Pfarrer Angelo Stipinovich engagiert sich leidenschaftlich für Flüchtlinge

"Weil Jesus es uns aufgetragen hat"

Aktualisiert am 22.09.2015  –  Lesedauer: 
"Weil Jesus es uns aufgetragen hat"
Bild: © KNA
Flüchtlinge

Fulda ‐ Zu ihrer Vollversammlung hatten die Bischöfe Pfarrer Angelo Stipinovich eingeladen, um mehr über das Engagement seiner Pfarrei in der Flüchtlingshilfe zu erfahren. Im Interview erzählt er, was er den Bischöfen berichtet hat und wie das ankam.

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Frage: Pfarrer Stipinovich, Sie haben bei der Vollversammlung der Bischofskonferenz von Ihrer Arbeit mit Flüchtlingen berichtet. Welche Botschaft haben Sie den Bischöfen mit auf den Weg gegeben?

Stipinovich: Eine spezielle Botschaft hatte ich nicht im Gepäck. Ich habe den Bischöfen einfach von meiner Arbeit mit den Flüchtlingen erzählt. Ich finde es sehr gut, dass sich die Bischofskonferenz mit den praktischen Fragen der Flüchtlingskrise beschäftigt, und ich freue mich, dass ich die Gelegenheit hatte, dabei von meinen Erfahrungen zu berichten.

Frage: Wie haben die Bischöfe denn auf Ihren Bericht reagiert?

Stipinovich: Ich habe großes Interesse bei den Bischöfen gespürt. Die Flüchtlingsproblematik liegt ihnen wirklich am Herzen. Es war eine gelungene Begegnung, bei der die Bischöfe sehr konkrete Fragen zur aktuellen Situation der Flüchtlinge gestellt haben. Ich hatte das Gefühl, dass wir noch tagelang über dieses wichtige Thema hätten weitersprechen können.

Frage: Sie selbst engagieren sich schon lange in der Flüchtlingsarbeit. Warum?

Stipinovich: Ich könnte es mir leicht machen und sagen: Weil Jesus es uns aufgetragen hat. Das ist die wahrscheinlich kürzeste Antwort auf Ihre Frage, vor allem aber ist es die entscheidende Antwort. Wenn Menschen Hilfe brauchen, dann hilft man - egal, ob es sich um Flüchtlinge, Obdachlose oder andere Menschen in Not handelt.

Themenseite: Vollversammlungen

Zweimal im Jahr trifft sich die Deutsche Bischofskonferenz zu Vollversammlungen - im Frühjahr an wechselnden Orten, im Herbst immer in Fulda. Die Themenseite gibt einen Überblick über die Berichterstattung von katholisch.de zu den Versammlungen.

Frage: Wie sieht der Einsatz für Flüchtlinge in Ihrer Pfarrgemeinde St. Hildegard/St. Michael in Viernheim denn konkret aus?

Stipinovich: Im Augenblick steht vor allem die Sprachförderung im Mittelpunkt unserer Arbeit. Unsere Pfarrgemeinde und das Bistum investieren allein in Viernheim weit über 150.000 Euro für Sprachkurse. Darüber hinaus suchen wir mit Hochdruck Unterkünfte für die Flüchtlinge. Das sind die drängendsten Probleme, die uns in der Flüchtlingsarbeit derzeit umtreiben.

Frage: Ihr Engagement für die Flüchtlinge gilt auch deshalb als vorbildlich, weil sie die Flüchtlinge selbst sehr früh aktiv einbeziehen. Wie hat man sich das genau vorzustellen?

Stipinovich: Für uns ist klar: Die Flüchtlinge bei uns sollen nicht nur Almosenempfänger sein, sondern sie sollen auch selbst einen aktiven Beitrag leisten. Indem wir sie so früh wie möglich an der täglichen Arbeit beteiligen und ihnen konkrete Aufgaben geben, geben wir ihnen auch ein Stück ihrer Würde zurück - einer Würde, die viele Betroffene auf der Flucht vor Krieg und Hoffnungslosigkeit in ihren Heimatländern verloren hatten.

Frage: Welche Aufgaben übernehmen die Flüchtlinge denn in Ihrer Pfarrgemeinde?

Stipinovich: Das ist ganz unterschiedlich und hängt von den jeweiligen Fähigkeiten ab. Jeder Flüchtling füllt bei uns zunächst einen persönlichen Integrationsbogen aus. Darin wird zum Beispiel dokumentiert, wie alt der Flüchtling ist, welche Sprachen er spricht und welche Ausbildung er hat. Außerdem fragen wir, warum er nach Deutschland gekommen ist, ob er hier Familie hat und was sein größter Traum ist. Auf Basis dieser Informationen bekommen wir dann meist einen guten Eindruck von der jeweiligen Person und ihren Fähigkeiten. Das ermöglicht uns, den Flüchtling gezielt in bestimmte Aufgaben einzubinden. Viele Flüchtlinge arbeiten zum Beispiel in unserem Integrationsbüro. Dort beraten sie andere Flüchtlinge und helfen ihnen bei Arztbesuchen und Behördengängen.

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Video: © katholisch.de

Dietlind Tiemann, Oberbürgermeisterin der Stadt Brandenburg an der Havel, berichtete den Bischöfen über Ihre Erfahrungen bei der Unterbringung und Integration von Flüchtlingen.

Frage: Ihr Einsatz für Flüchtlinge strahlt weit über Ihre Pfarrgemeinde hinaus. Wie schaffen Sie es, dass sich auch Menschen, die sonst nichts mit Kirche zu tun haben, bei Ihnen engagieren?

Stipinovich: Ich glaube, die Menschen bei uns spüren, dass wir in unserer Pfarrgemeinde genau das glaubhaft vorleben, was wir anderen predigen. Unsere Glaubwürdigkeit als Kirche und als Christen hängt entscheidend davon ab, dass auch wir uns für Flüchtlinge unsere Hände schmutzig machen und zur Tat schreiten. Dadurch gewinnen wir Glaubwürdigkeit weit über die Grenzen unserer Gemeinde hinaus und können andere zum Mitmachen bewegen.

Frage: Trotzdem werden auch Ihnen schon Stimmen begegnet sein, die vor zu großer Hilfsbereitschaft warnen und Überfremdungsängste schüren - Stimmen, die so oder ähnlich bundesweit zu hören sind. Wie reagieren Sie auf solche Aussagen?

Stipinovich: Mit einem müden Lächeln. Alle  Menschen sind Ausländer, fast überall – dieser Spruch ist zwar alt, aber immer noch wahr. Als Kirche spielen Grenzen und Nationalitäten für uns keine Rolle. In erster Linie geht es uns um den Menschen in Not, und dem müssen wir helfen. Und wir haben ja auch keine Wahl: Die Flüchtlinge sind jetzt hier und deswegen müssen wir jetzt anpacken und uns um sie kümmern. Ganz einfach.

Frage: Bundeskanzlerin Merkel hat mit Blick auf die Flüchtlingskrise wiederholt gesagt: Wir schaffen das. Hat sie Recht?

Stipinovich: Definitiv, zu 150 Prozent. Wenn wir weiterhin diesen Einsatz und diese Willkommenskultur gegenüber den Flüchtlingen zeigen, dann schaffen wir das. Da habe ich keine Zweifel.

Vollversammlung live

Katholisch.de überträgt ausgewählte Veranstaltungen von der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Livestream. Die Termine finden Sie in unserer Live-Übersicht
Von Steffen Zimmermann