Lebte Jesus wirklich – oder behauptet das nur die Bibel?
Die außerchristlichen Quellen zu Jesus von Nazareth

Lebte Jesus wirklich – oder behauptet das nur die Bibel?

Während für Christen außer Frage steht, dass Jesus wirklich existiert hat, gibt es auch Zweifler. Die Bibel als einzigen Beleg wollen sie nicht akzeptieren. Aber es gibt noch weitere antike Quellen.

Von Tobias Glenz |  Bonn - 04.06.2018

Für gläubige Christen besteht kein Zweifel: Jesus von Nazareth lebte und wirkte in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts. Er war der verheißene Messias, der Sohn Gottes, starb am Kreuz, wurde begraben, ist von den Toten auferstanden und aufgefahren in den Himmel. Die vier kanonischen Evangelien dienen den Christen dafür als Hauptquelle, als Beweis für die Existenz Jesu. Vor allem in der Neuzeit kamen jedoch verstärkt Zweifel an der Historizität des Wanderpredigers aus Nazareth auf. Hat er wirklich existiert? Kritiker jedenfalls wollen die Heilige Schrift als einzige Quelle nicht gelten lassen. Tatsächlich finden sich aber in der Antike weitere, außerbiblische Zeugnisse dafür, dass Jesus gelebt hat. Katholisch.de hat die wichtigsten Quellen zusammengestellt.

"Dieser war der Christus"

Ein besonders frühes außerchristliches Zeugnis findet sich beim jüdisch-römischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus († um 100). An zwei Stellen seines Historienwerks "Antiquitates Iudaicae" ("Jüdische Altertümer", veröffentlicht 93/94 n. Chr.) erwähnt er Jesus von Nazareth. Diese Abschnitte werden auch als "Testimonium Flavianum", also das "Zeugnis des Flavius" über Jesus bezeichnet. Im Buch XVIII der Antiquitates heißt es: "Um diese Zeit lebte Jesus, ein weiser Mann, wenn man ihn überhaupt einen Menschen nennen darf. Er vollbrachte nämlich ganz unglaubliche Taten und war der Lehrer aller Menschen, die mit Lust die Wahrheit aufnahmen. So zog er viele Juden und auch viele Heiden an sich. Dieser war der Christus. Und obgleich ihn Pilatus auf Betreiben der Vornehmsten unseres Volkes zum Kreuzestod verurteilte, wurden doch seine früheren Anhänger ihm nicht untreu. Denn er erschien ihnen am dritten Tage wieder lebend, wie gottgesandte Propheten dies und tausend andere wunderbare Dinge von ihm vorhergesagt hatten. Und bis auf den heutigen Tag besteht das Volk der Christen, die sich nach ihm nennen, fort."

Während dieser überlieferte Textabschnitt lange als Beweis dafür galt, dass Josephus von Jesu Existenz wusste, kamen ab reformatorischer Zeit Zweifel an der Authentizität auf. Ein Einwand lautete, dass die frühen Kirchenväter in ihren Schriften den Text nicht erwähnten, obwohl sie Josephus in anderen Kontexten immer wieder als Quelle heranzogen; erstmals zitierte der Geschichtsschreiber Eusebius von Caesarea im 4. Jahrhundert das Jesus-Zeugnis des Flavius. Zudem wäre der Satz "Dieser war der Christus" ein dezidiertes Glaubensbekenntnis des Josephus gewesen, der damit Jesus als Messias anerkannt hätte. Warum, so kritische Stimmen, trat er dann aber zeitlebens nicht zum Christentum über?

In der historischen Jesusforschung wurde der Josephus-Text von Beginn an kontrovers diskutiert. Während die eine Seite ihn als vollständige "Fälschung" respektive spätere Einfügung durch christliche Autoren ansah, befand die andere ihn für authentisch. Nach heutigem Forschungsstand, beruhend auf zahlreichen textkritischen Analysen, handelt es sich vermutlich um eine Mischform aus beidem: Josephus hat demnach in seinem ursprünglichen Werk tatsächlich Jesus, sein Wirken und seinen Tod erwähnt. Jene Passagen allerdings, die als eindeutiges Bekenntnis des Geschichtsschreibers zum christlichen Glauben verstanden werden müssen, seien später durch christliche Bearbeiter eingefügt worden.

Pontius Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld und verurteilt Jesus dennoch zum Tod: Der Prozess vor dem römischen Statthalter wird auch außerhalb der Bibel bezeugt.

Für vollkommen authentisch hingegen wird von vielen Historikern die zweite Notiz des Flavius Josephus verstanden, in der er von der Hinrichtung des Jakobus unter dem Hohenpriester Hannas II. berichtet: "Er versammelte daher den Hohen Rat zum Gericht und stellte vor diesen den Bruder des Jesus, der Christus genannt wird, mit Namen Jakobus, sowie noch einige andere, die er der Gesetzesübertretung anklagte und zur Steinigung führen ließ" (Antiquitates, Buch XX).

"Am Vorabend des Passahfestes hängte man Jeschu"

Der Talmud zählt zu den bedeutendsten Schriftwerken des Judentums. In ihm wurden die mündlichen Bibelauslegungen der verschiedenen Rabbiner-Schulen ab dem 2. Jahrhundert schriftlich fixiert. Im Traktat Sanhedrin ("Hoher Rat") wird auch Jesus erwähnt: "Am Vorabend des Passahfestes hängte man Jeschu. Vierzig Tage vorher hatte der Herold ausgerufen: Er wird zur Steinigung hinausgeführt, weil er Zauberei getrieben und Israel verführt und abtrünnig gemacht hat; wer etwas zu seiner Verteidigung zu sagen hat, der komme und sage es. Da aber nichts zu seiner Verteidigung vorgebracht wurde, so hängte man ihn am Vorabend des Passahfestes."

Wie das Johannes-Evangelium nennt auch die Stelle im Talmud den Vorabend des Passahfestes als Todesdatum Jesu (vgl. Joh 19,31). Andere Angaben hingegen widersprechen dem neutestamentlichen Zeugnis. Von den Römern ist keine Rede, Jesus sei wegen "Zauberei" angeklagt worden und vor allem: Er sei gesteinigt worden, bevor man ihn "hängte". Der Wahrheitsgehalt und das genaue Alter der Notiz sind bis heute umstritten. Historiker gehen mehrheitlich davon aus, dass es sich zumindest nicht um eine vollkommen unabhängige Quelle zum Prozess gegen Jesus handelt, sondern der Autor auf das stärker werdende Christentum und seine Überlieferung reagierte. Daher sei auch die Todesart "Hängen" – in Anlehnung an den Kreuzestod – zusätzlich zur Steinigung genannt worden. Doch wie die Notiz auch interpretiert wird: Der Talmud kennt Jesus und behandelt ihn als historische Person.

Das Volk der "Chrestianer"

Neben den Quellen von jüdischer Seite existieren auch Zeugnisse aus der römischen Geschichtsschreibung, die Jesus erwähnen. Der Kaiserbiograf Sueton († nach 122) schreibt in seinem Werk "De vita Caesarum" ("Über das Leben der Kaiser", 120 n. Chr.) über ein Edikt des Kaisers Claudius aus dem Jahr 49: "Die Juden, welche, von einem gewissen Chrestos aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten, vertrieb er aus Rom." Freilich liefert diese Notiz keine näheren Informationen zum historischen Jesus ("Chrestos"). Sie kann eher als Anhaltspunkt für eine sehr frühe christliche Gemeinde in Rom verstanden werden; tatsächlich bezeichneten die Römer die Christen als "Chrestianer".

Büste mit den Kopf Kaiser Neros aus hellem Stein.
Bild: © KNA

Der berüchtigte Kaiser Nero machte die Christen für den Brand Roms im Jahr 64 verantwortlich. Der römische Senator Tacitus berichtete später über das Ereignis – und sprach dabei auch über den historischen Jesus.

Inhaltich konkreter wird die Notiz des römischen Historikers und Senators Tacitus († um 120). In seinen "Annales" ("Annalen", 116/17 n. Chr.) berichtet er über die Regentschaft Kaiser Neros und auch den Brand Roms im Jahr 64: "Um das Gerücht aus der Welt zu schaffen, schob er die Schuld auf andere und verhängte die ausgesuchtesten Strafen über die wegen ihrer Verbrechen Verhassten, die das Volk 'Chrestianer' nannte. Der Urheber dieses Namens ist Christus, der unter der Regierung des Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war. Für den Augenblick war der verderbliche Aberglaube unterdrückt worden, trat aber später wieder hervor und verbreitete sich nicht nur in Judäa, wo das Übel aufgekommen war, sondern auch in Rom …"

Schließlich finden sich auch beim römischen Juristen und Senator Plinius dem Jüngeren († um 113/15) Hinweise auf Jesus. In den sogenannten Plinius-Briefen – einem Briefwechsel mit Kaiser Trajan – berichtet er von seinen Verhörmethoden gegenüber Christen und schreibt unter anderem: "Denen, die bestritten, Christen zu sein oder gewesen zu sein, sprach ich die Formel vor und ließ sie die Götter anrufen und zu deinem Standbild ... mit Weihrauch- und Weinspenden beten und außerdem Christus lästern. Daraufhin konnten sie meines Erachtens freigelassen werden. Denn zu all dem sollen sich wahre Christen nicht zwingen lassen ..." Plinius sah Jesus demnach als eine Art Gegenspieler zum Kaiser, weil er von seinen Anhängern als Gott verehrt wurde – eine Praxis, die das staatliche Vorgehen gegen die Christen rechtfertigen sollte. Auch hier handelt es sich weniger um eine historische Notiz zu Jesus selbst, als vielmehr um einen Beleg für den römischen Umgang mit den frühen Christen. Gleichwohl bestreitet Plinius in dem Briefwechsel zu keiner Zeit, dass Christus wirklich existiert hat.

Der "weise König" der Juden

Darüber hinaus existieren weitere antike Quellen, die mal mehr, mal weniger deutlich auf Jesus bezogen werden können. Der Historiker Thallus verfasste um das Jahr 55 ein mehrbändiges Historienwerk in griechischer Sprache. Darin nennt er die ihm unerklärliche Finsternis zum Todeszeitpunkt Jesu als historische Tatsache (vgl. Mk 15,33); ebenfalls tut das der griechische Schriftsteller Phlegon von Tralleis († nach 137) in seiner Chronik. Der syrische Stoiker Mara Bar Serapion verfasste Ende des 1. Jahrhunderts einen Brief, in dem er von der Hinrichtung des "weisen Königs" der Juden "wegen der neuen Gesetze, die er gegeben hat", berichtet. Um das Jahr 170 schrieb der griechische Satiriker Lukian von Samosata in seinem Werk "De morte Peregrini" ("Vom Tod des Peregrinus"): "Übrigens verehrten diese Leute den bekannten Magus [Zauberer], der in Palästina deswegen gekreuzigt wurde, weil er diese neuen Mysterien in die Welt eingeführt hatte … Denn diese armen Leute haben sich in den Kopf gesetzt, dass sie mit Leib und Seele unsterblich werden, und in alle Ewigkeit leben würden." Der griechische Philosoph Kelsos schließlich setzte sich in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts kritisch mit den Inhalten der christlichen Lehre auseinander, zweifelte die Historizität Jesu in seiner Streitschrift jedoch nicht an.

Inwieweit die außerchristlichen antiken Zeugnisse zu Jesus von Nazareth dessen wirkliche Existenz belegen, bewerten Historiker und Exegeten von Quelle zu Quelle unterschiedlich. Die Tatsache jedoch, dass die einzelnen Notizen völlig unabhängig voneinander zu verschiedenen Anlässen und in verschiedenen Kontexten entstanden sind, spricht dafür, dass Gegner wie Sympathisanten des frühen Christentums die Existenz Jesu nicht in Zweifel zogen. "Die Zufälligkeit der geschichtlichen Quellen macht uns gewiss, dass wir mit einer historischen Gestalt Kontakt aufnehmen und nicht nur mit der Phantasie früherer Zeiten", urteilen Gerd Theißen und Annette Merz in ihrem Buch "Der historische Jesus". Unabhängig davon beurteilt die Mehrheit der Forscher heute auch zahlreiche biographische Anteile der frühchristlichen Evangelien als historisch zuverlässig. Dass Jesus gelebt hat, steht also außer Frage. Seine Wundertaten, Auferstehung und Himmelfahrt hingegen bleiben Glaubenssache.

Von Tobias Glenz