Hoffnungen und Angst: Eine Flüchtlingsunterkunft in Dortmund

Ein Stück Deutschland zu zehnt

Aktualisiert am 09.08.2015  –  Lesedauer: 
Eine Flüchtlingsunterkunft der Caritas in Dortmund.
Bild: © KNA
Flüchtlinge

Dortmund ‐ In der Caritas-Unterkunft am Dortmunder Ostpark teilen sich zehn Flüchtlinge einen Raum - und es sollen noch mehr werden. Trotz des schwierigen Starts blicken die Bewohner voller Hoffnung auf ihre Zukunft in Deutschland.

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Hier, in einem seit Sommer 2014 verlassenen Hauptschulgebäude, bringt die Caritas seit Februar Flüchtlinge unter. 120 sind es derzeit, zehn pro Klassenraum. Und es sollen noch mehr werden. Kürzlich, erzählt Gehrmann, habe die Stadt angerufen. Ob man noch weitere Flüchtlinge aufnehmen könne?

Wie zahlreiche andere Stadtverwaltungen deutschlandweit suchen die Dortmunder dringend nach Unterkünften für Flüchtlinge. Mehr als 200.000 kamen bisher in diesem Jahr - wenige verglichen mit den mehr als eine Million, die derzeit im viel kleineren Libanon leben. Viele jedoch für eine Stadt wie Dortmund. Und so müssen die Flüchtlinge am Ostpark noch enger zusammen rücken.

Um Mitternacht werden die Telefone ausgeschaltet

Auch Ahmad Anas und die Brüder Mohammad und Rami Ali bekommen bald einen weiteren Zimmergenossen. Dabei leben und schlafen die drei Syrer schon jetzt mit sieben weiteren Männern aus den Krisengebieten dieser Welt Bett an Bett. Damit das klappt, hängen die Brandschutzregeln auf Deutsch, Französisch, Englisch und Arabisch aus. Und auch die Flüchtlinge selbst haben sich Regeln auferlegt: Um Mitternacht sollen Licht und Telefone ausgeschaltet werden. Nicht einfach für Menschen wie die Brüder Ali aus dem kriegsgeplagten Syrien, die nie wissen, wann sie ihre Angehörigen das nächste Mal sprechen können.

Zwei syrische Flüchtlinge sitzen vor einer Unterkunft der Caritas in Dortmund.
Bild: ©KNA

Ahmad Anas (l.) und Mohammad Ali hoffen auf ein neues Leben in Deutschland. Zurzeit wohnen sie in der Flüchtlingsunterkunft "Am Ostpark" der Caritas Dortmund.

Die Alis haben Glück im Unglück: Sie konnten gemeinsam aus Syrien fliehen, mit ihrem Schulfreund Ahmad Anas, den die beiden Brüder seit zwölf Jahren kennen. Kürzlich erhielten die drei den Bescheid über das Bleiberecht für drei Jahre. Anas hofft, bald eine Wohnung zu finden. Ihm gefällt es in Dortmund, auch wenn er zugibt: "Ich schaue manchmal nach Nazis." Gesehen hat er noch keinen.

Die Gegend am Ostpark mit ihren Gründerzeitgebäuden gilt als bürgerlich. Caritas-Vertreter Gehrmann sagt: "Wir haben hier keine Nazis mit Fackelzug wie vor anderen Unterkünften." Im Gegenteil: Die Nachbarn helfen, leisten ehrenamtliche Arbeit, spenden Spielzeug. Es gibt eine Fahrradwerkstatt, damit die Flüchtlinge die Nachbarschaft erkunden können, bald soll auch ein Kräutergarten Kontakte zu den Nachbarn fördern. Der Kioskbesitzer gegenüber stellt sein W-Lan zur Verfügung. Mohammad Ali nutzt es, um mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Damaskus zu chatten. Er hofft, dass sie in zwei Monaten nachkommen können.

Eine unsichere Zukunft

Seine Frau und die zwei Töchter hat Semir Rebronja schon um sich. Doch in Sicherheit wähnt der Bosniake die Kleinen nicht. Vier und neun Jahre alt sind sie, und Rebronja lässt die Töchter nicht aus den Augen. Zu viele Fremde gebe es in der Unterkunft, "vor allem Albaner". Rebronja weiß nicht, dass Albaner auch außerhalb der Unterkunft Gesprächsthema sind. Dass deutsche Politiker von "massenhaftem Asylmissbrauch" sprechen, von "Wirtschaftsflüchtlingen" vom Westbalkan - und dass damit auch er selbst gemeint ist.

Seine Stelle als Kellner, sagt Rebronja, habe nicht genug Geld gebracht, seine Frau sei erwerbslos, ihr Vater im Bosnienkrieg gefallen, das Haus noch nicht wieder aufgebaut. In Deutschland hofft Rebronja auf eine bessere Zukunft, denn Deutschland kennt er. Während des Bosnienkrieges lebte er mit seiner Mutter in Hamburg. Doch die Mutter, sagt Rebronja, wollte zurück, zur Schwester nach Srebrenica.

Sie hätten damals wohl bleiben können. Jetzt wird er es schwerer haben. Für seine Familie hat er Asyl beantragt, sagt Rebronja. "Ich weiß nicht, ob das klappt." Wie die drei Syrer legt er Wert darauf, arbeiten zu wollen. Sein Vorteil: Er spricht schon Deutsch. Ahmed Anas, Rami und Mohammad Ali wollen die Sprache schnell lernen. Mohammad hat in Syrien in einer Gewürzfabrik gearbeitet, Rami ein Diplom als Wirtschaftswissenschaftler, Ahmad Anas ist Jurist. In Deutschland, das weiß er, muss er von vorne anfangen.

Linktipp: Die Realität sieht anders aus

Vom Schicksal unzähliger Flüchtlinge erfahren wir täglich. Politik und Verwaltung stehen vor großen finanziellen und organisatorischen Herausforderungen. Auch unsere Gesellschaft muss sich mit der Frage, wie sie mit Flüchtlingen umgeht, beschäftigen. Katholisch.de erzählt die Geschichte einer Flüchtlingsfamilie, beschäftigt sich mit Vorurteilen gegenüber Migranten und zeigt auf, wo Kirche sich engagiert.
Von Jonas Krumbein (KNA)