Vor 150 Jahren wurde der Ordensmann geboren

Pater Pankratius Pfeiffer – Wie Oskar Schindler, nur weniger bekannt

Aktualisiert am 18.10.2022  –  Lesedauer: 

Rom ‐ Pater Pankratius Pfeiffer ist der einzige Deutsche, nach dem im Rom der Nachkriegszeit eine Straße benannt wurde: die letzte linke Querstraße der großen Via della Conciliazione vor dem Petersplatz.

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"Pfeiffers Liste" – das ist der Titel eines Dokumentarfilms aus dem Jahr 2006, der die Bedeutung von Pater Pankratius Pfeiffer in Rom während des Zweiten Weltkriegs thematisiert. Der Salvatorianer führte – ähnlich wie Oskar Schindler – Listen, mit denen er Menschen vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten bewahrte. Nur, dass der Ordensmann erheblich weniger bekannt ist als Schindler (1908-1974). Beide, Schindler und Pfeiffer, hatten extrem gute Nerven und sehr viel Mut, um Menschen unter den Augen der Nazis vor dem sicheren Tod zu retten.

Pfeiffer wurde vor 150 Jahren, am 18. Oktober 1872, in Brunnen im Allgäu geboren. Als 17-Jähriger trat er in den damals jungen Orden der Salvatorianer ein, der noch von seinem Gründer Franziskus Jorden (1848-1918) geführt wurde. Offensichtlich mit den entsprechenden menschlichen Fähigkeiten, einer Sprachbegabung wie auch mit Organisationstalent gesegnet, machte er im Orden Karriere, ab 1902 in Leitungsfunktionen. Im Vatikan übte er eine Nebentätigkeit aus: Er bereitete die deutschsprachigen Audienzen vor. Damit kam er in Kontakt mit wichtigen Persönlichkeiten des kirchlichen und politischen Lebens, die den Salvatorianern später zugute kamen.

Wozu er bereit war, zeigte sich ab September 1943, als die Wehrmacht in Rom einmarschierte. Denn die jüdische Gemeinschaft, alliierte Kriegsgefangene, Partisanen oder Menschen, die aus anderen Gründen auf der Liste der Nazis standen, mussten um ihr Leben fürchten. Pater Pankratius machte aus dem Dachboden der Ordenszentrale einen Zufluchtsort für Verfolgte. Gleichzeitig erlaubte er den deutschen Soldaten, unten im Haus die Toilette und die Waschräume zu benutzen. So konnte er belastbare Beziehungen zu den NS-Militärs aufbauen, um Menschen zu retten.

Pius XII. nutzte Pfeiffers Kontakte

Der Vatikan und Papst Pius XII. nutzten Pfeiffers Kontakte für ihre humanitären und karitativen Aktionen – vor allem, als ab 1944 der Widerstand gegen die Besatzung wuchs, Sabotage-Anschläge zunahmen und SS-Chef Herbert Kappler mit harten Gegenmaßnahmen antwortete. Der Heilige Stuhl leitete Hilfsgesuche mit der Bitte um Vermittlung an Pater Pankratius weiter. Da ging es um alltägliche Belange wie die Versorgung mit Lebensmitteln oder um Transportgenehmigungen, aber vor allem um die Befreiung von Inhaftierten und politisch Verfolgten.

Pfeiffer war "in dieser Zeit buchstäblich Tag und Nacht unterwegs, um aus Gefängnissen, vor allem aus dem berüchtigten SS-Gefängnis in der Via Tasso, Verfolgte, auch Juden, zu retten und in Sicherheit zu bringen, Vergeltungsmaßnahmen der Besatzungsmächte und der SS abzuwenden", heißt es in der Ordenschronik. Daneben bewahrte Pfeiffers Intervention auch eine Reihe mittelitalienischer Städte vor der Zerstörung – darunter Chieti, Aquila oder Orvieto. Die Bevölkerung von Ascoli-Picena setzte ihm später ein Denkmal, weil es ihm gelang, ihre Stadt zum Lazarett-Zentrum zu erklären.

Am Nachmittag des 10. Mai 1945, kurz nach Kriegsende, raste ein britischer Militär-Jeep über den römischen Largo Cavalleggeri. Ein älterer Ordensmann wollte den Platz zum Vatikan überqueren, trat auf die Straße, ging unschlüssig zurück. Der Fahrer versuchte auszuweichen und erfasste den Geistlichen. Zwei Tage später erlag Pankratius Pfeiffer, Generaloberer der Salvatorianer und während der deutschen Besatzungszeit für viele Menschen Retter in höchster Not, seinen schweren Verletzungen. "Ich habe nicht für die Geschichte gearbeitet, sondern für die Nächstenliebe", zitiert ihn Stefan Samerski, der eine Biografie des mutigen Paters verfasst hat. Ein Seligsprechungsverfahren für Pankratius Pfeiffer ist in Gang.

Von Johannes Schidelko und Christiane Laudage (KNA)