Seit 25 Jahren mehr Licht im Dunkel der Kirchengeschichte

Als der Papst das Archiv der einstigen Heiligen Inquisition öffnete

Aktualisiert am 22.01.2023  –  Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Lange war es sagenumwoben, das Archiv der einstigen Heiligen Inquisition. 1998 ordnete Papst Johannes Paul II. die Öffnung ihres Archivs an. Das Image habe sich über die Jahrzehnte vom "absoluten Tabu" zu einer nüchternen Sicht gewandelt.

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Früher wurde zeitweise geleugnet, dass es so etwas wie ein Archiv der Inquisition überhaupt gibt. Heute reicht der Hinweis beim Pförtner, man habe im Archiv einen Termin, um den Weg gewiesen zu bekommen. Die einstige Römische Inquisition heißt heute fachlich-nüchtern Dikasterium für die Glaubenslehre.

Dass Journalisten und vor allem Wissenschaftler relativ einfach die Räumlichkeiten im Erdgeschoss des "Sant'Ufficio" an der Südwestecke des Vatikan betreten können, haben sie zwei Männern zu verdanken, deren Porträts im Flur des Archivs hängen: Papst Johannes Paul II. und Kardinal Joseph Ratzinger, seinem späteren Amtsnachfolger.

Erster Anstoß kam aus Kalifornien

Am 22. Januar 1998 ordnete der Papst aus Polen offiziell die Öffnung des Archivs der einst gefürchteten Römischen Inquisition an. Dafür eingesetzt hatte sich auch der damalige Präfekt der Kongregation, Kardinal Ratzinger. Ein erster Anstoß war jedoch aus Kalifornien gekommen: Von dort schrieb der aus Turin stammende Mittelalterhistoriker Carlo Ginzburg 1979 einen Brief an Johannes Paul II. und bat ihn, die Archive der Inquisition zu öffnen.

Im Vatikan dauert bekanntlich alles etwas länger. So erhielten erst ab 1991 einzelne ausgesuchte Historiker Zugang zum Archiv. Damals kam Alejandro Cifres aus Valencia an die Glaubenskongregation, zunächst als Theologe für Lehrfragen. Cifres, bis 2021 Leiter des Archivs am Dikasterium für die Glaubenslehre, wuchs nach und nach in seine Aufgabe hinein. Anfangs sei man dort gar nicht darauf vorbereitet gewesen, standesgemäße wissenschaftliche Arbeit zu ermöglichen, räumte Cifres vor Jahren einmal ein.

Bild: ©KNA

Die einstige Römische Inquisition heißt heute fachlich-nüchtern "Dikasterium für die Glaubenslehre".

Es bedurfte eines Wissenschaftlers wie Joseph Ratzinger, der als Präfekt damit begann, im vatikanischen Durcheinander Pfade für die Forschung anzulegen. Heute sorgt ein neunköpfiger Stab dafür, dass Wissenschaftler aus aller Welt im historischen Archiv forschen können. Voraussetzung sind – wie bei den meisten historischen Archiven – wissenschaftlicher Auftrag und Referenzen.

Das Archiv der Glaubensbehörde besteht aus knapp 4.900 Archivbänden der 1542 gegründeten "Sacra Congregatio Romanae et universalis Inquisitionis", 380 Bänden der 1966 abgeschafften Kongregation für die verbotenen Bücher sowie 255 Bänden des Inquisitionsarchivs Siena. Dieser historische Schatz lagert in klimatisierten Kellerräumen des viergeschossigen Gebäudes – brandgeschützt und videoüberwacht.

Prominente Fälle

Ein großer Teil des Archivs ging verloren, als Napoleon es bei seinem Kultur-Raubzug 1797 durch Italien nach Paris schaffen ließ. Den späteren Rückweg traten nicht mehr alle Dokumente an. Vor allem die Akten alter Inquisitionsprozesse fehlen. "Die hielt man damals für uninteressant, ihr historischer Wert wurde nicht erkannt", sagt Cifres. Wobei prominente Fälle wie Galileo Galilei oder Giordano Bruno noch vorhanden sind. Aber über sie war das meiste schon bekannt, bevor das Archiv geöffnet wurde.

Vieles von dem, was noch vorhanden ist, betrifft theologische Debatten. Die meisten der 100 bis 200 Forschungsanträge pro Jahr kommen aus Italien, gefolgt von Anfragen aus dem übrigen Europa und den USA. Aber auch aus China, der Türkei oder Kenia. Die Untersuchungen drehen sich um einzelne Autoren und historische Persönlichkeiten, um Positionen der Kirche zu Naturwissenschaft, Astrologie und Mystizismus, um theologische Kontroversen, teilweise auch um die Beziehungen des Heiligen Stuhls zu einzelnen Staaten und den politischen Systemen des 20. Jahrhunderts.

Priester Alejandro Cifres
Bild: ©KNA/Roland Juchem

Der Priester Alejandro Cifres leitete bis 2021 das Archiv der Glaubenskongregation im Vatikan.

Öffentlich zugänglich ist der Archivbestand bis in die Amtszeit von Pius XII. (1939-1958). Dessen Pontifikat gab Papst Franziskus am 2. März 2020 frei, nachdem die Archivmitarbeiter das Material einigermaßen katalogisiert und teils digitalisiert hatten. Aus dem langem Pontifikat von Pius gibt es auch im Sant'Ufficio sehr viele Dokumente, wie Cifres verriet. Die diplomatisch Spannenden jedoch – zum Zweiten Weltkrieg und Holocaust, aber auch aus den Jahren des Kalten Kriegs und der Unabhängigkeitskriege europäischer Kolonien – liegen in den Archiven des Staatssekretariats sowie dem Vatikanischen Apostolischen Archiv, einst Geheimarchiv genannt.

Da die Glaubenskongregation eher für Fragen der theologischen und moralischen Lehre zuständig ist, finden sich dort eher mögliche Antworten auf die Frage, ob der Papst Adolf Hitler eventuell habe exkommunizieren wollen. Oder welche Bücher mit faschistischem oder sozialistischen Gedankengut verboten wurden – oder warum nicht. So befasste sich ein Langzeitprojekt des Münsteraner Kirchenhistorikers Hubert Wolf mit der Erschließung und Digitalisierung des Index' der verbotenen Bücher.

Warnung vor Sensationslust

Angesichts mutmaßlicher Sensationen warnt Historiker Wolf: Um valide Ergebnisse zu bekommen, müssten Bestände umfassend durchgearbeitet und genau analysiert werden. Was wird intern diskutiert? Wann weiß wer was? Wie werden Kardinäle und Päpste beraten? Wer wie eingeschaltet? Was passiert? "Alle Antworten auf solche Fragen müssen sauber miteinander verknüpft werden", so Wolf.

Die Archive des Vatikans zählen zu den wichtigsten Quellen für das historische Wissen der Menschheit. Das 1998 geöffnete Archiv des "Sant'Ufficio" birgt Kurioses, Kontroverses, Tragisches, Erhellendes und Hässliches. Sein Image hat sich nach Einschätzung des Archivleiters über die Jahrzehnte vom "absoluten Tabu" zu einer nüchternen Sicht gewandelt.

Von Roland Juchem (KNA)