Familiensynode im Vatikan
Bundesvorsitzender Thomas Andonie im katholisch.de-Interview

BDKJ-Chef: Jugendsynode ist nicht transparent und offen

Der BDKJ und andere Jugendverbände fordert Reformen in der Kirche. Katholisch.de hat mit dem Bundesvorsitzenden Thomas Andonie über den Missbrauchsskandal und die anstehende Jugendsynode gesprochen.

Von Roland Müller |  Bonn - 11.09.2018

Frage: Herr Andonie, am vergangenen Wochenende hat ein internationales Vernetzungstreffen von katholischen Jugendverbänden aus mehreren deutschsprachigen Ländern stattgefunden. Was war der Anlass dafür?

Andonie: Anfang Oktober beginnt die Jugendsynode im Vatikan und die Weltkirche legt den Fokus auf junge Menschen, ihre Anliegen und ihre Erwartungen an die Kirche. Dazu wollten wir einen Beitrag leisten und dabei helfen, die Bischofssynode zu einem erfolgreichen Treffen zu machen. Über Landesgrenzen hinweg haben wir geschaut, was junge Menschen bewegt und welche ganz konkreten Anliegen sie an ihre Kirche haben.

Frage: Weshalb war dazu ein internationales Treffen nötig?

Andonie: Um die Anliegen möglichst vieler junger Menschen zu bündeln. Der BDKJ ist zwar hauptsächlich in Deutschland tätig, aber bei den Themen der Jugendsynode, die die ganze Weltkirche betreffen, ist der Blick über den eigenen Tellerrand wichtig. Es lag nahe, damit im deutschsprachigen Raum zu beginnen. Auf dieser Ebene ist es bisher unüblich, dass so viele Repräsentanten junger Menschen der selbstorganisierten Jugendverbandsarbeit zusammenkommen. Wir wollten schauen, was junge Menschen in unseren Ländern bewegt, um ein umfassenderes Bild zu bekommen – und sehen, wie die Jugendarbeit jeweils organisiert wird.

Frage: Interessieren sich junge Menschen in verschiedenen Ländern denn für die gleichen Themen? Und wo liegen die Unterschiede?

Andonie: Natürlich gibt es Unterschiede, etwa unsere Verbandsstrukturen oder das Verständnis von Jugendpastoral. Aber wir merken, eine große Klammer eint alles: die Frage nach der Authentizität der Kirche. In diesem Punkt gibt es große Übereinstimmung. Das zeigt sich auch daran, dass wir es geschafft haben, innerhalb von drei Tagen eine gemeinsame Erklärung auf die Beine zu stellen. In fünf Stichpunkten konnten wir pointiert festhalten, was junge Menschen bewegt.

Frage: Kritiker sagen, die Forderungen der Erklärung seien nichts Neues…

Andonie: Es ist natürlich sehr traurig, dass wir zum Teil immer noch die gleichen Forderungen stellen müssen, weil sich in manchen Punkten nichts ändert. Aber wenn junge Menschen die Kirche mitgestalten wollen, muss das ernst genommen werden. Denn unsere Botschaft kommt nicht von einem kleinen Kreis, sondern wird in Deutschland von 660.000 Jugendlichen in 17 Jugendverbänden demokratisch mitgetragen. Ein Blick in das Vorsynodenpapier zeigt, dass sich junge Menschen genau das wünschen: Beteiligung, Mitsprache und Wirkungsräume, in denen sie selbstbestimmt handeln können. Das ist genau das, was kirchliche Verbandsarbeit ausmacht. Wir glauben, jungen Menschen auf diese Art Heimat in der Kirche geben zu können.

Frage: Was macht die gemeinsame Erklärung aus?

Andonie: Neben der unbedingten Annahme jedes jungen Menschen ist der Solidaritätsaspekt des Papiers sehr wichtig. Was uns verbindet ist die Frage, wie die Kirche authentisch sein kann. Unsere Antwort: Sie muss sich kritisch mit sich selbst auseinandersetzen und sich glaubwürdig für Menschen einsetzen, die benachteiligt sind oder leiden. So beweist sich der Glaube. Auch die Liturgie ist natürlich ein zentraler Aspekt, aber sichtbar wird das Wirken der Kirche in der Welt dadurch, dass man den Glauben in der Tat lebt. Deshalb muss die Kirche etwa bei Missbrauchsfällen klare Kante zeigen und Konsequenzen ziehen. Wir sind Papst Franziskus sehr dankbar dafür, dass er den Klerikalismus anspricht. Die Kirche kann nur glaubwürdig sein, wenn sie Fehler eingesteht und daraus Konsequenzen zieht. Das bedeutet, dass das Leid, das Kindern und Jugendlichen durch kirchliche Repräsentanten angetan wurde, lückenlos aufgeklärt und vor staatlichen Gerichten geklärt werden muss.

Thomas Andonie ist seit Juli 2017 Bundesvorsitzender des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend.

Frage: Bald wird die große Studie zum Missbrauch in der deutschen Kirche vorgestellt. Was erwartet der BDKJ von der Studie?

Andonie: Strukturen, die Missbrauch begünstigen, müssen aufgedeckt werden und es muss daran gearbeitet werden, diese zu verändern. Bei vielen Problemfeldern in der Kirche, etwa der Geschlechtergerechtigkeit oder beim Missbrauch, erkennen wir immer die Machtverhältnisse in der Kirche als Problem. Wir müssen Transparenz schaffen an den Stellen, an denen wir Machtmissbrauch durch Klerikalismus in der Kirche bemerken. In der Jugendverbandsarbeit üben Jugendliche mit Klerikern die Leitung gemeinsam aus. Das ist ein wichtiger Punkt in Richtung Transparenz. Wir müssen auch in Pfarreien, Bistümern und anderen kirchlichen Institutionen gemeinsam Verantwortung übernehmen und überkommene Strukturen und Leitungsämter überdenken.

Frage: Das verbandliche Modell der Selbstverwaltung würden Sie also der ganzen Kirche empfehlen?

Andonie: Wir sehen, dass es bei uns sehr gut funktioniert. Und es gibt inzwischen auch alternative Leitungsmodelle durch Laien auf der Pfarreiebene, wie etwa im Bistum Osnabrück. Das sind Modelle hin zu gemeinsamer Leitung – auch wenn man das nicht zentral verordnen sollte.

Frage: Gibt es denn Dinge, die innerhalb des BDKJ angesichts der Missbrauchskrise verändert werden müssen?

Andonie: Der BDKJ und seine Jugendverbände überprüfen stets, ob unsere Konzepte zur Prävention sexualisierter Gewalt auch funktionieren. Gerade wo junge Menschen in Kirche aktiv sind, ist es wichtig, dass wir Schutz gewährleisten sowie sensibel und sprachfähig für Probleme sind. Gleiches wünschen wir uns auch von der Kirche.

Frage: Angesichts der Missbrauchsfälle gibt es Forderungen, die Jugendsynode abzusagen. Finden Sie das sinnvoll?

Andonie: Wir haben bei der Vorsynode gemerkt, dass die Glaubwürdigkeit der Kirche für alle besonders wichtig ist. Es wäre ein fatales Signal zu sagen: Wegen der Missbrauchsfälle sagen wir eine Synode ab, die junge Menschen in den Fokus stellt. Ich glaube, dass es ein zentraler Aspekt sein muss, wegen dieser Missbrauchsfälle dafür zu sorgen, dass die Kirche ein sicherer Ort für alle Menschen ist. Es gibt international immer wieder neue Fälle: 2010 in Deutschland, vor kurzem in Chile, jetzt in den USA. Wir sehen, dass es große Missstände gibt, über die man sprechen muss. Daraus müssen Konsequenzen gezogen und insbesondere in Kirche solch unglaubliches Leid begünstigende Strukturen verändert werden. Dadurch kann die Kirche glaubwürdig werden. Genau deshalb sollte die Synode transparent gestaltet werden. Es muss öffentlich bekannt sein, was dort passiert.

Frage: Der BDKJ fordert für junge Menschen also mehr Mitsprache bei der Synode?

Andonie: Ja, denn wir sehen mit großer Traurigkeit, dass die Jugendsynode nicht transparent und offen ist, obwohl genau das in der Vorsynode explizit von Kirche gefordert wurde. Es ist nicht bekannt, wer als Berater der Bischöfe hinzugezogen wird, ob junge Menschen dabei sind und nach welchem Verfahren sie ausgesucht werden. Es ist sehr wichtig, dass repräsentative junge Menschen dort nicht nur beraten, sondern in die Entscheidungen einbezogen werden. Das haben weltweit junge engagierte und mit der Kirche verbundene Menschen gefordert. Das wäre ein einfacher Schritt, es müssen sich die Bischöfe an die eigene Nase packen und etwas verändern.

Von Roland Müller