Priorin Irene Gassmann
Bild: © Kloster Fahr
Priorin Irene Gassmann über den Missbrauch von Ordensfrauen

"Die Männer haben die Macht über die Frauen – das ist das Problem"

Wie konnte es zum Missbrauch von Ordensfrauen kommen? Darüber spricht Irene Gassmann, Priorin des Schweizer Benediktinerinnenklosters Fahr, im Interview mit katholisch.de. Sie ist überzeugt: Um das bestehende Machtgefälle zu überwinden, müssen sich alle Glieder der Kirche an Grundlegendes erinnern.

Von Matthias Altmann |  Bonn/Kloster Fahr - 04.04.2019

Spätestens seit der Dokumentation "Gottes missbrauchte Dienerinnen" ist der systematische Missbrauch von Ordensfrauen ein Aufregerthema in Kirche und Gesellschaft. Auch hinter Klostermauern hat der Film für Entsetzen gesorgt: Wie konnte das passieren – und warum konnten die Fälle so lange totgeschwiegen werden? Damit hat sich Irene Gassmann, Priorin des Schweizer Benediktinerinnenklosters Fahr und prominente Stimme für die Sache der Frau in der Kirche, intensiv beschäftigt. Im katholisch.de-Interview spricht sie über kirchliche Machtverhältnisse, notwendige Rückbesinnungen – und verschiedene Formen des Missbrauchs.

Frage: Priorin Irene, "Gottes missbrauchte Dienerinnen" hat für Empörung und hitzige Debatten gesorgt. Was haben Sie gedacht, als Sie den Film gesehen haben?

Priorin Irene Gassmann: Ich war einfach sprachlos. Für mich ist besonders unverständlich, dass die Verantwortlichen das bis in die obersten Etagen des Vatikans vertuscht und nicht ernst genommen haben. Die Männer stützen sich gegenseitig, einer deckt den anderen. Das hat mich wirklich wütend gemacht. Betroffen gemacht hat mich auch, dass eine Oberin eine junge Schwester, die von einem Priester geschwängert wurde, zu einer Abtreibung nötigen wollte. Als ob es nicht schon genug wäre, dass sie vergewaltigt wurde.

Frage: Welche Faktoren haben den sexuellen Missbrauch von Ordensfrauen begünstigt?

Priorin Irene: Es ist ein Machtproblem. Priester haben als geweihte Männer eine Sonderstellung, die Frauen nicht einnehmen dürfen. Gerade wir Ordensfrauen sind auf Priester angewiesen, zum Beispiel für die Sakramentenspendung. Aber nicht nur dort: Wir Schweizer Benediktinerinnen brauchen etwa einen Ordensassistenten, der uns in Rom bei der vatikanischen Religiosenkongregation vertritt, wenn irgendeine Frage auftaucht. Durch diese Strukturen entsteht eine Abhängigkeit, aus der wiederum ein Ungleichgewicht folgt. Die Männer haben die Macht über die Frauen – das ist das Problem. Dazu kommt das Bild, das man von einer Klosterfrau hat: Sie ist gehorsam, sie ist demütig, sie ordnet sich unter, sie schweigt, sie ist dienstbereit. Wenn das so eingeübt wird, wehrt sich eine Ordensfrau auch nicht.

Es ist ein Machtproblem. Priester haben als geweihte Männer eine Sonderstellung, die Frauen nicht einnehmen dürfen.

Zitat: Priorin Irene Gassmann

Frage: Wie kann man dieses Machtgefälle zwischen Männern und Frauen in der Kirche verhindern? Indem man einfach Frauen zu Priesterinnen weiht?

Priorin Irene: Solange die Kirche so klerikal strukturiert ist, lösen wir dieses Machtproblem nicht – auch nicht, wenn jetzt einfach Frauen in diese Rollen hineinschlüpfen, ohne das zu reflektieren. Ich glaube, es kann sich nur dann etwas ändern, wenn wir uns alle, Geweihte wie Laien, neu bewusst werden, welche Würde uns in der Taufe geschenkt worden ist. Durch die Taufe sind wir, ob Frauen oder Männer, gleichwertige Glieder dieser Kirche. Ich glaube, das haben wir in den letzten Jahrzehnten oder Jahrhunderten vergessen. Wir müssen da viel weiter zurück, als einfach zu sagen: Wir machen jetzt die Türen auf für die Frauenweihe.

Frage: Sie haben es bereits angesprochen: Wer in einen Orden eintritt, gelobt Gehorsam. Was bedeutet es, wenn eine Ordensfrau gehorsam ist?

Priorin Irene: Echter Gehorsam ist für mich eine hohe spirituelle Kompetenz. Das Wort kommt von "hören". Gehorsam bedeutet also aufeinander hören, in sich hinein hören – und auf Gott hören. Für mich als Priorin ist der Umgang mit Gehorsam etwas sehr Anspruchsvolles, vor dem ich sehr großen Respekt habe. Es geht immer darum, zusammen mit einer oder auch mehreren Schwestern genau hinzuhören: Was ist jetzt richtig – einerseits für die Einzelne, andererseits im Blick auf die Gemeinschaft? Das kann manchmal ein längerer Prozess sein. Und Gehorsam heißt für mich nicht einfach: Ich als Priorin bin Befehlsgeberin und die Schwester Befehlsempfängerin. So einfach ist das nicht.

Frage: Wie schaffen Sie in Ihrem Kloster ein "schwesterliches" Miteinander?

Priorin Irene: Als Priorin gehe ich schon voraus, aber ich muss mein Tempo dem der Schwestern anpassen. Für mich ist wichtig, dass sie mitgehen. Ich lege auch Wert darauf, dass die Schwestern über aktuelle Debatten informiert sind. Wir haben zum Beispiel gemeinsam im Konvent diese Dokumentation angesehen. Ich hätte mir den Film alleine ansehen und mir dadurch einen Vorsprung verschaffen können. Das ist auch eine Form von Macht. Daher habe ich bewusst gesagt, dieser Film löst jetzt eine Debatte aus – wir schauen ihn miteinander.

Das beste Mittel gegen den Klerikalismus? Die Rückbesinnung auf die Taufe, findet Priorin Irene Gassmann: "Durch die Taufe sind wir, ob Frauen oder Männer, gleichwertige Glieder dieser Kirche. Ich glaube, das haben wir in den letzten Jahrzehnten oder Jahrhunderten vergessen."

Frage: Neben dem sexuellen Missbrauch von Ordensfrauen ist auch deren Ausbeutung zurzeit ein Thema. Wie hätten Sie reagiert, wenn Ihre Ordensleitung Sie damals zu Küchen- oder Reinigungsarbeiten bei hohen Geistlichen abkommandiert hätte?

Priorin Irene: Wir Benediktinerinnen im Kloster Fahr sind der "stabilitas loci" verpflichtet, wir haben also keine "Außendienste". Grundsätzlich gehört die Hausarbeit natürlich zur klösterlichen Arbeit dazu. Wir verteilen die entsprechenden Dienste auch unter uns. Ich erinnere mich noch: Als ich eine junge Ordensschwester war, hatten wir bei uns einen Spiritual und einen Propst. Die beiden hatten zwar ihre eigenen Wohnräume, aber gekocht wurde für sie in der Klosterküche. Es hieß dann auch, wir müssten noch für die "Herren" anrichten. Damals ist mir das gar nicht aufgefallen. Es war einfach normal. Vor 30 Jahren habe ich mich daran gar nicht gestört. Das Ganze geht mir erst jetzt auf. Dabei merke ich: Ich habe mich verändert – und die Zeit auch.

Frage: Wie würden Sie heute damit umgehen?

Priorin Irene: Ich weiß es nicht. Ich glaube, es geht darum, ob diese Arbeit auch wertgeschätzt wird. Der heilige Benedikt schreibt in der Ordensregel, dass niemand vom Küchendienst ausgenommen ist. Er gehört zu der benediktinischen Spiritualität dazu. Jeder trägt dazu bei. Die Frage ist, wie dieser Dienst von den Empfängern angesehen wird: Ist das wertschätzend, geschieht das auf Augenhöhe?

Frage: Kennen sie Ordensgemeinschaften oder Klöster, die Schwestern – salopp gesagt – zum Kochen und Putzen schicken?

Priorin Irene: Direkt kennen nicht. Ich weiß aber, dass die Küche der Schweizergardisten in Rom von polnischen Schwestern gemacht wird. Früher waren das Baldegger Schwestern, eine Schweizer Kongregation. Aber heute gibt es meines Wissens nach – zumindest bei uns in der Schweiz – keinen Bischofshaushalt mehr, der von Ordensfrauen geführt wird. Ich sehe das als Zeichen der Zeit, nicht zuletzt mangels Nachwuchs.

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Frage: In Deutschland wurde über den spirituellen Missbrauch diskutiert, nachdem Doris Wagner ein Buch über ihre Erfahrungen damit veröffentlicht hatte. Halten Sie die Vorwürfe, die sie ihrer ehemaligen Gemeinschaft darin macht, für nachvollziehbar?

Priorin Irene: Das habe ich auch gelesen. Ich selber habe das nicht erlebt. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass das gerade in der Ausbildung in Gemeinschaften – auch heute noch – vorgegeben wird, wie man zu glauben hat. Das ist natürlich fatal. Denn der Glaube ist etwas Persönliches, sogar Intimes. Auch in solchen Fällen gilt: Immer, wenn die Würde eines Menschen nicht geachtet wird, passiert Missbrauch. Da muss sich jede oder jeder an die eigene Nase fassen und sich die Frage stellen, wie sie oder er mit dem anderen umgeht. Der heilige Benedikt sagt zum Beispiel, dass wir in unserem Gegenüber Christus erkennen sollen.

Frage: Papst Franziskus hat das Thema Missbrauch von Ordensfrauen Anfang des Jahres selber aufgegriffen. Wird nun mehr für die Aufklärung dieser Fälle getan?

Priorin Irene: Zumindest bin ich überzeugt, dass es da jetzt kein Zurück mehr gibt. Das Thema ist offengelegt. Ich glaube, aus der Erfahrung mit den Missbrauchsfällen bei Kindern und Jugendlichen heraus wird es aber noch lange dauern, bis der Missbrauch von Ordensfrauen aufgearbeitet ist.

Frage: Sie sind schon mehrfach durch klare Statements aufgefallen, in denen Sie kirchliche Reformen fordern – etwa mit Ihrem Aufruf zum "Gebet am Donnerstag", bei dem wöchentlich für die Gleichstellung von Frauen in der Kirche gebetet wird. Woher nehmen Sie diesen Mut?

Priorin Irene: Bei unseren Gebetszeiten im Kloster kann ich mich immer wieder zurückziehen. Ich brauche diese Verbindung mit Christus. Für mich ist auch das Miteinander in der Gemeinschaft ganz wichtig. Ich kann mich nur soweit in die Öffentlichkeit vorwagen, wie meine Mitschwestern das mittragen. Wenn ich ihre Unterstützung spüre, gibt mir das viel Kraft. Und ich muss wirklich sagen, dass ich glücklich bin, so eine wunderbare Gemeinschaft zu haben. Ich begegne auch immer wieder ganz tollen Menschen, bei denen ich spüre, dass sie wie ich diese Kirche lieben – und an ihr leiden. Da entwickeln sich immer gute Gespräche. Zu unserem "Gebet am Donnerstag" etwa gab es viele ermutigende Rückmeldungen. Ich glaube, ich habe in meiner ganzen Lebenszeit noch nie so viel mit verschiedenen Leuten über den Glauben gesprochen wie zurzeit. Ich merke, dass diese aktuelle Krise ganz viele gute Fragen auslöst. Ich spüre, dass andere auch damit ringen und dankbar sind, darüber sprechen zu können. Auch daraus ziehe ich meinen Mut.

Von Matthias Altmann

Zur Person

Irene Gassmann ist seit 2003 Priorin des Schweizer Benediktinerinnenklosters Fahr. Sie leitet eine Gemeinschaft von rund 20 Schwestern und ist zudem für die klostereigenen Wirtschaftsbetriebe zuständig. Das Kloster Fahr wurde um 1130 gegründet und untersteht seither der Abtei Einsiedeln.