Das Gouvernatorat des Vatikanstaats im Schatten des Petersdomes.
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Kolumne: Römische Notizen

Weltweit einmalig: Der Vatikanstaat wird 90

Wie ist der kleinste Staat der Welt organisiert? Woher kommt sein Geld? Und wie viele Haustiere leben hier? Zum 90. Geburtstag des Vatikans am 11. Februar hat unsere Kolumnistin Gudrun Sailer all das aufgeschrieben. Das Fazit vorab: So einen Staat gibt es weltweit nur einmal.

Von Gudrun Sailer |  Rom - 04.02.2019

Gudrun Sailers Kolumne Römische Notizen (Bildquelle: Fotolia.com/Delphotostock/BillionPhotos.com)

Der höchste Punkt im Staat ist ein Kreuz. Kein Gipfel-, sondern ein Kirchenkreuz: das Kreuz auf der größten Kirche der Welt, die im kleinsten Staat der Welt steht. Der tiefste Punkt ist ein Grab, das buchstäblich der Grund des Staates ist. Petrus, der galiläische Fischer, dem Jesus die Schlüsselgewalt vermachte, liegt nach ziemlich gutbezeugter Überlieferung unter der Kirche, die nach ihm heißt. In gerader Linie über dem Petrusgab steht der Hauptaltar, darüber erhebt sich die Kuppel und auf ihr das Kreuz, das in den Himmel weist. Um diese senkrechte Achse Petrus - Altar - Kreuz dreht sich der Staat der Vatikanstadt.

Und doch ist das ganze Gebilde, bei aller religiösen Dichte, voll Leben und menschlicher Betriebsamkeit. Hinter dem Petersdom wird ja auch gewohnt und gearbeitet, gejoggt, gebechert, herumgetollt und eingekauft. Nicht nur Beichtväter, Päpste und eine Handvoll Klosterschwestern residieren auf dem Hügel, sondern auch junge Leute und Familien mit Kindern. Es ist alles da, was man so zum Leben braucht, Supermarkt, Kaufhaus, Apotheke, Post, Bank, Tiefgarage, Bibliothek, Kinosaal, sogar zwei Kaffeebars, wenngleich etwas umständlich zu erreichen: eine im Hof des Geheimarchivs, die andere auf dem Dach des Petersdoms. Eine Rundfunkanstalt ist vorhanden, die nicht Lokal-, sondern Globalradio macht, eine Zeitung, eine Druckerei, rund 30 asphaltierte Straßen mit Namen, zwei Ampeln und zwei Tankstellen; auf dem ganzen Staatsgebiet gilt Tempo 30, wer sich bei 40 erwischen lässt oder falsch parkt, zahlt erbarmungslos Strafe bei der Vatikan-Gendarmerie. Es gibt ein Gericht, eine Feuerwehr und einen Bahnhof, dahinter mit 200 Meter Länge das kürzeste Schienennetz der Welt, und es gibt einen Hubschrauberlandeplatz ohne Hubschrauber. Alles, was hier ist, dient freilich im Letzten einem religiösen Zweck. Es ist diese Gleichzeitigkeit aus Leben im Kleinen und Glauben im Weltmaßstab, die den Vatikan als Realität einzigartig macht.

Nur der Vatikan ist eins zu eins einer Religion zugeordnet

Tatsächlich haben wir es hier mit dem einzigen Staat zu tun, der eins zu eins einer Religion zugeordnet ist, und umgekehrt hat die katholische Kirche als einzige Religion einen Staat. Er ist zwar bloß ein winziger Flecken Land in Rom, doch darauf sitzen das Oberhaupt und die oberste Verwaltung der katholischen Weltkirche, die zusammen "Heiliger Stuhl" heißen, für 1,3 Milliarden katholisch Getaufte zuständig sind, als einzige Religionsgemeinschaft ein Völkerrechtssubjekt darstellen und volle diplomatische Beziehungen mit 183 Staaten unterhalten. Der Vatikan selbst ist bloß der Boden, auf dem der Heilige Stuhl steht. Ein Dorf, doch unentbehrlich für die Kirche: Diese 0,44 Quadratkilometer gewährleisten die irdische Unabhängigkeit der geistlichen Weltmacht, die Heiliger Stuhl heißt. Beides, Staat und Kirche, regiert ein- und derselbe Souverän, und zwar absolut. Er wird auf Lebenszeit bestimmt, "absolute, religiöse Wahlmonarchie" nennt die Politikwissenschaft diese nur noch in Rom anzutreffende Regierungsform.

Souveränität bemisst sich im Vatikan nicht nur an einer eigenen Hymne, Flagge, Euro-Münze, KFZ-Nummerntafel und Gerichtsbarkeit, sondern sie wird zur anschaulichen Größe: Bis zu 14 Meter hoch ist die Renaissance-Mauer, die den Vatikan von Rom sauber trennt. Er ist der einzige Staat, der in einer Stadt Platz hat, der einzige, der nachts zugesperrt wird, der einzige, der als Ganzes Weltkulturerbe der Menschheit ist. Der einzige, in dem ein Drittel der Einwohner Sicherheitskräfte sind, und dennoch ist die Kriminalitätsrate die höchste der Welt, was nicht etwa an kleptomanischen Kardinälen liegt, sondern am ungünstigen Verhältnis zwischen Einwohnerzahl und Taschendieben auf dem Petersplatz. Auch ist der Vatikan der einzige Staat, der ohne Quelle, Fluss oder auch nur Bach auf seinem Staatsgebiet auskommt. Das hindert die exakt 100 Brunnen in seinen Gärten nicht am Sprudeln, den römischen Wasserwerken sei Dank.

Gudrun Sailer ist Journalistin in Rom und Redakteurin bei "Vatican News".

Und wo wir vom Sprudeln reden: Finanziell lebt der Vatikanstaat, volkswirtschaftlich singulär im Konzert der Nationen, von Immobilienbesitz, Anlageerträgen, Spenden, Eintrittsgeldern und dem Verkauf von Münzen und Marken. Privatwirtschaft am Papst vorbei gibt es im Vatikan keine, deshalb auch keinen Wettbewerb und keine Werbung, tatsächlich: ein reklamefreier Staat. Ein Staat sodann fast ohne produzierendes Gewerbe, Industrie und Landwirtschaft. Einzig das Gärtlein vor dem Kloster Mater Ecclesiae versorgt die Tafel des hier ansässigen emeritierten Papstes Benedikt XVI. mit Biogemüse. Zum Verkauf hergestellt werden im Vatikan Bücher, Fotos, Mosaike, Arzneien, Seifen und Parfums sowie handbeschriebene Pergamente, die päpstlichen Segen verheißen. Nicht direkt lebensnotwendige Bedarfsgüter, mit Ausnahme des Segens, versteht sich.

Alles übrige wird importiert, vom Auto bis zur Zahnbürste. Sogar die Einwohner: Die Bevölkerung des Vatikanstaates besteht zur Gänze aus Ausländern, wie weiland Petrus einer war. Manche von ihnen haben zwar die vatikanische Staatsbürgerschaft, aber keiner ist damit geboren. Residenz wie Reisepass sind an den Dienst geknüpft: Zum Zug kann überhaupt nur kommen, wer für den Papst arbeitet oder zu jemandem gehört, der für den Papst arbeitet. Wer den Dienst quittiert, gibt die Staatsbürgerschaft zurück; über die Residenz lässt sich im Einzelfall noch verhandeln, auch wenn die Wohnungen im Papststaat rar und begehrt sind - es ist halt schon eine lauschige Oase im lauten, dreckigen Rom.

453 Menschen und 1 Haustier leben im Vatikan

Im Januar 2019 lebten 453 Menschen und 1 Haustier (Hund) im Vatikan, wie uns das Governatorat auf Anfrage mitteilte. Die meisten stammten aus Italien, gefolgt von der Schweiz, die seit einem halben Jahrtausend die päpstliche Leibwache stellt. Der Chef ist Argentinier, aber das wechselt, die übrige Belegschaft ist multikulti extrem und wechselt auch, Kongo, Korea, Köln, alles dabei. Derzeit 17 Einwohner sind Kardinäle, und überraschend viele ihrer Nachbarn sind in Wirklichkeit Nachbarinnen: 133 Frauen residieren im Vatikan, das sind 29 Prozent aller Einwohner. Hätten wir jetzt nicht gedacht.

So international das Vatikan-Volk, so homogen seine Religion: zu 100 Prozent katholisch, nicht eine(r) schert aus, auch das ist weltweit unerreicht. Schuld daran ist kein drakonisches Kirchengesetz. Für eine Festanstellung beim Papst kommen zwar nur katholisch Getaufte in Betracht, rechtlich spricht aber nichts gegen Andersgläubige als Einwohner im Papststaat; es müsste sich eben einmal ein Vatikanbürger divers verlieben. Wilde Ehen wären naturgemäß so unstatthaft wie undenkbar unter den Fenstern des Papstes, reguläre Ehen aber blühen und vermehren sich. Die 110 Schweizergardisten leben, sofern sie Familie haben, mit dieser in der Kaserne. An Geburten verzeichnet das päpstliche Standesamt pro Jahr im Schnitt eine, an Todesfällen fünf.

Einen Hebammendienst braucht es da vernünftigerweise nicht, dafür sind innerhalb der Vatikan-Mauern gleich mehrere uralte Friedhöfe zur Stelle, wenngleich nur zwei noch aktiv sind, und auch das nur für ganz handverlesene Tote. Der deutsche Friedhof und, noch exklusiver, die Grotten unter dem Petersdom. Dort ruhen bevorzugt Päpste. Seit Petrus.

Von Gudrun Sailer

Kolumne "Römische Notizen"

In der Kolumne "Römische Notizen" berichtet die "Vatikan News"-Redakteurin Gudrun Sailer aus ihrem Alltag in Rom und dem Vatikan.