‐ Auch ein Erzbischof dürfe sich beraten lassen – es komme jedoch auf die Wertehaltung einer Führungsperson an, ob sie Vorschläge annehme oder nicht: Die Kritik an der PR-Strategie Kardinal Woelkis und des Erzbistums Köln hält an.

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Die Kritik am Erzbistum Köln und an Kardinal Rainer Maria Woelki lässt auch nach einer Stellungnahme der Bistumsleitung zu einer umstrittenen PR-Strategie nicht nach. "Diese Erklärung reicht nicht aus", sagte die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Kerstin Claus, dem "Kölner Stadt-Anzeiger" (Freitag). Laienvertreter Tim Kurzbach sprach im Deutschlandfunk von einer schwer erträglichen Situation, die dem Erzbistum und der ganzen Kirche schade.

In der vergangenen Woche hatte der "Kölner Stadt-Anzeiger" aus internen Papieren von Woelkis PR-Beratern berichtet, die sich unter anderem mit der Frage "Wie 'überlebt' der Kardinal?" beschäftigt hätten. Laut Zeitung rieten die Fachleute Woelki und seinem früheren Generalvikar Markus Hofmann, den Betroffenenbeirat des Erzbistums auf ihre Linie zu bringen, was einen Gutachter-Wechsel im Oktober 2020 anging. So sollten die beiden in einer anstehenden Sitzung mit den Betroffenen "Emotionen" zeigen und "Joker" in der Hinterhand haben, etwa das Angebot, sich für zügigere Anerkennungszahlungen an Missbrauchsopfer einzusetzen.

Auf die Berichterstattung folgte der Vorwurf der Instrumentalisierung von Missbrauchsopfern. Vier Stadtdechanten forderten eine Erklärung der Erzdiözese. Der Kölner Generalvikar Guido Assmann betonte schließlich in einer Stellungnahme, die Perspektive der Betroffenen sei für das Erzbistum "immer und ausschließlich" handlungsleitend gewesen. Es habe nie das Ziel gegeben, die Betroffenen "zu einem bestimmten Stimmverhalten zu animieren", und es sei nie Druck ausgeübt worden. Es folgte abermals Kritik des ehemaligen Sprechers des Kölner Betroffenenbeirats, Patrick Bauer, und des Bonner Stadtdechanten Wolfgang Picken.

"Grenzen erreicht, wenn nicht überschritten"

Missbrauchsbeauftragte Claus kritisierte die Empfehlung von "Jokern", die Woelki und Hofmann laut Bericht in der Hinterhand halten sollten. "Jeder, der im Kommunikationsbereich tätig ist, muss sich im Klaren sein, dass mit solchen Vorschlägen Grenzen erreicht, wenn nicht überschritten werden. Und deswegen dürfen solche Empfehlungen zulasten von Betroffenen nicht Grundlage für institutionelle Entscheidungen sein", sagte sie. Laienvertreter Kurzbach räumte ein, auch ein Erzbischof dürfe sich beraten lassen. Es komme jedoch auf die Wertehaltung einer Führungsperson an, ob sie Vorschläge annehme oder nicht. Der Vorsitzende des Diözesanrats der Katholiken forderte Konsequenzen. "Das Mindeste muss sein eine nächste Auszeit, und die kann dann auch gerne etwas länger dauern", so Kurzbach.

Der Wuppertaler Stadtdechant Bruno Kurth begrüßte die Erklärung Assmanns. Diese sei jedoch nur ein erster Schritt, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). "Es bleibt immer noch der Vorwurf, dass der Beirat instrumentalisiert worden ist." Der Remscheider Stadtdechant Thomas Kaster zeigte sich verärgert, dass Woelki seinen Generalvikar vorgeschickt habe. "Im Ergebnis ist das eine Katastrophe", sagte er dem "Remscheider General-Anzeiger". Er wisse nicht, was Papst Franziskus dazu bewege, die Entscheidung über den Rücktritt des Kardinals so lange offen zu lassen. "In der Situation, in der das Bistum sich befindet, kann uns das das Genick brechen."

Opfervertreter Karl Haucke rief die Gläubigen sowie die Gremien und die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden im Erzbistum zu einer Art Generalstreik auf. "Sollten nicht alle Kölner Bistumsgremien ihr Amt ruhen lassen?", schrieb der frühere Co-Sprecher des Kölner Betroffenenbeirats in einem Beitrag für den "Kölner Stadt-Anzeiger" (online). "Sollten nicht alle, ob Geweihte oder Laien, ob Hauptberufliche oder Ehrenamtliche, gemeinsam den Beweis erbringen, dass das Bistum zusammenbricht, wenn den Chefklerikern niemand mehr folgen mag?"

Der Papst hatte Woelki vergangenen Herbst in eine mehrmonatige Auszeit geschickt und ihn später aufgefordert, seinen Rücktritt anzubieten. Über den Amtsverzicht muss der Papst noch entscheiden. Die Vertrauenskrise im Erzbistum Köln hatte sich vor allem an der Missbrauchsaufarbeitung entzündet. (tmg/mpl/KNA/epd)

12.8., 12:55 Uhr: Ergänzt um Kurth und Kaster. 13.8., 18:30 Uhr: Ergänzt um Haucke.