Verachtet, vertrieben, vernichtet
Bild: © Open Doors
Christenverfolgung in Ägypten, dem Irak und Syrien

Verachtet, vertrieben, vernichtet

Die Christen in den Ländern des Nahen Ostens sind in ihrer Existenz massiv bedroht. Wo einst die Wiege des Christentums stand, leben die Gläubigen heute oft in ständiger Todesgefahr.

Von Kilian Martin |  Bonn - 13.04.2017

Ägypten: Entspannung und Bedrohung

Gesicherte Zahlen über den christlichen Bevölkerungsanteil in dem mehrheitlich muslimischen Land gibt es nicht. Der Ökumenische Rat der Kirchen gibt jedoch an, dass in Ägypten elf Millionen Kopten leben, was gut 12 Prozent der Bevölkerung entspricht. Die koptische Kirche ist die zweitgrößte der sogenannten orientalischen Kirchen. Eine Minderheit von etwa einer Million Kopten lebt außerhalb Ägyptens und verteilt sich vorrangig auf Europa und die angelsächsischen Staaten. Zu den weiteren Kirchen in Ägypten zählen das Griechisch-Orthodoxe Patriarchat von Alexandrien sowie die mit Rom unierte Koptisch-Katholische Kirche mit jeweils etwa einer Viertelmillion Gläubigen.

In ihrem Stammland Ägypten leiden die koptischen Christen seit langem unter Repression, Verfolgung und Terrorismus. Zwar hat sich ihre Lage seit der Regierungsübernahme durch Präsident Abdel Fattah as-Sisi im Jahr 2014 und dessen Verfassungsreform leicht gebessert, doch noch immer erfahren Christen alltägliche Diskriminierung. "Vor allem im Beruf haben sie oft nicht die gleichen Chancen wie ihre muslimischen Mitbürger", schreibt das Hilfswerk "Kirche in Not" in einem Länderbericht. Die größte Bedrohung stellt mittlerweile der islamistische Terror des selbsternannten "Islamischen Staats" dar.

Das Oberhaupt der koptischen Kirche ist der Patriarch von Alexandrien, der den Titel Papst führt. Laut kirchlicher Überlieferung sitzt er als dessen Nachfolger auf dem Stuhl des Evangelisten Markus. Wie alle orientalischen Kirchen erkennt die koptische Kirche nur die frühen Ökumenischen Konzilien an und weist damit in einigen Punkten dogmatische Unterschiede zur katholischen Kirche auf. Besonders deutlich wird dies bei der Lehre von Jesus Christus: Als "Miaphysiten" bekennen sie, dass in Jesus Gott und Mensch in einer göttlichen Natur vereint waren. Die katholische Kirche sowie die orthodoxen Kirchen erkennen hingegen die Lehre des Konzils von Chalcedon an, wonach Jesus Christus zwei Naturen hatte: Eine wahrhaft menschliche und eine wahrhaft göttliche.

Irakische Christen beten in Qaraqush
Bild: © KNA

Irakische Christen, die aus der Stadt Mossul geflohen sind, beten am 19. Juli 2014 in der Kirche Mar Afram in Qaraqush, Provinz Ninive.

Irak: Religiöse Säuberungen durch den "Islamischen Staat"

In kaum einem Land zeigt sich die Christenverfolgung so drastisch wie im Irak. Der Norden des Landes zählt zu den frühsten christianisierten Regionen überhaupt. Seit dem Zweiten Irakkrieg (2003) und deutlich verstärkt seit der Expansion des "Islamischen Staates" (2014) wurde dieses Erbe vielerorts ausgelöscht, das Christentum im Land ist in seiner Existenz bedroht. Besonders dramatisch ist die Lage der Christen in den Gebieten, die von der Terrororganisation kontrolliert werden, was für etwa ein Drittel des Staatsgebietes gilt. Sie werden Opfer von Ausgrenzung, Vertreibung, Versklavung, Mordanschlägen und Exekutionen. So wurde im Sommer 2014 binnen weniger Tage praktisch die gesamte christliche Bevölkerung aus der Stadt Mossul vertrieben.

Die größte christliche Kirche im Irak ist heute die Chaldäisch-Katholische Kirche, eine mit Rom unierte Ostkirche im orientalischen Ritus. Ihr gehören etwa eine halbe Million Gläubige an, die zu großen Teilen nicht mehr in ihrem irakischen Stammland leben. Insbesondere in den vergangenen Jahren sind Zehntausende in die umliegenden Nachbarländer geflohen. Aufgrund früherer Ausreisebewegungen gibt es heute insbesondere in den USA eine große chaldäische Gemeinde. Der Kirche steht ein Patriarch vor, der in Bagdad residiert.

Die eigenständige Schwesterkirche der Chaldäer ist die Heilige Apostolische und Katholische Assyrische Kirche des Ostens, oder kurz Assyrische Kirche. Von den laut Weltkirchenrat gut 320.000 Gläubigen lebt die Mehrheit heute nicht mehr im Orient. Der Patriarch selbst hat seinen Sitz aufgrund politischer Schwierigkeiten seit 1940 in den USA. Mit Blick auf Liturgie und Lehre bestehen zwischen Assyrischer und Katholischer Kirche bedeutsame Unterschiede. So erkennen die Assyrer lediglich die ersten beiden Ökumenischen Konzilien an. Damit teilen sie zwar das Glaubensbekenntnis, vertreten aber eine andere Lehre von der Natur Jesu Christi (vgl. koptische Kirche).

Linktipp: Kirchen fordern Schutz von religiösen Minderheiten

Nach den Anschlägen auf Kopten in Ägypten fordern Kirchenvertreter in Deutschland mehr Schutz für religiöse Minderheiten. Der koptische Bischof Damian will sogar eine andere Erziehung der Muslime.

Syrien: Massensterben an der Wiege der Kirche

Vor Beginn des Bürgerkriegs lebten in Syrien nach unterschiedlichen Schätzungen zwei bis drei Millionen Christen. Ein großer Teil von ihnen – "Kirche in Not" geht von einem Fünftel aus – ist mittlerweile im Krieg gestorben oder geflohen. Im April 2017 nannte das Hochkommissariat für Flüchtlinge der Vereinten Nationen die Zahl von fünf Millionen Kriegsflüchtlingen, die sich aus Syrien in die Nachbarländer gerettet haben. Das christliche Hilfswerk "Open Doors" ging Ende 2016 von knapp 800.000 im Land verbliebenen Christen aus. Die Arabische Republik sei demnach einer der gefährlichsten Aufenthaltsorte für Christen weltweit.

Zugleich ist das orientalische Land eine Wiege des Christentums. "In Antiochia nannte man die Jünger zum ersten Mal Christen", heißt es in der Apostelgeschichte. Die antike Metropole (das heutige Antakya in der Türkei) hatte im frühen Christentum eine herausragende Stellung; nach der Überlieferung hat Paulus selbst den Bischofsstuhl von Antiochien errichtet.

Die größte christliche Gemeinde in Syrien stellt heute das Griechisch-Orthodoxe Patriarchat von Antiochien und dem gesamten Morgenland. Dieses zählt zur byzantinischen Orthodoxie und bildet eine autokephale Kirche. Der Weltkirchenrat gibt die Mitgliederzahl mit gut 4,3 Millionen weltweit an, wobei 1,2 Millionen Gläubige im Mittleren Osten leben. Das Oberhaupt der Kirche, der Patriarch von Antiochien, residiert heute in der syrischen Hauptstadt Damaskus.

Die zweitgrößte Kirche in Syrien ist die Melkitische Kirche, die mit Rom unierte Schwesterkirche des byzantinisch-orthodoxen Patriarchats. Ihr gehören etwa 1,2 bis 1,5 Millionen Gläubige an, wobei die Mehrzahl in den Ländern des Mittleren Ostens lebt. Sie erkennt als Oberhaupt ebenfalls den Bischof von Rom an, die Leitung der Teilkirche obliegt dem melkitischen Patriarchen von Antiochien.

Ebenfalls auf die Tradition des antiochenischen Patriarchats beruft sich die Syrisch-Orthodoxe Kirche. Auch das Oberhaupt ihrer laut Weltkirchenrat 1,4 Millionen Gläubigen residiert heute in Damaskus. Wie die koptische Kirche zählt sie zu den orientalischen Kirchen, teilt also nur die frühen dogmatischen Übereinkünfte der Christenheit. Seit gut einem Jahrhundert haben viele Angehörige der syrisch-orthodoxen Kirche ihr ursprüngliches Stammland in Mesopotamien verlassen. Gründe waren unter anderem die Völkermorde im Osmanischen Reich im Jahr 1915 sowie spätere Bürgerkriege in Syrien und im Kurdengebiet. Große Gruppen von Gläubigen leben heute in westlichen Ländern, unter anderem in Deutschland.

Von Kilian Martin

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