Standpunkt

Zu viel zu tun: Franziskus denkt (noch) nicht an Rücktritt

Aktualisiert am 01.09.2022  –  Lesedauer: 

München ‐ Im Vorfeld der Kardinalsversammlung im Vatikan hatte es Spekulationen darüber gegeben, ob Franziskus seinen Rücktritt verkünden wird. Nun ist klar: Der Papst bleibt im Amt – noch. Tilmann Kleinjung glaubt den Grund zu kennen.

  • Teilen:

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Er ist nicht zurückgetreten. Aber Papst Franziskus hat alles dafür getan, die Gerüchteküche ordentlich anzuheizen. Der Rücktritt eines Papstes sei keine Katastrophe, hat er gesagt. In L'Aquila hat er am Wochenende das Grab seines (zurückgetretenen) Vorgängers Coelestin V. besucht und dann alle Kardinäle zu einer außerordentlichen Versammlung nach Rom geladen – eine Art Generalprobe fürs Konklave. Was bleibt, ist die Erkenntnis: Ein Papst kann auch im Rollstuhl die Weltkirche regieren. Teilnehmer der Versammlung haben einen ausgesprochen aufgeweckten und tatkräftigen Franziskus erlebt.

Der Mann hat also noch Pläne. Nur je länger dieses Pontifikat dauert, desto mehr stellt sich die Frage: Welche Pläne? Neun Jahre hat Franziskus für die Reform der Kurie gebraucht. Das ist der Verwaltungsapparat im Vatikan, der aber nach dem Dafürhalten vieler allzu sehr Machtapparat ist. Im Konklave 2013 hatten die Kardinäle dem künftigen Papst also eine Kurienreform ins Hausaufgabenheft geschrieben. An Pfingsten 2022 ist sie in Kraft getreten. Jetzt können auch Frauen vatikanische Spitzenämter bekleiden, Chefposten werden nur noch auf Zeit vergeben, die Abteilungen sollen sich untereinander besser abstimmen. All das klingt zeitgemäß und vernünftig. Was Franziskus nicht gelungen ist: ein Mentalitätswandel. Immer noch herrscht in vatikanischen Chefetagen die Einstellung vor: "Wir haben das Sagen." Bestes Beispiel: die brüske Mitteilung aus Rom zum Synodalen Weg im Juli: Der Reformprozess der katholischen Kirche in Deutschland sei "nicht befugt", neue Formen der Leitung zu entwickeln. Das ist der römische Umgangston auch im zehnten Jahr der Regierung von Franziskus.

Papst Franziskus denkt (aktuell) nicht an Rücktritt. Gut so. Er muss noch ein Versprechen einlösen. Er will eine synodale Kirche. Wie übersetzt man synodal? Es geht um ein neues Miteinander, nicht von oben nach unten. Keine Kirche der einsamen Entscheidungen, keine Kirche der unkontrollierten Machtausübung. Eine geschwisterliche Gemeinschaft ohne Kirchenfürsten und ohne Machtzentrum. Von diesem Ideal ist die katholische Kirche noch weit entfernt.

Von Tilmann Kleinjung

Der Autor

Tilmann Kleinjung ist Leiter der Redaktion Religion und Orientierung im Bayerischen Rundfunk (BR).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.