Evangelist Markus
Über den "Erfinder" der Frohen Botschaft und sein Buch

Markus – Das älteste Evangelium

So nah dran ist kein anderer am Leben Jesu: Der Evangelist Markus verfasste das älteste der vier Evangelien. Doch wer war der Mann hinter dem Buch? Und was macht seine Frohbotschaft zu etwas Besonderem?

Von Tobias Glenz |  Bonn - 29.04.2018

Weder erreicht es die theologische Tiefe des Johannes-Evangeliums, noch kann es mit derart vielen Einzelheiten aus dem Leben Jesu aufwarten wie das Matthäus- oder das Lukas-Evangelium. Mit 16 Kapiteln ist es sogar das mit Abstand kürzeste der kanonischen Evangelien der Bibel. Und doch braucht sich die Frohe Botschaft nach Markus nicht zu verstecken: Nach historisch-kritischer Mehrheitsmeinung handelt es sich nämlich um das älteste der Evangelien im Neuen Testament. Als solches diente es den beiden anderen sogenannten Synoptikern – Matthäus und Lukas – inhaltlich als Vorlage. Schließlich lässt sich sogar sagen, dass der Evangelist Markus, dessen Festtag die Kirche am 25. April feiert, die Gattung "Evangelium" überhaupt erst erfunden hat.

Doch wer war der Mann, der die erste Frohbotschaft des Neuen Testaments verfasste? Das Markus-Evangelium selbst gibt jedenfalls keinen direkten Hinweis auf seinen Urheber. Ursprünglich wurde es anonym überliefert, und die bekannte Überschrift "Evangelium nach Markus" fügte man erst später – wohl Anfang des 2. Jahrhunderts – zur Unterscheidung von anderen Evangelientexten hinzu. Nach altkirchlicher Überlieferung gilt jedoch der aus Jerusalem stammende Johannes Markus als Verfasser, der ein Begleiter des Apostels Paulus war (vgl. Apg 12,12). Aus dem Zeugnis des ersten Petrusbriefes wird zudem gefolgert, dass dieser Johannes Markus später zu einem Schüler von Petrus wurde, dessen Dolmetscher in Rom war und dessen Verkündigung aufschrieb. Der älteste Beleg für die Abfassung des Evangeliums durch Markus findet sich bei Bischof Papias von Hierapolis um 130 nach Christus.

Abschließend lässt sich die Verfasserschaft nicht klären. Nach altchristlicher Tradition soll der Evangelist Markus auch der erste Bischof von Alexandria gewesen sein. Er gilt demnach als Begründer der koptischen Kirche und deren erster Papst. Quellen aus dem vierten Jahrhundert berichten vom seinem Märtyrertod in Alexandria am 25. April des Jahres 68. Die Gebeine des Markus kamen im 9. Jahrhundert nach Venedig, wo sie bis heute im Markusdom verehrt werden. Und wie allen Evangelisten wurde auch Markus schon früh in der Ikonografie ein eigenes Symbol zugeordnet: der Löwe. Die Attribute für die Evangelisten haben ihren Ursprung in den "vier Lebewesen", die sowohl beim Propheten Ezechiel als auch in der Offenbarung des Johannes genannt werden: neben dem Löwen sind das der Mensch (Matthäus), der Stier (Lukas) und der Adler (Johannes).

"Echte" Prophetie?

Im Gegensatz zur Verfasserschaft herrscht bei den Fachleuten zur Entstehungszeit des Textes weitgehender Konsens. Die meisten Bibelwissenschaftler datieren das Evangelium um 70 nach Christus. Umstritten ist lediglich, ob es kurz vor oder kurz nach der Tempelzerstörung durch die Römer in jenem Jahr entstanden ist. Dabei spielt unter anderem die Interpretation des Jesus-Wortes, dass im Tempel kein Stein auf dem anderen bleiben werde, eine Rolle (vgl. Mk 13,2). Handelt es sich dabei um "echte" Prophetie oder wurde der Satz Jesus nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels in den Mund gelegt? Das bleibt letztlich unklar. Eindeutig festlegen lässt sich auch der Ort der Abfassung nicht. Zahlreiche Latinismen im Text lassen Forscher jedoch annehmen, dass Rom als Entstehungsort am wahrscheinlichsten ist. Der Münchner Neutestamentler Joachim Gnilka stellt in puncto Ort und Adressaten umsichtig fest: "Eine Abfassung des Evangeliums in Rom ist möglich, für die römische Gemeinde weniger wahrscheinlich. Vielleicht formuliert man vorsichtiger: für die Heidenchristen des Westens."

Jesus vertreibt die Händler aus dem Tempel

Jesus vertreibt die Händler aus dem Tempel, der im Jahr 70 von den Römern zerstört wurde. Kein Stein werde hier auf dem anderen blieben, hatte Jesus schon zu Lebzeiten prophezeit.

Das Markus-Evangelium steht am Beginn eines Hineinwachsens des Christentums aus der jüdisch-palästinischen Welt in den hellenistisch-römischen Kulturraum. Doch nicht nur dadurch nimmt es in der Religionsgeschichte eine zentrale Stellung ein. Es markiert auch den Übergang von der mündlichen Jesustradition zur Evangelienschreibung. Vor Markus wurde die Botschaft Jesu vornehmlich in mündlicher Form, etwa in Predigt, Katechese und Liturgie, tradiert. Sicher existierten auch schon zuvor schriftliche Quellen, etwa die sogenannte "Logienquelle Q" – aus der sich später Matthäus und Lukas neben dem Markus-Evangelium bedienten – oder die Passionsgeschichte. Markus war aber vermutlich der erste, der das Leben Jesu von der Taufe bis zum Tod am Kreuz in einer chronologischen Abfolge darstellte. Der konkrete Anlass hierfür ist umstritten. Möglich wäre, dass er den christlichen Glauben gegen Irrlehren verteidigen wollte oder dass er ihn schriftlich festhielt, weil zur Zeit der Abfassung die Generation der Zeitzeugen des Lebens Jesu zunehmend ausstarb. Um die Traditionen weiterzugeben, schuf Markus eine neue literarische Gattung: das Evangelium (Frohe Botschaft) – eine Mischung aus Elementen alttestamentlicher Prophetenbücher und hellenistischer Herrscherbiografien.

An dem Schema orientierten sich später auch die anderen drei Evangelien. Inhaltlich bieten diese dem Leser zunächst eine längere Einleitung: Bei Matthäus ist es der Stammbaum Jesu, bei Lukas die Geburtsgeschichte, bei Johannes ein tief theologischer Abschnitt über Christus als ewiges Wort Gottes. Anders bei Markus: Er kommt gewissermaßen sofort zum Punkt und startet mit dem Auftreten Johannes' des Täufers und der Taufe Jesu durch denselben. Jesus tritt dann nach seinem 40-tägigen Wüstenaufenthalt in Galiläa und Umgebung auf, verkündet dort das Reich Gottes und wirkt Wunder. Später wandert er nach Jerusalem, verkündigt auch dort eine kurze Zeit, wird schließlich gekreuzigt und begraben. Das Evangelium ist somit von einer klaren Abfolge ohne große Ausschmückungen geprägt. Gängig ist unter Experten eine grobe Zweiteilung: An den kurzen Einstieg (Mk 1,1-13) schließt sich der erste große Teil über das vollmächtige Wirken Jesu an (Mk 1,14-8,26). Hierauf folgt der zweite Teil über den Weg Jesu zum Kreuz (Mk 8,27-16,8) sowie abschließend ein kurzer zusammenfassender Bericht über die Ereignisse nach der Auferstehung (Mk 16,9-20).

Das Messiasgeheimnis

In theologischer Hinsicht lässt Markus von Beginn an keinen Zweifel daran, über wen er berichtet: Bereits im allerersten Vers heißt es, dass Jesus der "Christus" – also der Gesalbte, der erwartete Messias – sowie der "Sohn Gottes" ist. Seine besondere Erwählung wird noch einmal in der folgenden Passage über die Taufe im Jordan untermauert: Der Geist Gottes kommt "wie eine Taube" auf Jesus herab und eine Stimme aus dem Himmel nennt ihn "mein geliebter Sohn" (vgl. Mk 1,9-11). Der Leser weiß also von Anfang an Bescheid, während die handelnden Personen im Text lange im Dunkeln bleiben. Bis kurz vor Schluss ist das Markus-Evangelium vom sogenannten "Messiasgeheimnis" geprägt ist: Dieses manifestiert sich vor allem darin, dass Jesus Schweigegebote an Dämonen, Geheilte und auch seine Jünger ausspricht. Niemand soll (zunächst) erfahren, wer er wirklich ist.

Das Markus-Evangelium ist ganz auf die Erlösungstat Christi am Kreuz ausgerichtet.

Erst durch Kreuz und Auferstehung kann er uneingeschränkt erkannt werden, so die Botschaft der markinischen Kreuzestheologie. Deshalb spricht erstmals der römische Hauptmann – ein Heide – unter dem Kreuz die Wahrheit über Jesus öffentlich aus: "Als der Hauptmann, der Jesus gegenüber stand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn" (Mk 15,39). Zentrum des Wirkens Jesu ist im Markus-Evangelium also sein unschuldiger Tod am Kreuz, auf den das gesamte Evangelium ausgerichtet ist. Hin und wieder wurde der Text deshalb auch als "Passionsgeschichte mit ausführlicher Einleitung" bezeichnet.

Kern von Jesu Verkündigung ist bei Markus das Anbrechen des Reiches Gottes. Dieses findet seinen Ausdruck in den Heilungswundern und Exorzismen, bei denen Jesus widergöttliche Mächte vertreibt. Das Heil erfahren nach markinischem Verständnis jedoch nur diejenigen, die an die Ankunft des Gottesreiches in Jesus glauben ("Dein Glaube hat dir geholfen", vgl. Mk 5,34). Sein Heilswirken beschränkt sich dabei nicht allein auf Juden, vielmehr ist nach Markus das Heil Gottes auf alle Menschen ausgerichtet. Deshalb, so die klare Botschaft, muss das Evangelium auch allen Völkern gepredigt werden (vgl. Mk 13,10; 14,9; 16,15). Jeder Mensch ist in die Nachfolge Jesu berufen.

Der ursprüngliche Schluss

Vor ein noch ungelöstes Rätsel stellt die Bibelwissenschaftler der Schluss des Mk: In den ältesten bekannten Handschriften – etwa dem Codex Sinaiticus und Codex Vaticanus – endet das Evangelium mit Vers 16,8. Der sogenannte "kanonische Schluss" in Mk 16,9-20 gilt als Kombination von Elementen des Lukas- und des Johannesevangeliums sowie der Apostelgeschichte und soll in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts entstanden sein. Fehlten dem Evangelium also ursprünglich Berichte über den auferstandenen Jesus völlig? Hierzu gibt es mehrere Theorien: Möglich wäre, dass das Markus-Evangelium zunächst unvollständig veröffentlicht wurde, oder aber, dass der ursprüngliche Schluss früh verloren ging. Nach wieder anderer Auffassung hingegen hat der Grabesengel in Mk 16,1-8 bereits alle Inhalte der urchristlichen Osterbotschaft geäußert. Insofern seien Berichte über die Erscheinungen des Auferstandenen nicht zwingend erforderlich, sondern das Evangelium hätte mit Mk 16,8 bereits einen "runden" Abschluss.

Wie dem auch sei: Die herausragende Leistung, die dem Evangelisten Markus – wer immer er wirklich war – zugestanden werden muss, ist wohl seine weitgehende Eigenständigkeit. Er konnte sich anders als die übrigen Evangelisten an keinem literarischen Vorbild orientieren, sondern musste die zahlreichen Einzelüberlieferungen zu Jesus zusammentragen und verarbeitete sie dann in einem von ihm geschaffenen neuen Genre – dem Evangelium – weiter. Somit wurde Markus selbst zum Vorbild: für die späteren Evangelisten Matthäus, Lukas und Johannes genauso wie für verschiedene apokryphe Autoren.

Von Tobias Glenz