Neuer Papst gehe anders vor als sein Vorgänger Franziskus

Theologe Vellguth: Papst Leo XIV. schwebt neuer Stil von Kirche vor

Veröffentlicht am 13.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Christoph Brüwer – Lesedauer: 

Trier ‐ Zuletzt nahm die Kritik am Thema Synodalität und dem jüngsten Kardinalskonsistorium zu. Zuvor bekannte Papst Leo XIV. sich zu den Reformen des Zweiten Vatikanums. Theologe Klaus Vellguth sieht im katholisch.de-Interview Parallelen zwischen beiden Ereignissen – und Synodalität als einzigen Weg.

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Die Entscheidung, ein außerordentliches Konsistorium aller Kardinäle in Rom einzuberufen, bewerten viele Beobachter als eine neue Phase im Pontifikat von Papst Leo XIV. Bevor die Kardinäle in der vergangenen Woche in Rom zusammenkamen, kündigte das Kirchenoberhaupt in der Generalaudienz eine neue Katechese-Reihe zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) an. Der Pastoraltheologe Klaus Vellguth hat Papst Leo erst kürzlich einige Konzil-Kommentare überreicht. Im katholisch.de-Interview spricht er über Leos Konzilstheologie, das Konsistorium und die Unterschiede zwischen dem neuen Papst und seinem Vorgänger Franziskus.

Frage: Herr Vellguth, Sie haben kürzlich zusammen mit einer Gruppe weiterer Theologinnen und Theologen Papst Leo XIV. die ersten Bände Ihres Kommentars zum Zweiten Vatikanischen Konzil überreicht. Haben Sie ihn zu seiner neuen Katechese-Reihe zum Konzil inspiriert?

Vellguth: Nein, den Gedanken wird Papst Leo schon vorher gehabt haben. Bevor wir ihm im Dezember sowohl den Einführungsband als auch die Kontinentalbände des Projekts "Das Zweite Vatikanische Konzil – Ereignis und Auftrag" überreicht haben.

Frage: Was hat der Papst Ihnen dabei gesagt?

Vellguth: Papst Leo XIV. hat die Bücher sehr interessiert entgegengenommen. Wir haben ihm gesagt, dass sich unser Konzilsprojekt dem Pontifikat von Papst Franziskus verbunden fühlt, aber auch seinem Pontifikat und insbesondere seinem Engagement für Synodalität. Dass er das Thema Synodalität jetzt beim außerordentlichen Kardinalskonsistorium aufgegriffen hat, liegt aber sicher nicht daran, dass wir ihm das gesagt haben.

Missionswissenschaftler Klaus Vellguth
Bild: ©Privat (Archivbild)

Im Dezember überreichte Klaus Vellguth gemeinsam mit einer internationalen Theologen-Gruppe die ersten Bände des Konzilskommentars an Papst Leo XIV. Vellguth ist Professor für Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät Trier und Honorarprofessor für Missionswissenschaft an der Vinzenz Pallotti University in Vallendar.

Frage: Sondern?

Vellguth: In seiner theologischen Verwurzelung im Zweiten Vatikanum. Es gibt Parallelen zwischen den Konstitutionen des Zweiten Vatikanischen Konzils und den vom Konsistorium zuletzt diskutierten Themen Synodalität und Mission. In der Kirchenkonstitution "Lumen gentium" wird die Frage danach gestellt, was die Kirche ist. Bei der Synodalität geht es um eine ähnliche Frage – Kirche wird dabei aber dynamisch gedacht: Wie ist die Kirche unterwegs? Und die Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" fragt nach der Mission der Kirche in der Welt von heute und damit ebenfalls nach einer Dynamik.

Frage: In der Ansprache bei seiner Generalaudienz hat Papst Leo XIV. sich zu den Reformen des Konzils bekannt und sprach vom "Leitstern" für die Kirche. Wie ordnen Sie seine Worte ein?

Vellguth: Die Formulierung von Papst Leo XIV. ist interessant: Er beruft sich einerseits auf das Zweite Vatikanische Konzil als Metanarrativ der katholischen Kirche im 20. und 21. Jahrhundert. Zugleich weist die Leitstern-Metapher darauf hin, dass die Treue zum Konzil nicht darin besteht, die Aussagen des Konzils gebetsmühlenartig zu wiederholen. Vielmehr schenkt uns das Konzil als Leitstern die notwendige Orientierung. Das halte ich für eine kluge Formulierung mit Blick auf die hermeneutische Herangehensweise an das Konzil.

Auszug der Bischöfe aus der Konzilsaula im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils 1964 im Petersdom im Vatikan.
Bild: ©KNA/Ernst Herb (Archivbild)

Klaus Vellguth sieht Parallelen zwischen den Konstitutionen des Zweiten Vatikanischen Konzils und den vom Kardinalskonsistorium diskutierten Themen Synodalität und Mission.

Frage: Inwiefern?

Vellguth: Wir stehen heute vor Herausforderungen, die die Konzilsväter vor über 60 Jahren noch nicht erahnen konnten. Beispielsweise die Klimakrise, der Verlust von Biodiversität und natürlich Fragen der Digitalisierung und der anstehenden digitalen Revolution durch die Einführung von Künstlicher Intelligenz (KI). Dies werden zentrale Herausforderungen sein, denen wir uns in den kommenden Jahren stellen müssen. Das Konzil kann dafür keine Antworten liefern, aber eine Herangehensweise, wie man sich solchen Fragen nähern kann.

Frage: Das Konzil ist seit über 60 Jahren beendet. Warum ist es heute dennoch notwendig, die Texte und Beschlüsse neu zu betrachten?

Vellguth: Bis vor Kurzem – eigentlich bis zum Beginn des Pontifikats von Papst Franziskus – wurden Theologie und Kirche weitgehend europäisch gedacht. Das war ein europäischer Provinzialismus, der uns Europäern oft nicht bewusst gewesen ist. Umso wichtiger ist es, dass Papst Franziskus diesen Eurozentrismus durchbrochen hat: mit seinen Kardinalsernennungen, mir seinen Verweisen auf kirchliche Dokumente aus der ganzen Welt, mit seiner Offenheit für unterschiedliche Kulturen. Papst Leo XIV. knüpft daran an und kann seine eigene weltkirchliche Biographie einbringen. Auch er hat Erfahrungen in Lateinamerika gemacht, den weltweit verbreiteten Augustinerorden geleitet und hat nun die Kardinäle aus aller Welt eingeladen, die Fragen, die sich für die Kirche stellen, aus der Perspektive ihrer unterschiedlichen kulturellen und kirchlichen Kontexte zu diskutieren.

Bischof Robert Barron spricht bei einem Kongress
Bild: ©KNA/Bob Roller/OSV News (Archivbild)

"Robert Barron ist eine Stimme in einer zerstrittenen US-amerikanischen Bischofskonferenz", sagt Theologieprofessor Klaus Vellguth. Der Papst habe im Gespräch mit den Theologen durchblicken lassen, mit welcher Strömung er sympathisiere.

Frage: Heute gibt es auch immer wieder Kritik am Konzil, zuletzt etwa von US-Bischof Robert Barron, der beklagte, das Aufrechterhalten des Konzilsgeists habe zu Verwirrungen und Ziellosigkeit geführt. Wie sehen Sie solche Kritik?

Vellguth: Robert Barron ist eine Stimme in einer zerstrittenen US-amerikanischen Bischofskonferenz. Wenn Papst Leo XIV. bei der Übergabe des Konzils-Kommentars zu Massimo Faggioli gesagt hat, dass er dessen Artikel lese, ist dies ein leises päpstliches Statement. Massimo Faggioli ist sicherlich einer der profiliertesten Kritiker restaurativer Strömungen in der amerikanischen Bischofskonferenz. Und so hat Papst Leo XIV. bei der Übergabe der ersten Bände des Konzilskommentars in Rom in wenigen Worten durchaus einen Hinweis darauf gegeben, mit welcher Richtung er sympathisiert.

Frage: Weniger mit den konservativen Stimmen?

Vellguth: Eine vereinfachende Polarisierung zwischen vermeintlich konservativen und vermeintlich progressiven Stimmen scheint mir nicht hilfreich. Natürlich gibt es Bischöfe in der katholischen Kirche, die den Blick zurückwenden und auf scheinbar bessere Zeiten verweisen. Deren Aussagen scheinen mir aber eher nostalgisch geprägt und weniger zukunftsorientiert zu sein. Sie meinen, man könne mit restaurativen Schritten die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft bewältigen. Das ist aber völlig unhistorisch gedacht. Wir sind heute in einer radikal anderen Situation als im 19. Jahrhundert oder 20. Jahrhundert. Heute zu denken, dass wir die Sozialgestalt der Kirche des 19. Jahrhunderts wiederbeleben sollten, um die Kirche im 21. Jahrhundert neu zu gestalten, ist wenig hilfreich.

Frage: Papst Leo XIV. hat sich immer wieder zum Konzept der Synodalität bekannt. Versteht er das anders als sein Vorgänger Franziskus?

Vellguth: Wir haben eine unglaubliche Entwicklung dessen erlebt, was wir als zentral für unseren Glauben betrachten. Papst Benedikt XVI. betonte noch einseitig die Orthodoxie, er hatte ein orthodox geprägtes Glaubensverständnis. Papst Franziskus erinnerte an eine Hierarchie der Wahrheiten und verwies bereits zu Beginn seines Pontifikats mit "Evangelii gaudium" auf die Bedeutung der Orthopraxie. Ihm war wichtig, dass der Glaube auch eine "Tatsache" wird. In der zweiten Phase seines Pontifikats hat er dann den Orthopathos und vor allem die Synodalität thematisiert: als Frage, wie wir in der Kirche miteinander glauben wollen.

Papst Franziskus und Kardinal Robert Francis Prevost
Bild: ©KNA/Cristian Gennari/Romano Siciliani (Archivbild)

"Papst Franziskus war sicherlich ein Visionär, der nach Zeiten einer Erstarrung der Kirche mutig nach vorne gedacht und formuliert hat – ohne dabei immer diplomatisch zu sein", sagt Klaus Vellguth. Sein Nachfolger, Papst Leo XIV., versuche nun, zu integrieren.

Frage: Und Papst Leo XIV.?

Vellguth: Ihm ist klar, dass wir die Kirche nicht mehr eurozentristisch gestalten dürfen, sondern lernen müssen, weltkirchlich auf dem Weg zu sein. Das bedeutet auch, Spannungen und interkulturelle Unterschiede auszuhalten. Dabei geht er ein wenig anders vor als Papst Franziskus. Papst Franziskus war sicherlich ein Visionär, der nach Zeiten einer Erstarrung der Kirche mutig nach vorne gedacht und formuliert hat – ohne dabei immer diplomatisch zu sein. Das hat dazu geführt, dass er die Kurienkardinäle nicht so mitgenommen hat, wie sie vielleicht mitgenommen werden wollten. Papst Leo XIV. erlebe ich an dieser Stelle balancierter. Er muss nach Papst Franziskus keine neue Vision formulieren; stattdessen kann er seine Aufgabe darin sehen, die Kirche auf dem von Papst Franziskus vorgeschlagenen Kurs mitzunehmen: und dabei, zu integrieren und zu versöhnen. Das wurde auch beim Konsistorium deutlich.

Frage: Inwiefern?

Vellguth: Zu Beginn des Konsistoriums sagte Leo XIV.: "Auch aus der Art und Weise, wie wir lernen, in Brüderlichkeit und aufrichtiger Freundschaft zusammenzuarbeiten, kann etwas Neues entstehen." Er sprach von Freundschaft. Ihm schwebt also ein neuer Stil an der Kurie und auch unter den Kardinälen und in der Weltkirche vor.

„Es geht heute nicht mehr darum, als Kirche möglichst viele abstrakte Glaubenswahrheiten spekulativ zu definieren und zu verteidigen, sondern Kirche als Dynamik zu verstehen und zu erleben.“

—  Zitat: Klaus Vellguth

Frage: Gerade konservative bis traditionalistische Kreise in der Kirche bekommen schon beim Begriff "Synodalität" Schnappatmung. Verstehen sie Synodalität falsch?

Vellguth: Synodalität ist natürlich ein Gegenentwurf zu einer eurozentrisch gedachten Feudalherrschaft älterer Herren. Ich kann mir für eine Weltkirche im 21. Jahrhundert aber gar keine Alternative zur Synodalität vorstellen. Wir sind nun mal unterschiedlich in der Weltkirche und doch gemeinsam unterwegs. Genau das bedeutet ja "syn-odos": Miteinander unterwegs zu sein. Wie soll Kirche anders sein? Wollen wir trennende Cliquenbildungen und Abspaltungen? Nein. Die gesunde Vielfalt in Einheit immer wieder neu zu realisieren, bedeutet Synodalität. Es geht heute nicht mehr darum, als Kirche möglichst viele abstrakte Glaubenswahrheiten spekulativ zu definieren und zu verteidigen, sondern Kirche als Dynamik zu verstehen und zu erleben. Ich glaube, dass auch Papst Leo XIV. klar ist, dass dabei eine einseitig orthodox geprägte religiöse Manie, die wir in der Vergangenheit lange genug erlebt haben, in einer interkulturellen Welt der Postmoderne nicht mehr hilfreich ist.

Frage: Papst Leo XIV. hat angekündigt, künftig jährlich solche Kardinalskonsistorien abhalten zu wollen. Wird er die Kirche also über Konsistorien statt über Synoden regieren?

Vellguth: Wenn Sie sich das Durchschnittsalter der deutschen Kardinäle anschauen, liegt das bei 84 Jahren. Papst Leo wird sich darüber im Klaren sein, dass er die Zukunft der Kirche nicht von einem Gremium gestalten lassen kann, das ein Durchschnittsalter von rund 80 Jahren hat. Auch würden dabei die Lebensrealitäten und Perspektiven von Frauen ebenso wie von Laien nicht angemessen berücksichtigt. Schon allein mit Blick auf die Katholizität der Lebensrealitäten der Christinnen und Christen ist ein Konsistorium – ebenso wie ein Konzil – nur eine von vielen möglichen kirchlichen Versammlungsformen und Diskursforen. Synoden sind dabei allumfassender – also im ursprünglichen Wortsinn katholischer – weil auch Frauen, verheiratete Männer sowie Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen einbezogen werden. Aber wenn Papst Leo XIV. die Synoden stärker für Frauen und Laien öffnet, dann ist es klug, dass er in regelmäßigen Konsistorien auch die Kardinäle befragt und einbezieht.

Von Christoph Brüwer