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Standpunkt

Wie der Teufel beim Anti-Missbrauchsgipfel Irritationen hinterließ

Agathe Lukassek ist geteilter Meinung über das vatikanische Gipfeltreffen zum Kinderschutz: Einige Fortschritte bei Aufarbeitung und Prävention von Missbrauch sieht sie durchaus. Aber andererseits schien ihr in Rom zu viel mit dem Teufel zuzugehen.

Von Agathe Lukassek |  Bonn - 25.02.2019

Agathe Lukassek ist Redakteurin bei katholisch.de

Ich gebe zu: Eine Bewertung des Anti-Missbrauchsgipfels fällt mir schwer. Zwar scheint es Fortschritte zu geben in Richtung Aufarbeitung, Transparenz und Prävention, aber in den letzten vier Tagen war auch so manches Ereignis verstörend und hinterließ bei mir Irritationen.

Davon, dass Opferverbände nicht eingeladen waren und in einem Hotel am Petersdom einen Gegengipfel veranstalten mussten, will ich gar nicht mehr anfangen, das wurde oft genug thematisiert. Aber was die Opfer über mangelnden Aufklärungswillen auch in der Gegenwart erzählen, lässt kein Gutes Licht auf die Veranstaltung fallen. Die Aktivistin Virginia Saldanha klagt einen der Organisatoren der Konferenz an: Der Erzbischof von Bombay, Kardinal Oswald Gracias, habe einen Priester stets nur in eine weitere Pfarrei versetzt.  Am Donnerstag räumte dieser eigenes Fehlverhalten ein.

Aber nicht nur in Indien, auch mitten in Europa gebe es schreckliche Geschichten, sagte mir ein Opfer. Und tatsächlich: Im großen Medienauflauf der vergangenen Tage fiel das Gastgeberland Italien dadurch auf, dass das Interesse seiner Medien an der Thematik relativ klein war. Und weil die italienische Polizei dafür sorgt, dass es auf und vor dem Petersplatz keine Demonstrationen gibt, wurde auch die Route des "March to Zero" von Opferverbänden geändert. Statt wenige Meter von der Engelsburg zum Vatikan ging ihre Demo durch die römische Innenstadt und endete bereits am Castel Sant'Angelo.

Und dann war da noch die lange Ansprache des Papstes am Sonntag. Es ging lange Zeit um sexuelle Gewalt außerhalb der Kirche und um Schädigung von Kindern durch den Zwang zu Kinderarbeit, -prostitution und -soldaten. Und noch vor strukturellen Ursachen in der Kirche nannte Franziskus das Böse und den Teufel, dessen Werkzeug Missbrauchstäter aus dem Klerus seien. Ja, Kindesmissbrauch ist eine Ungeheuerlichkeit. Aber wenn die Weltöffentlichkeit einer Papstrede lauscht und auf Erklärungen oder Lösungsvorschläge hofft, sollte nicht der Eindruck entstehen, dass nur diejenigen zu Tätern werden, die auf geheimnisvolle Weise vom Teufel ergriffen wurden. Wie soll da noch von Verantwortung gesprochen werden können?

Doch gibt es auch Positives über die Konferenz zu sagen. So scheint nun endlich weltweit verstanden worden zu sein, was Missbrauch ist und dass es ihn überall in der Kirche gibt. Der Vatikan hat konkrete Maßnahmen angekündigt. Es dürfte bald schon lange geforderte Reformen im Kirchenrecht geben. Bislang wird Missbrauch nur im Rahmen vom sechsten Gebot (Ehebruch) behandelt und nicht in Straftatbeständen rund um sexualisierte Gewalt. Künftig soll überprüft werden, ob Bischofskonferenzen ihre Leitlinien auch wirklich umsetzen. Und die ersten Bischöfe bekennen, dass sie künftig nicht nur einzelnen Opfern zuhören wollen, sondern auch mit den Opferverbänden zusammenarbeiten wollen – so sagte es Kardinal Reinhard Marx vor der Presse.

Es bleibt abzuwarten, ob bei der Konferenz geäußerte weitreichende Vorschläge wie die Abschaffung des "Päpstlichen Geheimnisses" bei Missbrauchsermittlungen, eine Kontrolle der Bischöfe durch Laien-Aufsichtsgremien oder durch Metropolitan-Erzbischöfe in Zukunft weiter verfolgt werden. Marx erklärte, es sei möglicherweise Zeitmangel der Redaktion, dass es am Ende des Gipfels zu keiner gemeinsamen Erklärung kam. Hoffen wir, dass die angekündigten Maßnahmen des Vatikans bald kommen.

Von Agathe Lukassek

Die Autorin

Agathe Lukassek ist Redakteurin bei katholisch.de.

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