Christliche Kunst heute: Zwischen Glasranken und verlorenen Orten
Neue Formen für christliche Themen

Christliche Kunst heute: Zwischen Glasranken und verlorenen Orten

Das Verhältnis von Kirche und zeitgenössischer Kunst ist kein einfaches. Aber auch heute noch stehen Künstler zu ihrem Glauben oder beschäftigen sich mit den Themen Religion und Kirche. Ob kritisch, spirituell oder philosophisch – diese Kunst ist eng mit Religion verknüpft.

Von Christoph Paul Hartmann und Cornelius Stiegemann |  Bonn - 13.04.2019

Angelika Weingardt – Chorfenster der Regiswindiskirche, Lauffen am Neckar, 2008

Das Weinrankenmotiv auf den Fenstern von Angelika Weingardt zitiert die mittelalterliche Malerei an der Decke der Kirche.

Die Fenster von Angelika Weingardt in der Regiswindiskirche in Lauffen am Neckar zitieren die mittelalterlichen Pflanzenmotive an der Decke des Chores.

"Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben", heißt es im Johannesevangelium (Joh 15, 1-8). Doch Angelika Weingardt malte keine grünen Weinblätter und roten Trauben auf die Chorfenster der Regiswindiskirche in Lauffen am Neckar. Sie entschied sich für die Ranke als Thema ihrer Arbeit. Denn diese unscheinbaren Pflanzenteile sind es, die dem ganzen Weinstock Halt geben und ihn wachsen lassen. Das spiegelt sich auch sehr wörtlich in Weingardts Werk: Denn die schwarz gekräuselten Linien auf dem Glas sind teilweise gemalt, teilweise bestehen sie aus Blei. Anstelle von großflächigen Scheiben hat Weingardt hier 6000 einzelne Glasstücke verwendet, die – wie die Kirchenfenster des Mittelalters – durch Bleiruten miteinander verbunden werden. Das gemalte und gebleite Rankenmuster nimmt nach oben hin ab, das lenkt den Blick automatisch in die Höhe. Und an der Decke des Chores sieht man dann wieder gotische Pflanzen- und Rankenmotive, die diesen ältesten Teil der Kirche schmücken. So erreicht die Künstlerin einen ganz bewussten Dialog zwischen den modernen Chorfenstern und der sie umfassenden historischen Architektur. 1965 geboren, studierte Angelika Weingardt Kunst in Stuttgart und Jerusalem. Heute lebt und arbeitet sie als freie Künstlerin in Baden-Württemberg.

Sibylle Springer – Glut, 2016

Auf den Gemälden von Sibylle Springer sieht man erst einmal nichts. Oder besser gesagt, wenig. Schemenhaft meint man Figuren zu erkennen, alles wirkt wie verschleiert. Doch da, ein Mann, gefesselt, ein Messer, Haut in Fetzen. Sibylle Springer beschäftigt sich mit den Themen Gewalt und Brutalität. Für ihre Serie "20 Blicke" kopierte sie historische Gemälde, die Gewaltszenen aus der Bibel oder Heiligenlegenden zeigen. Dann überzog sie die Darstellungen Schicht um Schicht mit Farbe. Hinter weiß und hellgrau verschwinden so Folterwerkzeuge und das schmerzverzerrte Gesicht des heiligen Bartholomäus – aber nie ganz. Der Betrachter muss nun genau betrachten, muss nah herantreten und seine gleichgültige Distanz nicht nur zur Leinwand, sondern auch zu den Inhalten aufgeben. Gehen wir sonst im Alltag von Bildern übersättigt auch an Szenen von Schmerz und Heiligkeit vorüber, sensibilisieren Springers Bilder unser Sehen neu. Durch ihre Malweise gibt sie den Bildern ihr Mysterium zurück. Die 1975 geborene Springer "komme aus einem Künstlerhaushalt". Ihr Vater habe als Bildhauer auch Kunst für sakrale Räume geschaffen. Sie studierte in Bremen und arbeitet heute dort und in Berlin.

Françoise Bissara-Fréreau – Marie de l'Apocalypse, 2015

Die junge Frau drückt ihr Kind schützend an sich. Größte Gefahr droht, das weiß sie. Der Wind bauscht ihr Gewand und zerrt an ihrem Umhang. Doch das Gesicht der jungen Frau ist von absoluter Ruhe. Sie hebt den Kopf gen Himmel, voll Vertrauen, dass Gott sie vor dem Drachen bewahren wird. Für die Künstlerin Françoise Bissara-Fréreau ist diese "Maria der Apokalypse" beides: Die Mutter Gottes, und die Jungfrau aus der Offenbarung des Johannes, die für das Volk Gottes steht. Wer näher an die fast zwei Meter hohe Bronzestatue tritt, die Bissara-Fréreau für die neue Kathedrale von Créteil bei Paris geschaffen hat, sieht eingravierte Symbole und hebräische und griechische Buchstaben. "Das Hauptthema meiner Kunst sind die Heiligen Schriften", erklärt sie. Deshalb sind ihre Figuren nicht in Stoffbahnen gekleidet, sondern in Schriftrollen und Buchseiten. Geboren wurde Françoise Bissara-Fréreau in der ägyptischen Hauptstadt Kairo. Sie wuchs zwischen koptischen Gottesdiensten und der Schule der französischen Franziskanerinnen auf. Doch erst nach ihrer Ankunft in Frankreich 1983 ließ sie sich christlich taufen. Heute arbeitet sie in einem Atelier knapp unterhalb des Montmartre-Hügels.

Kiko Argüello – Ausmalung der Almudena-Kathedrale, Madrid, 2004

Diese Kathedrale ist nicht wie andere: Leuchtend hell und merkwürdig modern kommt sie daher, die Fresken erinnern an eine Mischung aus Ikonenmalerei und afrikanischer Kunst. So merkwürdig neu der ganze Bau und das künstlerische Programm aussieht, ist es auch. Denn die Almudena-Kathedrale in Madrid wurde erst 1993 geweiht, die Fertigstellung des im 19. Jahrhundert begonnenen Baus zog sich nicht zuletzt wegen des spanischen Bürgerkriegs hin. Zur Hochzeit des damaligen Kronprinzen Felipe mit der Fernsehjournalistin Letizia Ortiz sollte die Kathedrale 2004 ausgemalt werden. Die Wahl fiel auf den Künstler Kiko Argüello, der der ehrwürdigen Kirche ein farbenfrohes, zuweilen sehr poppiges Gewand verschaffte, das bis heute die Besucher in seinen Bann zieht. Kiko Argüello studierte Kunst an der Königlichen Akademie der schönen Künste in Madrid. Während des Studiums kam er in eine Lebens- und Sinnkrise, an deren Ende er sich dem katholischen Glauben zuwandte. Seitdem hat er zahlreiche christlich inspirierte Kunstwerke geschaffen, wurde aber auch in anderer Hinsicht überregional bekannt: Er ist gemeinsam mit seiner Frau Gründer des Neokatechumenalen Weges, einer geistlichen Gemeinschaft, die 2008 vom Heiligen Stuhl kirchenrechtlich zugelassen wurde.

Aris Kalaizis – make/believe, 2009

Mit einem offenen Lächeln tritt Papst Benedikt XVI. aus der Doppeltür, breitet seine Arme zum Gruß aus und scheint schon auf das Blitzlichtgewitter der wartenden Fotografen vorbereitet zu sein. Doch auf Aris Kalaizis Gemälde "make/believe" ist er nicht allein: Neben ihm steht noch ein geflügelter Mann, der dem Pontifex sichtlich missbilligend hinterhersieht. Kalaizis macht es dem Betrachter mit einer Bildaussage nicht einfach. Licht von oben fällt auf beide Figuren – doch ist es eindeutig über dem Papst. Die rechte Figur, die vielleicht ein Engel oder auch Gott selbst symbolisieren könnte, ist dagegen sogar ein wenig dunkler als der blendend weiße Pontifex. "Kalaizis gibt keine abschließenden Antworten", schreibt die Theologin Regina Radlbeck-Ossmann über das Bild, das neben der Kirchenkritik auch Fragen nach Glaube und Inszenierung stellt. Sich mit existenziellen Fragen auseinanderzusetzen, zeichnet die Arbeit des Malers aus. Der Sohn griechischer Emigranten wuchs in Leipzig auf und war dort Meisterschüler bei Arno Rink. Er wird der Neuen Leipziger Schule zugerechnet, deren Arbeiten sich häufig durch eine Mischung abstrakter und gegenständlicher Elemente auszeichnen. Kalaizis wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet und seine Bilder hängen in verschiedenen Museen, unter anderem im Museum der bildenden Künste in seiner Geburtsstadt.

Nicole Ahland –Villa K., 2009

Vordergründig zeigen die Fotografien von Nicola Ahland Architektur: Leere Räume, ob nur kurzzeitig verlassen oder für immer verwaist, prägen ihre Arbeiten. "Räume definieren einerseits des Menschen gesellschaftliche Stellung und seinen Rang, andererseits bietet Raum Schutz und ist Spiegel der gesamten Bandbreite von Emotionen", sagt die Künstlerin in einem Interview mit dem Kunstmagazin "deconarch.com". Sie will diese Einflüsse auf Räume und die daraus entstehende Dynamik einfangen. Dazu sucht sie gezielt Räume, die in einem Wandlungsprozess sind, also etwa verlassene Altbauten oder noch nicht bezogene neue Gebäude. Dort verbringt sie oft ganze Nächte, um die von ihr gewünschte Wirkung zu erzielen. Ahland wurde 1970 in Trier geboren und hat in Mainz Freie Kunst studiert. Seit 2001 lebt sie in Wiesbaden. Neben Museen und Galerien stellte sie auch in Kirchen aus.  

Roberto Ferri – Papst Franziskus, 2014

Das Gesicht von Papst Franziskus ist zur Hälfte in helles Licht getaucht, auf die andere Seite fällt tiefer Schatten. Es sind die dramatischen Lichteffekte des Barocks, denen sich der Maler Roberto Ferri bedient, um den Pontifex auf die Leinwand zu bannen. Seine zwei Franziskusgemälde hat das Governatorat der Vatikanstadt offiziell angenommen und sie hängen in dessen Räumen im Vatikan. Ferri verbindet in seinem Stil Altes mit Neuem: Auf der einen Seite orientiert sich seine Figurengebung an barocken Vorbildern, vor allem an Caravaggio. Ferri verbindet diesen "althergebrachten" Stil aber gern mit symbolistischen oder surrealen Elementen. Dadurch bricht er die Grenzen unterschiedlicher Kunstsysteme und -epochen auf und verbindet sie. Der Künstler wurde 1978 im apulischen Tarent geboren. Nachdem er sich zunächst autodidaktisch der Kunst gewidmet hatte, machte er seinen Abschluss an der Akademie der Schönen Künste in Rom. Heute sind seine Werke weltweit zu sehen. Zudem gibt er auch Workshops für werdende Maler, in denen er ihnen bei der Ausbildung einer eigenen Technik und Handschrift hilft.

Von Christoph Paul Hartmann und Cornelius Stiegemann