Reliquienschrein und Reliquiar mit der Blutampulle des Heiligen Januarius am 19. September 2016 beim Fest des Sankt Januarius (italienisch "San Gennaro") im Dom von Neapel.
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Brauch hat Wurzeln schon in vorchristlicher Zeit

Warum Katholiken Reliquien verehren

Alte Knochen und halb vermoderte Textilien verehren? Auf den ersten Blick kann das befremdlich wirken. Doch die Reliquienverehrung hat ihre Berechtigung und kann sich auf uralte Wurzeln berufen.

Von Tobias Glenz |  Bonn - 21.08.2017

Vom Gehirn Don Boscos über das Blut Johannes Pauls II. bis zum Grabtuch von Turin: Millionen von Gläubigen verehren Reliquien und pilgern zu den Orten, an denen die heiligen Überbleibsel aufbewahrt werden. Auf viele Nicht-Katholiken mag diese vermeintlich morbide Praxis bizarr wirken – zumal bestimmte Reliquien das Prädikat "kurios" durchaus verdient haben. Sollte nun der fromme Reliquienverehrer wieder einmal belächelt werden, kann er dennoch beruhigt sein: Die Praxis hat einen tieferen Sinn. Und sie ist keineswegs eine seltsame Erfindung der Katholiken – für die sie manche halten mögen –, sondern hat ihre Wurzeln in einer Zeit vor der Kirche.

Wundersame Wirkung

Die Heilige Schrift berichtet an mehreren Stellen, dass "Objekte", die in Beziehung zu verehrungswürdigen Personen stehen, eine wundersame Wirkung haben. Oft geht es dabei um die spontane Heilung von einer schweren Krankheit oder andere unerklärliche Ereignisse. Bereits das Alte Testament spricht von dieser Wirkmächtigkeit, so zum Beispiel im zweiten Buch der Könige: "Als man einmal einen Toten begrub und eine dieser [Räuber-]Scharen erblickte, warf man den Toten in das Grab Elischas und floh. Sobald aber der Tote die Gebeine Elischas berührte, wurde er wieder lebendig und richtete sich auf" (2 Kön 13,21).

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Heilige "Überbleibsel": Ein Reliquiensammler erzählt

Das Neue Testament schließt an diesen Glauben nahtlos an. Bekannt ist etwa die Geschichte der Frau, die seit zwölf Jahren an Blutungen litt und von Ärzten nicht geheilt werden konnte. Das Matthäus-Evangelium berichtet, dass sie nur den Saum von Jesu Gewand berührte und dadurch Heilung erfuhr (Mt 9,20ff). In einer Passage der Apostelgeschichte reichte gar der Schatten des Apostels Petrus aus, der auf die Kranken am Wegesrand fiel und sie heilte (Apg 5,12-15). Dem heiligen Paulus schließlich wurden Schweiß- und Taschentücher entwendet und den Notleidenden aufgelegt; "da wichen die Krankheiten, und die bösen Geister fuhren aus" (Apg 19,11f).

Wertvoller als Edelsteine und Gold

Die Reliquienfrömmigkeit ist also bereits in der Bibel angelegt und hat sich seit der Alten Kirche immer weiter ausgeformt. Ein früher Beleg ist der Bericht über das Martyrium des Bischofs und apostolischen Vaters Polykarp um das Jahr 156. Die Christen von Smyrna – heute Izmir in der Türkei – schrieben nach dem Tod ihres Bischofs: "Wir verehren Christus, weil er der Sohn Gottes ist, aber wir lieben die Märtyrer als Jünger und Nachahmer des Herrn." Die Überreste Polykarps seien ihnen daher "wertvoller als die kostbarsten Edelsteine und von uns höher geschätzt als Gold". Der Reliquienkult zieht sich seit dieser Zeit durch die gesamte Kirchengeschichte.

Erst unter den Reformatoren wurde die Praxis verstärkt angezweifelt. Martin Luther machte sich über die Verehrung lustig und bezeichnete Reliquien als "alles tot' Ding". Demgegenüber betonten das Konzil von Trient (1545 bis 1563) und später noch einmal das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) die Verehrungswürdigkeit der Heiligen und ihrer Überbleibsel. Vor allem im Mittelalter wurden Reliquien zahlreiche Wunder zugeschrieben, und noch heute erhoffen sich die Menschen Hilfe und eine "heilende" Wirkung, wenn sie in Kontakt mit einer Reliquie kommen.

Heilige Kuriositäten

Reliquien faszinieren die Menschen seit jeher. Doch mit der Zeit nahm der Kult mitunter groteske Züge an. Was alles verehrt und für authentisch befunden wurde, klingt heute teilweise unglaublich.

Außenstehende könnten nun dem Trugschluss zum Opfer fallen, Katholiken würden toten Gegenständen magische Kräfte zuschreiben. Das dem nicht so ist, hatte bereits der Kirchenvater Thomas von Aquin (1225 bis 1274) zu erläutern versucht: Reliquien seien für ihn wie ein Vergrößerungsglas, das die glorreichen Strahlen von Gottes Gnade bündle. Hier kommt der entscheidende Punkt zum Ausdruck: Nicht der Knochen oder das alte Gewand an sich bringen Heilung. Vielmehr ist es nach kirchlicher Vorstellung Gott, der durch ein materielles Objekt die heilende Wirkung schafft. Er bedient sich der Reliquie als Mittel, durch das er handelt. Die Überreste beziehungsweise der Heilige verfügen aber über keinerlei Kraft, die abseits der Macht Gottes stünde. Kurz: Reliquien haben eben nichts mit Magie zu tun.

Vorbilder und Fürsprecher

Die Tatsache aber, dass Gott gerade durch die Reliquien hilft und Wunder wirkt, muss zweifelsohne eine besondere Bedeutung haben: Nach katholischer Auffassung nämlich lenkt er damit die Aufmerksamkeit der Gläubigen auch auf die Heiligen, die ihnen "Vorbilder und Fürsprecher" sein sollen, wie es der Katechismus ausdrückt (KKK 828). Vorbilder für ein gottgefälliges Leben, Fürsprecher bei ihm: Letztlich dient somit alle Reliquienverehrung immer der Verehrung Gottes selbst. Einen Atheisten wird natürlich auch diese Erklärung nicht zufriedenstellen; denn der Glaube ist immer Grundvoraussetzung für die Verehrung – und das Verständnis dafür.

Von Tobias Glenz

Weitere Infos

Der Begriff Reliquie stammt vom lateinischen Wort relinquere (zurücklassen). Neben dem Christentum kennen auch andere Weltreligionen Reliquien, so etwa der Buddhismus oder der schiitische Islam. Die katholische Kirche unterscheidet zwischen drei Klassen: Zu den Reliquien erster Klasse zählen der Leichnam eines Märtyrers/Heiligen beziehungsweise einzelne Körperteile. Gegenstände, die der Heilige berührt hat ("Berührungsreliquien"), bilden die zweite Klasse; darunter fallen etwa Gewänder. Reliquien dritter Klasse sind Objekte, die mit Reliquien erster Klasse in Berührung gekommen sind ("mittelbare Berührungsreliquien"). (tmg)