Kardinal Stanislaw Dziwisz aus Krakau hält ein Bild von Johannes Paul II. in der Hand in seinem Wohnsitz in Krakau, Polen, am 4. März 2016.
Bild: © KNA
Polnischer Kardinal verteidigt Papst posthum gegen Kritik

Dziwisz: Johannes Paul II. war entsetzt über Kindesmissbrauch

Kritiker werfen dem 2005 verstorbenen Papst Johannes Paul II. Schweigen und Untätigkeit in Bezug auf sexuellen Missbrauch vor. Sein damaliger Privatsekretär Kardinal Stanisław Dziwisz hält nun dagegen.

Bonn - 26.02.2019

Papst Johannes Paul II. (1978-2005) war nach Aussagen seines Privatsekretärs sehr getroffen über den sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker. "Als er herausfand, dass die Anschuldigungen stimmen, war er entsetzt", sagte Kardinal Stanisław Dziwisz dem polnischen Fernsehen TVP. Es habe ihn sehr verletzt, dass Priester und Ordensleute, die ihrer Berufung nach Menschen zu einer Gottesbeziehung helfen sollten, der Grund für so viel Leid junger Menschen und für einen Skandal für jeden seien. Das TV-Interview mit Dziwisz wurde am Montag von der polnischen katholischen Nachrichtenagentur KAI im Wortlaut veröffentlicht.

Als Reaktion habe Johannes Paul II. im April 2002 vor US-Kardinälen Konsequenzen angekündigt, das Kirchenrecht geändert und die Verpflichtung eingeführt, jeden Fall an die Glaubenskongregation zu melden. Weiter habe der damalige Papst gesagt, dass es für diejenigen, die Minderjährige verletzten keinen Platz im Priesteramt und in Orden gäbe, so Dziwisz. Zudem habe Johannes Paul II. erkannt, dass nicht nur "das menschliche Drama der Opfer" schlimm sei, sondern auch die falsche Reaktion von Kirchenoberen, die das Kirchenrecht nicht anwandten.

Themenseite: Missbrauch

2010 wurde erstmals eine größere Zahl von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche in Deutschland bekannt. Seitdem bemüht sich die Kirche um eine Aufarbeitung der Geschehnisse. Bei ihrer Vollversammlung veröffentlichen die deutschen Bischöfe am 25. September 2018 eine Studie, die die Missbrauchsfälle im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz zwischen 1946 und 2014 dokumentiert.

Kritiker wie der emeritierte australische Weihbischof Geoffrey Robinson werfen Johannes Paul II. vor, er habe ein "Schweigen" gefördert, anstatt die Bischöfe zu Solidarität mit den Opfern zu verpflichten. Auch auf Vorwürfe gegen den mexikanischen Gründer der Legionäre Christi Marcial Maciel Degollado (1920-2008), habe er jahrelang nicht reagiert und dessen Gemeinschaft gefördert. Degollado missbrauchte Minderjährige sexuell und zeugte mit zwei Frauen drei.

Kardinal: Missbrauch hängt mit Unordnung im Bereich der Sexualmoral zusammen

Auf kritische Nachfragen nach einer "Kultur des Schweigens" im Pontifikat des Polen und seiner Führung der Kirche in den letzten Krankheitsjahren des Papstes antwortete Dziwisz ausweichend. "Die römische Kurie hatte natürlich ihre Schwächen, aber es gab keine bewusste Zustimmung zum Bösen", so der Kardinal. Das Sekretariat des Papstes habe nie die Kurienbehörden ersetzt; Johannes Paul II. habe die Kirche bis zum Lebensende auf bewusste und verantwortungsvolle Weise geführt, so sein ehemaliger Privatsekretär.

Dem Papst sei bewusst gewesen, dass der Kindesmissbrauch nicht nur die Kirche, sondern die ganze Gesellschaft betreffe "und mit der tiefen Unordnung im Bereich der Sexualmoral" zusammenhänge, sagte Dziwisz weiter. Bereits früh im Pontifikat habe Johannes Paul II. dies angesprochen, etwa in seinem Buch "Liebe und Verantwortung" (das Karol Wojtyła 1960 als Ethikprofessor veröffentlichte, Anm. d. Red.) und in der Katechesenreihe zur "Theologie des Leibes". "Der einzige Weg, sich dieser Krise und ihren Ursachen zu stellen, besteht darin, zu einer reifen und verantwortungsvollen Erfahrung der menschlichen Liebe und Sexualität zu erziehen", so Dziwisz. (luk)