Kruzifix von Theodor Bogler
... aber wir glauben nicht gleich an Gott. Das macht den Unterschied

Wir glauben alle an den gleichen Gott ...

Es ist eine Stammtischparole: "Wir glauben doch alle an den gleichen Gott. Da sind die kleinen Unterschiede nebensächlich." Das Problem: Der erste Satz stimmt. Der zweite nicht.

Von Susanne Haverkamp (Verlagsgruppe Bistumspresse) |  Osnabrück - 14.11.2016

Die erste Antwort auf die Frage: "Glauben wir alle an den gleichen Gott?" ist ebenso banal wie einsichtig. Ja, wir glauben alle an den gleichen Gott - weil es nur einen gibt. "Wenn Gott lediglich 'unser Gott' wäre", schreibt der bekannte tschechische Soziologe und Priester Tomas Halik, "wäre er ein Stammesgott mit einer begrenzten Kompetenz und nicht der Schöpfer des Himmels und der Erde, der Herr der ganzen Welt, der sichtbaren und der unsichtbaren." Dass er das aber ist, bekennen alle drei Religionen, um die es hier geht: Judentum, Christentum und Islam.

Ein Stammesgott, der in Konkurrenz zu den Göttern der Nachbarländer stand, so wurde der Gott Israels zunächst gesehen - viele Stellen im Alten Testament machen das deutlich. Das erste Gebot "Du sollst keine anderen Götter neben mir haben" (Exodus 20,2-3) zeigt das beispielhaft. Vor allem in der Zeit des babylonischen Exils (ab 587 v. Chr.) setzte sich dann die Auffassung durch, dass diese Alleinstellung für alle Völker, nicht nur für Israel gilt. "So spricht der Herr: Ich bin der Erste, ich bin der Letzte, außer mir gibt es keinen Gott" (Jesaja 44,6). Gott wird zum universalen Gott für alle Völker, zum Schöpfer und Herrn der ganzen Welt. Dieser Gott war der Gott Jesu. Barmherzigkeit, Nächstenliebe, selbst die Anrede "Vater" sind im jüdischen Gottesbild fest verankert.

"Juden und Christen beten den gleichen Gott an"

Weil dieser Gott der Gott Jesu war, ist er auch der "Gott der Christen". So hat etwa Papst Johannes Paul II. von den Juden als "unseren älteren Brüdern" gesprochen und vom "niemals gekündigten Bund" Gottes mit seinem Volk Israel. Und in einer Lutherischen Erklärung aus dem Jahr 1999 heißt es: "Deshalb steht das Judentum in einer besonderen Verbindung zu seinem Gott, den wir auch als unseren Gott bekennen."

Sehen die Juden das auch so? Klar ist: Für sie ist es schwieriger. Denn der Vorwurf, die Christen hätten aus dem einen Gott drei Götter gemacht, wiegt schwer. Jesus kann für Juden "Bruder" (Schalom Ben-Chorin) oder "ein großer jüdischer Rabbi" (Pinchas und Ruth Lapide) sein, aber nicht "Messias" oder "Sohn Gottes". "Der Glaube Jesu eint uns, der Glaube an Jesus trennt uns", schreibt Schalom Ben-Chorin. Trotz dieser grundlegend anderen Sicht formulieren aber etwa die "Seelisberger Thesen", die aus einer Konferenz von Juden und Christen im Jahr 1947 hervorgingen, "dass ein und derselbe Gott durch das Alte und das Neue Testament zu uns allen spricht". Und die Erklärung "Dabru Emet" ("Redet Wahrheit") jüdischer Theologen aus dem Jahr 2000 sagt ganz eindeutig: "Juden und Christen beten den gleichen Gott an."

Ein Gemälde mit Jesus, der das Kreuz trägt, einer Taube und Gottvater, der als alter Mann mit Bart dargestellt wird.

Mit Blick auf die Dreifaltigkeit gibt es von jüdischer Seite den Vorwurf, die Christen hätten aus dem einen Gott drei Götter gemacht. Dennoch erklärten jüdische Theologen im Jahr 2000: "Juden und Christen beten den gleichen Gott an."

Schöpfer, Barmherziger, Allmächtiger, Richter – so beschreiben auch Muslime Gott. "Allah" ist nicht sein spezieller Eigenname, "al-ilah" - "der Gott" oder "die Gottheit" - ist schlicht der Begriff, den etwa auch arabisch sprechende Christen für Gott benutzen. Auch wenn für Muslime die Lehre vom "dreieinen Gott" genauso wenig annehmbar ist wie für Juden: Dass wir an den gleichen Gott glauben, bestreiten sie nicht. Im Koran heißt es im Hinblick auf die Christen: "Wir glauben an das, was zu uns und was zu euch herabgesandt worden ist. Unser Gott und eurer ist einer. Wir sind IHM ergeben" (Sure 29,46).

Diese "Theorie" ändert nichts daran, dass Christen und Muslime sich lange gegenseitig als "Gottlose" betrachtet haben. Von katholischer Seite änderte sich dies im Zweiten Vatikanischen Konzil. In der Konstitution über die Kirche heißt es: "Der Heilswille umfasst aber auch die, welche den Schöpfer anerkennen, unter ihnen besonders die Muslime, die ... mit uns den einen Gott anbeten ..." (Lumen Gentium 16). Papst Johannes Paul II. hat diese und ähnliche Konzilsaussagen immer wieder zitiert und weitergeführt. So sagte er etwa 1985 bei der Eröffnung eines katholisch-muslimischen Symposiums in Rom: "Euer und unser Gott ist ein und derselbe."

Der Ökumenische Rat der Kirchen formulierte 1969: "Judentum, Christentum und Islam gehören nicht nur geschichtlich zusammen, sie sprechen von demselben Gott, dem Schöpfer, Offenbarer und Richter ..." Und umgekehrt heißt es in dem Offenen Brief "A Common Word" von 138 islamischen Gelehrten an die Christenheit aus dem Jahr 2007: "Liebe zu dem Einen Gott und die Liebe gegenüber dem Nächsten - diese beiden Prinzipien finden sich immer wieder in den heiligen Schriften des Islams und des Christentums."

Licht scheint auf ein Buch.

"Jede Religion wird bei der Bewertung der anderen Religion stets vom eigenen Bekenntnis ausgehen", meint der Theologe Andreas Renz.

Wir glauben alle an den gleichen Gott. Aber wir glauben nicht alle gleich an Gott. Juden und Christen glauben beispielsweise an den Gott, der mitleiden kann. Das ist eine Eigenart des christlichen Glaubens, der Gott im leidenden Gekreuzigten sieht. Aber auch für manche Juden ist "das Mitleiden Gottes" ein Weg, den nationalsozialistischen Völkermord, die Schoah, als Glaubende zu ertragen. Für Muslime dagegen steht immer die Allmacht Gottes im Vordergrund, nicht die Ohnmacht. Ein leidender Gott ist undenkbar.

Es gibt diese Unterschiede im Gottesbild aber nicht nur zwischen den Religionen – es gibt sie auch zwischen den Gläubigen der einzelnen Religionen. Orthodoxe Juden sehen in Gott einen, der etwa auf die Einhaltung strikter Ernährungs- oder Sabbatregeln achtet – liberale Juden sehen das anders. Muslimische Extremisten glauben, dass Gott sie mit offenen Armen empfängt, wenn sie "Ungläubige" in Seinem Namen ermorden - die große Mehrheit der Muslime glaubt das nicht. Manche Christen glauben, dass Gott Homosexuelle in die Hölle schickt, andere meinen, dass die Hölle eher leer ist - falls es sie überhaupt gibt. Und wieder andere meinen, dass man über Gottes Eigenschaften überhaupt nichts sagen kann, weil er der stets Andere, Größere, alles Umfassende ist; dass das Geheimnis Gottes stets größer ist als unsere Erkenntnis über ihn; dass jedes "Gottesbild" prinzipiell mindestens unvollständig, vielleicht sogar falsch sein muss.

Alles gleich wertig?

Ist dann im Letzten doch alles egal, alles gleichwertig? "Jede Religion wird bei der Bewertung der anderen Religion stets vom eigenen Bekenntnis ausgehen", schreibt der Religionswissenschaftler und Theologe Andreas Renz in seinem Buch "Beten wir alle zum gleichen Gott?" So ist es für die katholische Kirche Glaubensaussage, dass das Heil in Jesus Christus und nur in Jesus Christus liegt. "Es gibt nach katholischem Verständnis kein Nebeneinander von gleichwertigen Heilswegen, vielmehr werden die Menschen außerhalb der sichtbaren Kirche in die Heilsordnung des dreieinen Gottes einbezogen."

Renz, Lehrbeauftragter im Fach katholische Theologie der Universität München und Referent für interreligiösen Dialog im Erzbistum München und Freising, ist deshalb gegen jede Naivität - etwa im Feld des interreligiösen Gebets. "Christen beten durch Christus im heiligen Geist", sagt er. Dafür dürfe man Juden und Muslime nicht vereinnahmen. Dass Vertreter der verschiedenen Religionen nebeneinander auf je ihre Weise zu dem einen Gott beten, hält er dagegen für wichtig. "Hinter die Tradition der Friedensgebete der Weltreligionen in Assisi können wir nicht mehr zurück", sagt er. "So erfahren Juden, Christen und Muslime, die nebeneinander beten, doch eine Gemeinschaft, die ihr Verhältnis und ihr Vertrauen zueinander vertieft. Sie erfahren sich gemeinsam ... als Geschwister vor Gott, der stets größer ist als all unser Verstehen und Gestammel."

Von Susanne Haverkamp (Verlagsgruppe Bistumspresse)

Hintergrund: Themenwoche "Mein Gott"

Die Kampagne "Mein Gott … eine Aktion katholischer Medien" ist eine Initiative des Katholischen Medienverbands (KM). Alle Mitgliedsunternehmen (unter anderem Bistumszeitungen) und weitere interessierte Medien sind eingeladen, im Zeitraum vom 14. bis zum 20. November über Gottesbilder und Gotteserfahrungen zu berichten und Veranstaltungen zu dem Thema zu organisieren. Katholisch.de bildet ausgewählte Inhalte der Themenwoche ab.