Bilanz nach Israel-Reise

Erzbischof Bentz: Nahost-Konflikt "lange nicht" vorbei

Veröffentlicht am 22.01.2026 um 12:34 Uhr – Von Andrea Krogmann (KNA) – Lesedauer: 

Jerusalem ‐ Mit einer internationalen Bischofsgruppe war Erzbischof Bentz als Vorsitzender der Nahost-Arbeitsgruppe der deutschen Bischöfe in Israel und den besetzten Gebieten unterwegs. Die Lage bleibt aus seiner Sicht komplex.

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Im Heiligen Land sind nach Worten von Erzbischof Udo Markus Bentz sowohl Erleichterung über den Waffenstillstand als auch Erschöpfung und Verzweiflung zu spüren. Kritisch bewertet er im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) die Lage im besetzten Westjordanland, wo "im Schatten des Gaza-Kriegs" Fakten geschaffen werden. Bentz, Erzbischof von Paderborn und Vorsitzender der Arbeitsgruppe Naher und Mittlerer Osten der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), äußert sich zum Abschluss einer mehrtägigen Reise mit Bischöfen mehrerer Länder nach Israel und in die besetzten Gebiete:

Frage: Die internationale Bischofsgruppe kommt nach ihrem Selbstverständnis zuallererst ins Heilige Land, um zuzuhören. Ist das angesichts der aktuellen Lage noch zeitgemäß?

Bentz: Die Tatsache, dass wir hier sind und Präsenz zeigen, ist für unsere Gesprächspartner etwas Wertvolles. Es bedeutet für sie, wahrgenommen zu werden und Rückendeckung zu erhalten. Für mich kann ich zudem sagen, dass ich aus jedem Treffen etwas Konkretes mitgenommen habe - was sich unter anderem in konkreter Hilfe für Projekte äußert. Natürlich ist nicht nur zuzuhören wichtig, sondern auch, dass sich die Bischöfe zuhause in ihren Heimatländern wirksam zum Sprachrohr für die Christen im Heiligen Land machen. Durch unsere Treffen wachsen Beziehungen und eine Verbundenheit. Es entsteht ein anderes Verständnis für die komplexen Zusammenhänge mit viel Hintergrundwissen. Ich glaube an die Macht der Sprache. Worte verändern Wirklichkeit, nicht nur Worte, die ich spreche, sondern auch solche, die ich höre. Was ich hier in den Begegnungen höre, verändert meine Wirklichkeit und mein Sprechen über die Situation vor Ort.

Und schließlich bin ich sehr dankbar für die direkten Kontakte vor Ort, darunter per Videoschalte nach Gaza zum dortigen Pfarrer. Wo bekommen wir sonst zu Gaza unabhängige Nachrichten? Es ist kaum hinzunehmen, dass nach wie vor keine ausländischen Journalisten unabhängig aus Gaza berichten können, weil sie nach all dieser Zeit weiter nicht reindürfen, während gleichzeitig die Arbeit der palästinensischen Journalisten unter schwersten Bedingungen vor Ort immer wieder in Frage gestellt wird.

Frage: Die Stimmen, die Sie hier gehört haben, rufen geradezu verzweifelt nach Hilfe; nach Taten, die den Worten folgen müssen. Wie kann man diesem Schrei gerecht werden?

Bentz: Nehmen wir das Beispiel der katholischen Kirche. Dass sie im Heiligen Land so präsent sein kann, mit sozialen Einrichtungen, Schulen und so weiter; dass der Lateinische Patriarch so eine Stellung hat, kommt nicht von ungefähr. Es ist möglich, weil diese eigentlich sehr kleine Ortskirche in großem Maße getragen wird von einer Weltkirche, gerade auch von der Kirche in Deutschland. Es gibt viele Akteure, die sich hochengagiert für das Heilige Land einsetzen.

Frage: Der päpstliche Botschafter hat vor einer Gleichsetzung von Antisemitismus und berechtigter Kritik an Israel gewarnt. Deutschland ist in dieser Hinsicht sehr vorsichtig. Müsste man aus den Begegnungen nicht eine deutlichere Sprache mit Blick auf die Lage im Heiligen Land nach Deutschland bringen?

Bentz: Es ist gut, dass wir in Deutschland sehr sensibel und sehr differenziert sind und dennoch Dinge, die schwierig sind, klar benennen. Die Internationalität unseres Treffens lehrt mich jedes Jahr aufs Neue, wie verschieden die Wahrnehmung und Deutung der Situation sein kann - auch bedingt durch die nationale Herkunft: die deutsche Sicht zum Beispiel ist durch unsere Geschichte anders geprägt als die der Engländer. Und die US-amerikanischen Bischöfe haben noch einmal eine andere Sensibilität. Dennoch: Wir können mutiger sein. Ich versuche, die Dinge klar zu benennen. Für mich gilt der Grundsatz, dass es immer klar zu unterscheiden gilt zwischen dem Judentum und dem Staat Israel, einer israelischen Politik und einer israelischen Regierung, die derzeit in Teilen rechtsextrem ist. Das muss man benennen, und das tue ich deutlich. Trotzdem stehe ich ganz an der Seite Israels und einem ungeschmälerten Existenzrecht Israels und zugleich ganz an der Seite einer palästinensischen Bevölkerung mit ihrem ungeschmälerten Existenzrecht. Es gilt, beides in Balance zu halten und dann zu sehen, was geht - und was auf beiden Seiten nicht geht, sondern kontraproduktiv ist für einen Friedensweg.

Abschlusskommuniqué

Mit einem Appell, der Hoffnung auf friedliche Perspektiven im Nahen Osten eine Chance zu geben, ist gestern (21. Januar 2026) das 25. Internationale Bischofstreffen für Solidarität mit den Christen im Heiligen Land zu Ende gegangen. Seit vergangenen Samstag haben sich 13 Bischöfe aus zehn Ländern Europas und Nordamerikas mit Vertretern der Ortskirche in Israel und Palästina getroffen, um ein Bild zur aktuellen Lage – gerade angesichts des Waffenstillstands zwischen der Terrororganisation Hamas und Israel – zu erhalten.

Frage: Sie sind ein regelmäßiger Gast im Heiligen Land, allein im vergangenen Jahr waren Sie dreimal hier. Wie hat sich das Land verändert im Vergleich zu früheren Besuchen?

Bentz: Beim Bischofstreffen vor einem Jahr waren die israelischen Geiseln noch nicht frei. Ich spüre und höre, dass das ein entscheidender Unterschied für die Gesamtsituation ist. In gewisser Hinsicht ist es eine Befreiung, ein Schritt zu mehr Normalität. Gleichzeitig spüre ich eine große Müdigkeit und Erschöpfung der Menschen. Die Waffenruhe in Gaza hält, auch wenn ich höre, dass es weiter Zerstörungen und Tötungen gibt. Der Krieg als solcher ist vorbei, aber der Konflikt noch lange nicht.

Wir dürfen uns nicht nur auf Gaza konzentrieren, sondern müssen die Dynamik im besetzten Westjordanland im Blick behalten. Es ist zynisch, was dort durch Siedlungsbau, Siedlergewalt, aber auch durch israelische Sicherheitskräfte passiert. Im Schatten des Gaza-Kriegs werden im Westjordanland Fakten geschaffen, die nicht zum Frieden beitragen, sondern den Konflikt verlängern und Gefahr laufen, neuen Extremismus zu schüren. Dazu tragen auch die inakzeptablen Abrissmaßnahmen am UNWRA-Gebäude bei, die während meines Aufenthaltes in Jerusalem geschehen sind. Außerdem spürt man bereits eine Spannung des einsetzenden israelischen Wahlkampfs sowie ganz aktuell eine Nervosität angesichts einer Reaktion der USA auf den Iran und der Frage nach der möglichen Rolle Israels.

Frage: Das Thema des Treffens lautete "Das verheißene Land: Begegnung mit Menschen der Hoffnung." Gerade diese Verheißung nimmt nun eine extremistische jüdisch-israelische Gruppe zur Begründung, Palästinenser gewaltsam zu vertreiben. Bei den Friedensengagierten auf beiden Seiten scheint eher Verzweiflung zu herrschen. Wie kann man da von Hoffnung sprechen?

Bentz: In der gegenwärtigen Lage ist es sehr schwer und eine Herausforderung, glaubwürdig von Hoffnung zu sprechen. Was meinen wir überhaupt, wenn wir Hoffnung sagen? Hoffnung ist keine Traumtänzerei, nicht billige Utopie. Einer der Vertreter der "Rabbis for Human Rights" hat uns auf zwei etymologische Dimensionen des hebräischen Wortes für Hoffnung - tikwah - hingewiesen. Die eine ist der letzte Faden, an den ich mich klammere in der Hoffnung, dass er nicht reißt - der letzte verzweifelte Halt. Im gleichen Wortsinn ist Hoffnung aber auch ein Pull-Faktor, nicht zu verzweifeln, sondern zu gestalten.

Im Laufe des Heiligen Jahres der Hoffnung ist ein Gedanke zentral geworden für das, was Hoffnung für mich ausmacht. Sie bringt uns dazu, aus der Kluft zwischen dem, was wirklich ist, und dem, was von Gott und dem Glauben her sein könnte, zu handeln. Daher ist Hoffnung vor allem etwas, das bewegt, das gestaltet, statt zu verzweifeln.

Von Andrea Krogmann (KNA)