Gesetzesinitiative will Beichtgeheimnis kippen
Zur Aufklärung von Missbrauch

Gesetzesinitiative will Beichtgeheimnis kippen

Kinderrechte stünden über dem Beichtgeheimnis, so wird argumentiert. Deswegen sollen chilenische Priester sollen künftig verpflichtet sein, gebeichteten Missbrauch an die Behörden zu melden. Doch das stürzt sie in einen Konflikt mit dem Kirchenrecht.

Santiago - 28.04.2019

In Chile hat eine Gesetzesinitiative die erste Hürde genommen, die das Beichtgeheimnis von katholischen Priestern umgehen soll. Eingebracht hat den Vorstoß der christdemokratische Abgeordnete Raul Soto bereits im vergangenen Jahr, als die ersten Missbrauchsvorwürfe gegen die chilenische Kirche erhoben wurden. "Die Rechte der Kinder stehen über dem Beichtgeheimnis", begründete Soto gegenüber der Zeitung "La Cuarta" seine Initiative. Die Abgeordnetenkammer stimmte der Initiative jetzt zu. Nun hat der Senat das letzte Wort.

Beichtgeheimnis nicht weiter von Meldepflicht ausgenommen

Das neue Gesetz verpflichtet kirchliche Autoritäten jedweder Konfession, Verbrechen gegen Kinder zu melden. Bislang waren unter dem Beichtgeheimnis geäußerte Angaben von dieser Pflicht ausgenommen.

Ein ähnliche Regelung gibt es seit Anfang April bereits ins Australien. Priester in der australischen Hauptstadt Canberra müssen Missbrauchsfälle, von denen sie in der Beichte erfahren haben, bei der Polizei anzeigen. Sie geraten dadurch in einen Konflikt mit dem Kirchenrecht, das den Bruch des Beichtgeheimnisses mit der Tatstrafe der Exkommunikation belegt (CIC Can. 1388 §1). Christopher Prowse, der Erzbischof der Erzdiözese Canberra-Goulburn, hat bereits scharf gegen die neue Regelung protestiert.

Laut chilenischen Medienberichten ermittelt die Justiz dort derzeit in über 150 Fällen gegen 219 Kirchenmitarbeiter wegen Missbrauchs. Bei den mutmaßlichen Opfern gehe es um 241 Menschen, von denen 123 zum Tatzeitpunkt minderjährig waren.

Eine Anfang April veröffentlichte interaktive "Landkarte des kirchlichen Missbrauchs" listet mehr als 230 Fälle aus den Reihen der katholischen Kirche in dem südamerikanischen Land auf. Die verzeichneten Daten stammen laut dem "Netzwerk der Überlebenden" unter anderem von Opfern, aus den Medien, von Behörden oder aus kirchlichen Quellen.

Vorwürfe gegen Priester, Bischöfe und Kardinäle

Die Vorwürfe richten sich gegen 146 Priester, aber auch gegen sechs Bischöfe und die der Missbrauchsvertuschung beschuldigten Kardinäle Francisco Errazuriz (85) und Ricardo Ezzati (77). Ähnliche Online-Projekte gibt es bereits in Italien und Polen. (gho/KNA)

Missbrauch: Priester müssen Beichtgeheimnis brechen

Das Kirchenrecht stellt die Verletzung des Beichtgeheimnisses unter Höchststrafe. Priester im australischen Canberra geraten daher bald in ein Dilemma: Sie werden gesetzlich dazu verpflichtet – wenn es um Missbrauch geht.