Bruno Kurth beklagt mangelnde Kommunikation im Erzbistum Köln

Dechant: Mehrheit findet Verhalten der Bistumsleitung unglaubwürdig

Aktualisiert am 30.08.2022  –  Lesedauer: 

Wuppertal ‐ Die kritischen Anfragen an die, die sich zur Kirche bekennen und in ihr engagieren, sind deutlich spürbarer geworden, sagt der Wuppertaler Stadtdechant Bruno Kurth im katholisch.de-Interview. Er wünscht sich eine klare Kommunikation und mehr Transparenz im Erzbistum Köln.

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Eine PR-Strategie, mit der Missbrauchsbetroffene für die Ziele der Bistumsleitung instrumentalisiert werden sollten, eine Hochschule mit zweifelhafter Finanzierung und Aufgabe – im Erzbistum Köln brodelt es. Zuletzt haben sich vier Stadtdechanten zu Wort gemeldet, unter ihnen Bruno Kurth, der dieses Amt in Wuppertal ausübt. Im Interview spricht er über die Stimmung unter den Katholiken in der Stadt und die misslungene Kommunikation des Erzbistums.

Frage: Herr Kurth, die Kirche ist gesamtgesellschaftlich aus unterschiedlichen Gründen in die Ecke gedrängt. Bekommen Sie das im Alltag mit?

Kurth: Ja. Im Alltag werde ich von Gemeindemitgliedern und auch anderen Leuten angesprochen, die die Berichterstattung über die Lage der Kirche und ihre Probleme in den Medien verfolgen. Ich erlebe es selbst, höre aber auch von Seelsorgenden und Ehrenamtlichen, dass sie angefragt werden, warum sie sich "in dem Verein" noch engagieren. Die kritischen Anfragen an die, die sich zur Kirche bekennen und in ihr engagieren, sind spürbarer geworden als früher.

Frage: Nehmen Sie das eher als eine Gesamtsituation der Kirche wahr oder geht es da auch um die kritische Situation im Erzbistum Köln, etwa bei der Missbrauchsaufarbeitung mit den verschiedenen Gutachten oder bei der von Kardinal Rainer Maria Woelki gegründeten Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT)?

Kurth: Das kann man nicht glasklar voneinander trennen. Es hängt auch davon ab, was gerade in den Medien ist. Als es zuletzt um die öffentlich gewordene PR-Strategie im Erzbistum zu den Missbrauchs-Gutachten ging, haben das die Leute natürlich mitbekommen, und das beschäftigt sie. Wenn wir nach Kirchenaustritten auf die Menschen zugehen, geht es dann bei den seltenen Rückmeldungen eher um die allgemeine Situation der Kirche, bisher jedenfalls.

Wie kritisch die Lage auch hier in Wuppertal ist, zeigen die Zahlen. Das Bergische Land ist ursprünglich evangelisch geprägt. Die Kirchenaustritte aus beiden großen Kirchen sind in den letzten Jahren gestiegen, wobei generell aufgrund der konfessionellen Bevölkerungsanteile immer mehr Menschen aus der evangelischen Kirche austraten als bei uns. Das verfolge ich seit 2007. Im vergangenen Jahr sind nun zum ersten Mal mehr Katholiken ausgetreten als Protestanten. Das ist ein Indikator für eine bistumsspezifische Krise, die die Leute auch wahrnehmen und auf die sie dann leider so reagieren.

Frage: Sehen Sie das als gemeinsames Bistumsproblem oder eher als etwas, das vom "fernen Köln" zu Ihnen herüberschwappt?

Kurth: Ich sehe, dass bestimmte sehr kölnspezifische Themen hier im Bergischen nicht so aufkommen, denken Sie etwa an den Wirbel um die Abschaltung der Webseite der Kölner Hochschulgemeinde oder den Ärger, den der Dormagener Pfarrer Klaus Koltermann bekam, als er den Rücktritt von Kardinal Woelki als Bischof gefordert hatte. Die anderen Themen wie die nicht überzeugende Kommunikation über Veröffentlichung bzw. Nicht-Veröffentlichung von Gutachten, die immensen Beratungskosten, die Auszeit von Kardinal Woelki – die werden hier sehr wohl wahrgenommen. Das Bergische Städtedreieck ist ja Teil des Bistums. Zudem hatten wir hier selbst Missbrauchsfälle; der Prozess gegen den ehemaligen Wuppertaler Krankenhausseelsorger Pfarrer Ü. wurde hier intensiv verfolgt.

 Kölner Hochschule für Katholische Theologie
Bild: ©KNA/Annika Schmitz

Die Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT) sorgt für Ärger im Erzbistum Köln.

Frage: Ist die KHKT dann auch kein Thema, weil sie in Köln ist?

Kurth: Bei den an der Kirche Interessierten ist sie sehr wohl Thema, auch außerhalb des kirchlichen Kontextes, weil weiterreichende gesellschaftliche und wissenschaftspolitische Fragen berührt sind. Es geht um das Verständnis von Theologie und das Verhältnis von Kirche und pluraler Gesellschaft. Die Kirchenvorstände fragen nach der Finanzierung dieser Hochschule. In ihrer wirtschaftlichen Verantwortung für die Gemeinden wissen sie, dass für viele andere Dinge kein Geld da ist, dass wir in Zukunft sparen müssen. Deshalb stellen sie die Kölner Hochschule, die für die Theologenausbildung im Land keinen Mehrwert bringt, in Frage.

Frage: Drückt das an der Basis die Stimmung?

Kurth: Bei den Engagierten in den Kirchengemeinden merke ich, die Stimmung ist mit Blick auf das Bistum schlecht. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sagen mir, dass sie die Situation anfrisst; Religionslehrerinnen und -lehrer etwa an den kirchlichen wie an den städtischen Schulen bekommen das mit. Die Leute sind die permanent negativen Schlagzeilen leid. Eine Minderheit schiebt das auf eine Medienkampagne; in der Mehrheit jedoch leiden Viele an der eigenen Kirche und finden das Verhalten der Bistumsleitung nicht mehr glaubwürdig. Sie engagieren sich trotzdem weiter vor Ort. Das verdient große Anerkennung.

Frage: Würden Sie sich dem anschließen? Einerseits sind Sie der höchste Kirchenvertreter der Stadt, andererseits ist Woelki Ihr Vorgesetzter.

Kurth: Jeder von uns Dechanten ist hin und hergerissen so wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im kirchlichen Dienst. Was bedeuten Loyalität, Verbundenheit mit dem Bischof und Gehorsam? Zur Loyalität gegenüber dem Bistum gehört für mich allerdings auch, dass ich Kritik äußere. Zuerst intern, das haben wir gemacht, aber je nachdem auch im öffentlichen Diskurs und Meinungsstreit. Ich sehe auch unsere Verpflichtung gegenüber den Menschen in den Gemeinden. Es ist eine unserer Aufgaben als Dechanten, die Stimme unserer Dekanate und der Menschen vor Ort in Köln zu sein. Wenn die Stimmung an der Basis und im Bistum schlecht ist, können wir dazu nicht schweigen und das verharmlosen. Die Rückmeldungen zeigen mir sehr deutlich: Viele schätzen eine solche Positionierung.

Bild: ©picture alliance/Panama Pictures/Christoph Hardt

Über das Rücktrittsgesuch von Kardinal Rainer Maria Woelki hat Papst Franziskus noch nicht entschieden.

Frage: Sie reden also intern im Erzbistum gegen die Wand?

Kurth: Den Eindruck haben wir in der Tat. Argumente und auch Kritik werden zwar in den Beratungsgremien angehört, aber man kann nicht erkennen, welche Resonanzen sie haben, von Konsequenzen im Sinne von wirklichen Veränderungen gar nicht zu sprechen.

Frage: Wie soll es nun weitergehen?

Kurth: Schwierige Frage. Ein "weiter so wie bisher" kann es nicht geben. Die von Kardinal Woelki selbst festgestellten Risse quer durch das Bistum scheinen sich einerseits zu vertiefen. Anderseits darf der Gesprächsfaden im Bistum nicht abreißen. Das große Leitbild, das auch Papst Franziskus vorgibt, ist mehr Synodalität in unserer Kirche. Was das für unsere aktuellen Probleme und die nötigen Auseinandersetzungen bedeutet, für ein Miteinander im Bistum anstelle einsamer Leitungsentscheidungen gilt es noch herauszufinden. Eine offenere Diskussion, öffentliche Meinungsäußerung und Zeichen zu setzen widersprechen dem nicht.

Frage: Gäbe es denn einen Punkt, an dem dieses Zeichen in einem Rücktritt besteht, weil Sie Ihr Amt nicht mehr guten Gewissens machen können?

Kurth: Völlig ausschließen will ich das persönlich nicht. Aber es gibt für die Dechanten eine gute Regelung: Alle sechs Jahre steht die Wiederernennung durch den Bischof an, der eine Befragung der Gremien und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Dekanaten vorangeht. Das ist die Gelegenheit zu prüfen und abzuwägen, ob jemand unter den jeweiligen Bedingungen gut seine Aufgabe wahrnehmen kann – mit Blick auf die Gesamtsituation im Bistum, die Gemeinden und das Dekanat. Eine solche Möglichkeit halte ich unter anderen Umständen auch für andere Aufgaben und Ämter in der Kirche, z.B. den Pfarrer oder Bischof, der Überlegung wert. In unserem Bistum sind wir derzeit jedenfalls an einem Punkt, an dem fast Alle, die sich irgendwie engagieren, sagen: So kann es nicht weitergehen.

Von Christoph Paul Hartmann