Oberhirten tagten zu Synodalem Weg, Missbrauch und Ad-limina-Besuch

Bischöfe beenden Vollversammlung: Brüder im Dissens

Aktualisiert am 30.09.2022  –  Lesedauer: 

Fulda ‐ Bei der am Donnerstag zu Ende gegangenen Vollversammlung der deutschen Bischöfe zeigte sich, wie zerstritten die Oberhirten sind: In der Frage der kirchlichen Reformen finden Mehrheit und Minderheit im Episkopat nicht zueinander.

  • Teilen:

"Wir haben einen Konsens, dass wir einen Dissens haben" – dieser Satz von Bischof Georg Bätzing fasst die Herbst-Vollversammlung der deutschen Bischöfe in Fulda prägnant zusammen. Bei der Pressekonferenz zum Abschluss des viertägigen Treffens räumte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) ein, dass die Oberhirten in der entscheidenden Frage nach kirchlichen Reformen nicht zusammengefunden haben. Dabei hatten sich die Bischöfe seit Montag intensiv mit der jüngsten Synodalversammlung auseinandergesetzt, die vor drei Wochen in Frankfurt stattgefunden hat, um die Wogen der dort zutage getretenen Differenzen zu glätten. Während ihres traditionellen Studientags beschäftigten sie sich mit dem abgelehnten Grundtext zu einer erneuerten Sexualmoral und dem Miteinander von Bischöfen und Laien auf dem Synodalen Weg.

Zwar sprach Bätzing davon, dass eine große Mehrheit der Bischöfe zu Reformen in der Kirche bereit sei. Seiner Einschätzung nach sind das bis zu 75 Prozent der Mitglieder. Doch eine Minderheit der Bischöfe hatte mit ihrer Sperrminorität bei der vierten Synodalversammlung das Dokument zur Sexualität blockiert – die notwendige Zweidrittel-Mehrheit fehlte. Zur Aufarbeitung dieses Abstimmungsverhaltens der Bischöfe, das für viele Synodale sehr überraschend kam und einen Eklat beim Reformprozess auslöste, ließen sie in Fulda aus den eigenen Reihen unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen, sowohl von der reformorientierten Mehrheit als auch von der Minderheit der Bewahrer.

Hinzu kamen Sichtweisen von außen: Schwester Katharina Kluitmann schilderte als Mitglied der Synodalversammlung ihren Blick auf das Miteinander von Bischöfen und Laien. Denn schon kurz nach der gescheiterten Abstimmung hatten mehrere Synodale darauf hingewiesen, dass sich ein Graben zwischen Oberhirten und Gläubigen aufgetan hatte. Auch der belgische Bischof Johan Bonny brachte seine Sicht als Beobachter des Synodalen Wegs ein. Der Antwerpener Oberhirte riet seinen Mitbrüdern, die Nähe zum Kirchenvolk nicht aufzugeben. Trotz der Probleme, die durch Konflikte entstünden, sei die kirchliche Gemeinschaft eine große Kraftquelle, sagte er zu katholisch.de. Es sei notwendig, sich mit den Wunden in der Kirche zu beschäftigen, damit sie heilen könnten und sich nicht zu "schmerzhaften Eiterbeulen" entwickelten. Man dürfe offene Fragen nicht mehr unter den Teppich kehren.

Bischöfe in Fulda
Bild: ©KNA/Harald Oppitz

Bischöfe gehen bei der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda über die Straße. Die Einmütigkeit täuscht, denn in vielen Fragen sind sich die Bischöfe nicht einig.

Vielen Bischöfen wird spätestens nach dieser Woche klar sein, dass sie den Dissens in wichtigen kirchlichen Fragen noch auf lange Sicht aushalten müssen. Denn spätestens seit der Frage nach dem Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene, die 2016 durch das Papstschreiben "Amoris laetitia" aufgeworfen wurde, traten die unterschiedlichen Positionen unter den Bischöfen zutage – wenn auch nicht so konfrontativ ausgeprägt wie jüngst in Frankfurt. Will man das Positive sehen, dann ist die Deutsche Bischofskonferenz längst nicht derart zerstritten, wie andere Episkopate, etwa in den USA, in denen ein Format wie der Synodale Weg in Deutschland aktuell undenkbar scheint. Konfliktreich bleibt die Situation dennoch. Während einige Oberhirten aufgrund der vielen Krisen der Kirche auf rasche Entscheidungen drängen, fehlt anderen genügend Zeit, aufeinander zuzugehen und Synodalität zu üben.

Keinen spürbaren Dissens gibt es unter den Bischöfen hingegen bei der Beschäftigung mit der Missbrauchskrise. Allen ist klar, dass die Aufarbeitung weitergehen und neu aufgestellt werden muss. Deshalb wählten sie den Aachener Bischof Helmut Dieser zu ihrem neuen Beauftragten für dieses Thema. Das ist in gewisser Weise ein Epochenwechsel, denn Diesers Vorgänger, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, hatte dieses Amt zuvor zwölf Jahre inne und in dieser Zeit Pionierarbeit bei der Aufarbeitung und Prävention von Missbrauch geleistet, für die ihm Bätzing herzlich dankte. Dieser wird sich nicht um diesen Posten gerissen haben: "Einer wird es machen müssen", sagte er am Mittwoch. Die unbeliebte, weil auch undankbare Aufgabe, wird künftig auf mehrere Schultern verteilt: Diesers Stellvertreter als Missbrauchsbeauftragter ist der Freiburger Erzbischof Stephan Burger.

Neustrukturierung der Missbrauchsaufarbeitung

Gleichzeitig kündigten die Bischöfe an, die Missbrauchsaufarbeitung neu zu organisieren: Ein unabhängiger Expertenrat soll nach der Neustrukturierung eine wichtige Rolle einnehmen und unter anderem für die Einhaltung der staatlichen und kirchlichen Richtlinien sowie den Aufbau eines transparenten Berichtswesens zuständig sein. Dem Gremium werden externe Fachleute verschiedener Disziplinen sowie Vertreter des Betroffenenbeirats angehören. Dadurch soll die Unabhängigkeit der Missbrauchsaufarbeitung größer werden. Vertreter der Betroffenen kritisierten die Neuerungen bereits und forderten die Einrichtung einer beim Staat angesiedelten Wahrheitskommission. Die Politik müsse nun handeln. Auch Dieser machte klar, dass er es begrüßen würde, wenn sich die Bundesregierung dieses Themas annehme – doch dann nicht nur mit dem Blick auf kirchlichen Missbrauch: "Menschen in anderen Bereichen sind genauso betroffen. Dort guckt scheinbar immer noch keiner genauer hin oder zu wenig."

Wohin viele Menschen und besonders die Medien derzeit schauen, ist das Erzbistum Köln. Die dortige Vertrauenskrise, in deren Zentrum Kardinal Rainer Maria Woelki steht, strahlt auch auf die anderen Diözesen in Deutschland aus. Beobachter erinnert die verfahrene Situation an die Krise im Bistum Limburg, die 2014 im Rücktritt von Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst gipfelte. Auch wenn Woelkis Amtsbrüder die Kölner Krise ebenfalls beschäftigt, war sie bei den Beratungen in Fulda offiziell kein Thema. Positive Akzente setzte die Bischofskonferenz dagegen am Dienstag: Die Bischöfe bilanzierten die kirchliche Hilfe für die Betroffenen in den Flutgebieten des vergangenen Jahres und hoben die Zahl von mehr als 400 Notfallseelsorgern hervor, die dort im Einsatz waren. Mit Verweis auf das wichtige Engagement der Notfallseelsorge während der Flutkatastrophe kündigten die Bischöfe an, diese Art der schnellen Hilfe auszubauen. Man wolle besonders ehrenamtliche Seelsorger schulen und aus den gemachten Fehlern lernen. So habe etwa eine kirchliche Koordinierungsstelle für die Einsätze gefehlt.

Bischof Helmut Dieser bei einer Pressekonferenz
Bild: ©KNA/Harald Oppitz

Helmut Dieser, Bischof von Aachen, ist neuer Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen des sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich.

Schließlich stand der Ausblick auf den Ad-limina-Besuch der Bischöfe in Rom im November auf der Tagesordnung. Bei den Treffen mit dem Papst und den Leitern der Dikasterien wollen die Oberhirten für die Reformen des Synodalen Wegs werben. Zwar ist ihnen bewusst, dass die Synodalität, die beim Synodalen Weg auch in der Form der offenen Auseinandersetzung gelebt wird, nicht ganz im Sinn von Papst Franziskus ist. Denn dieser wünscht sich eine unauffälligere Weise, mit Konflikten umzugehen. Doch die Bischöfe reisen gut vorbereitet an die "Schwellen der Apostelgräber", nach denen der kirchenrechtlich verpflichtende Besuch in Rom benannt ist. Zu jedem Gesprächsthema wird es Bischöfe geben, die sie als Relatoren im Vatikan präsentieren. Doch Bätzing betonte zum Ende der Vollversammlung, dass es selbstverständlich jedem Bischof freistehe, im Vatikan seine persönliche Meinung vorzubringen. Da in der Kurie die Vorbehalte gegen den Reformprozess als "deutscher Sonderweg" nicht gering sind, ist den Bischöfen klar, dass die Treffen in Rom nicht einfach werden. Der Ad-limina-Besuch folgt zudem einem straffen zeitlichen Ablauf und es bleibt nur wenig Zeit für die Gespräche. Deshalb ist davon auszugehen, dass Vertreter der Bischofskonferenz im Vorfeld das Gespräch mit dem Vatikan suchen.

Von dort kamen unterdessen verstörende Worte: Kurienkardinal Kurt Koch brachte die Reformen des Synodalen Wegs in Verbindung mit der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. Es irritiere ihn, "dass neben den Offenbarungsquellen von Schrift und Tradition noch neue Quellen angenommen werden; und es erschreckt mich, dass dies – wieder – in Deutschland geschieht". Koch fügte wörtlich hinzu: "Denn diese Erscheinung hat es bereits während der nationalsozialistischen Diktatur gegeben, als die sogenannten 'Deutschen Christen' Gottes neue Offenbarung in Blut und Boden und im Aufstieg Hitlers gesehen haben." Bätzing reagierte am letzten Tag der Vollversammlung prompt und nannte die Aussagen des Kardinals eine "völlig inakzeptable Entgleisung". Er wies die Vorwürfe entschieden zurück. Von Koch erwarte er "im Sinne der Sache und der Synodalen" eine öffentliche Entschuldigung, sagte Bätzing weiter. "Wenn diese öffentliche Entschuldigung nicht umgehend geschieht, werde ich offizielle Beschwerde beim Heiligen Vater einreichen."

Ende Februar steht mit der Frühjahrs-Vollversammlung der DBK das nächste Treffen der Bischöfe nach dem Ad-limina-Besuch in Rom an. Die Oberhirten tagen dann in Dresden – eine Woche vor der fünften und letzten Synodalversammlung, die den Reformprozess abschließt.  Mit der Erfahrung der vergangenen Wochen werden die Bischöfe wohl spätestens hier ausloten, wie sie beim Synodalen Weg für die jeweiligen Texte votieren werden, um so einen weiteren Eklat zum Abschluss des synodalen Projekts zu verhindern. Im Dissens werden die Bischöfe dann jedoch immer noch sein.

Von Roland Müller