Passaus Bischof Stefan Oster im Gespräch mit einem Journalisten.
Bild: © KNA
Passaus Bischof Stefan Oster über die Flüchtlingskrise

Eine geistliche Herausforderung

Seit Monaten engagiert sich das Bistum Passau intensiv in der Flüchtlingshilfe. In der niederbayerischen Grenzregion kommen laufen tausende Flüchtlinge an. Im Interview spricht Bischof Stefan Oster über die Lage vor Ort und die geistige Dimension der Krise.

Von Christoph Renzikowski (KNA) |  Freising - 12.11.2015

Frage: Herr Bischof, wie sehr beschäftigt Sie das Thema Flüchtlinge persönlich?

Oster: Bei fast jeder Konferenz steht es an, ich bin auch zu den Brennpunkten gefahren, war in mehreren Flüchtlingsunterkünften, und wir werden sehr häufig gefragt, was wir noch tun können. Also im Grunde täglich.

Frage: Vor acht Wochen hat Ihre Diözese einen Winternotfallplan aufgestellt. Sind die Unterkünfte am Passauer Domplatz schon belegt?

Oster: Erstaunlicherweise werden unsere Angebote bisher nur begrenzt von den kommunalen Behörden genutzt. Ständig ändert sich die Lage. Wir haben zugesagt, ihr könnt auf diese und jene Räume zugreifen, jetzt heißt es, eine normale Turnhalle ist zu klein. Wir haben wirklich mit Schmerzen eines unserer Jugendhäuser zur Verfügung gestellt. Am Anfang war die Stadt begeistert. Jetzt wird das Gebäude doch nicht gebraucht. Begründung: Beim Thema unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ist gerade der Druck raus. Noch bis vor kurzem kamen viele einzelne junge Leute, jetzt kommen sie in der Menge und irgendein Begleiter scheint immer dabei zu sein.

Frage: Wie schon beim Jahrhunderthochwasser vor zwei Jahren stellen Sie Kirchenmitarbeiter für ehrenamtliche Einsätze in der Dienstzeit frei. Machen die Angestellten davon Gebrauch?

Oster: Ich weiß von etwa 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die das tun. Überwiegend packen sie am Passauer Hauptbahnhof mit an, der ja eine Art Drehkreuz für die Weiterverteilung von Flüchtlingen geworden ist.

Im September beschloss das Bistum Passau einen Winternotfallplan, der unter anderem die Bereitstellung großer kirchlicher Immobilien als Notunterkünfte für Flüchtlinge vorsieht.

Im September beschloss das Bistum Passau einen Winternotfallplan, der unter anderem die Bereitstellung großer kirchlicher Immobilien als Notunterkünfte für Flüchtlinge vorsieht. Dazu zählen Turnhallen, Jugendhäuser, der Festsaal des Bistums am Passauer Domplatz und ein Stockwerk im Priesterseminar.

Frage: Sie erhalten bestimmt derzeit viel Post. Welche Anliegen kommen Ihnen da entgegen?

Oster: Leute zeigen sich dankbar dafür, was die Kirche alles macht. Unsere lokalen Politiker sind durchweg froh, dass wir uns so mit reinhängen. Es gibt auch besorgte Stimmen, die sich mit dem Fremden schwertun. Mancher hat das Gefühl, das kommt in einer Wucht, die für unsere Kultur und unseren deutschen Sozialstaat nicht mehr bewältigbar ist. Solche Vorbehalte sind wohl auf dem Land etwas stärker als in der Stadt, aber insgesamt habe ich den Eindruck, dass die Leute weiterhin überwiegend wohlwollend und mit Offenheit bereitstehen.

Frage: Was macht Ihnen Sorge?

Oster: Wenn ich zum Beispiel von Streitereien an den Tafeln höre, wer da etwas zu essen bekommen darf. Da haben die Menschen, die ohnehin kaum etwas haben, Angst, sie kommen jetzt noch schlechter weg durch die Flüchtlinge. Für solche Sorgen müssen wir aufmerksam sein. Die Frage nach dem Wohnraum wird sich bald stellen. Wir vom Bistum wollen in den nächsten Jahren 150 Sozialwohnungen in und um Passau errichten, in die aber nicht nur anerkannte Asylbewerber einziehen sollen, sondern eben auch andere Bedürftige.

Frage: Wie steht es ansonsten um die langfristig notwendige Integration?

Oster: Da sehen wir vor allem die Pfarrgemeinden zusammen mit den Helferkreisen herausgefordert bei Deutschkursen, Freizeitgestaltung, Familienbegleitung, Bildungsmaßnahmen. Das Schulreferat der Diözese macht sich intensiv Gedanken. Schon jetzt gibt es Fortbildungen für Lehrkräfte zum Umgang mit Flüchtlingen. Auch in den Kindertagesstätten werden Erzieherinnen und Eltern dafür geschult.

Frage: Um welche Alltagsprobleme geht es da?

Oster: Zum Beispiel, was sich in einer Kindertagesstätte kochen lässt, wenn da jetzt auch muslimische Kinder sind, die nicht alles essen dürfen. Mir hat unlängst jemand von einem Kind erzählt, das war im Kindergarten völlig stumm, obwohl bekannt war, dass es schon etwas Deutsch kann. Was war los? Das Kind hat nur mit denen geredet, mit denen es ihm die Mama erlaubt hatte. Ein kulturell völlig anderer Hintergrund. Wir müssen uns bemühen, das zu verstehen und fremde Kulturen kennenzulernen. Das kann uns auch bereichern.

Themenseite: Auf der Flucht

Ob Naturkatastrophen, Armut oder Terror: Täglich verlassen Menschen ihre Heimat, um anderswo ein neues, ein besseres Leben zu beginnen. Die Flüchtlinge kommen auch nach Deutschland. Das bedeutet eine große Herausforderung für Politik, Gesellschaft und Kirche.

Frage: Wie beurteilen Sie die Lage als Priester?

Oster: Mich beschäftigt auch die geistliche Perspektive sehr. Im Alten Testament wird etwa geschildert, wie Gott immer wieder sein Volk erzieht. Auch durch äußere Geschehnisse. Das geht sogar so weit, dass derjenige, der Israel in die Verbannung führt, also der babylonische König Nebukadnezar, an manchen Stellen von Gott als "mein Knecht" bezeichnet wird. Ich frage mich nun: Was will Gott uns im Zusammenhang mit den Menschen auf der Flucht sagen? Ich glaube schon, dass das Thema irgendwie in seinen Heilsplan für uns hineingehört.

Frage: Inwiefern?

Oster: Wir leben seit 70 Jahren in Frieden und Wohlstand, wir haben aber beständigen Glaubensverlust in unserer Gesellschaft, eine konstant hohe Abtreibungsquote, eine konstant niedrige Geburtenrate und konstant Reichtum. Jetzt kommen da Menschen von außen, viele mit einem festen Glauben, vielen Kindern, wenig Habe, die uns fragen: Was glaubt eigentlich ihr, wem glaubt ihr, wo sind eure Kinder und warum habt ihr den ganzen Reichtum für Euch alleine? Das ist also auch eine geistliche Herausforderung für uns alle.

Von Christoph Renzikowski (KNA)