Leere hochgestellte Stühle in einem Klassenraum deuten auf das Ende des Unterrichts.
Warum katholische Schulen auf Erfolgskurs sind

Kirche macht Schule

Rund 360.000 Schüler in Deutschland besuchen katholische Schulen - die Nachfrage steigt seit Jahren. Das führen viele auf die eindeutige Werteorientierung zurück. Doch in manchen Bereichen gibt es noch Nachholbedarf.

Von Uwe Bork |  Bonn - 04.01.2017

Harald Häupler ist ein bibelfester Mann. Der ehemalige Leiter des Albertus-Magnus-Gymnasiums in Stuttgart ist Lehrer für Musik und Mathematik. Mittlerweile ist er einer der Direktoren der Stiftung "Katholische Freie Schule" in Rottenburg am Neckar. Von der Aufgabe der in der Stiftung zusammengefassten neunzig kirchlichen Bildungseinrichtungen hat er eine klare Vorstellung: "Die Schüler sollen mit ihren Gaben so umgehen können, wie es von den Dienern im Neuen Testament verlangt wird, denen ihr Herr sein Vermögen anvertraute: Sie sollen sie nicht vergraben, sondern einsetzen und vermehren. Damit dies gelingt, müssen wir in der Schule den notwendigen Raum schaffen."

Ohne einen gewissen Leistungsdruck gehe das nicht, das ist dem Pädagogen klar. Dennoch legt er Wert darauf, dass sich das christliche Menschenbild im Unterricht ausdrückt. "Du hast Schwierigkeiten in Englisch", würde er etwa einem Schüler mit den entsprechenden Problemen zu vermitteln suchen, "aber das ändert nichts an deinem Wert als Person." Als Menschen hätten alle Kinder unterschiedslos ihren Lehrkräften so lieb und wert zu sein, als wären sie sämtlich Genies in Deutsch, Physik oder Mathe. Das sei zumindest der Anspruch, so Häupler.

Nachfrage nach Plätzen steigt

Viele Eltern schätzen diese Vorstellung offensichtlich. Rund 360.000 Schüler werden bundesweit in katholischen Schulen unterrichtet. Die Nachfrage nach Plätzen an den gegenwärtig 689 allgemeinbildenden und 215 berufsbildenden Schulen steigt. Von einer Schulform im Aufwind will Harald Häupler aber dennoch nicht sprechen: "Wir waren schon immer gut nachgefragt", zieht er ohne falsche Bescheidenheit Bilanz. "Vielleicht liegt das auch daran, dass wir in der Öffentlichkeit ein klares Profil besitzen und für eine eindeutige Wertorientierung stehen. Wir tun, was wir sagen."

Unterricht an katholischer Schule

Als Menschen hätten alle Kinder unterschiedslos ihren Lehrkräften so lieb und wert zu sein, als wären sie sämtlich Genies in Deutsch, Physik oder Mathe. Das sei zumindest der Anspruch, so Häupler.

Das mag in der jüngeren Vergangenheit nicht immer so gewesen sein. Der noch nicht restlos aufgearbeitete Missbrauchsskandal in der Kirche hat das Vertrauen einiger Menschen zerstört. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart wurde zwar 2011 die "Kommission zum Schutz vor sexuellem Missbrauch an katholischen Schulen" eingerichtet. Und das Bistum unterstützt das interdisziplinäre Forschungsprojekt "Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige" von der Deutschen Bischofskonferenz. Dennoch empfinden viele die von der Kirche lange ignorierte sexualisierte Gewalt nach wie vor als eine offene Wunde. Die "schlimme Hypothek des Missbrauchs", wie der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst dieses belastende Erbe nannte, ist noch immer nicht abgetragen. Bitten um Vergebung, wie sie von vielen Bischöfen und dem Papst kamen, können den Schmerz lindern - sie können die Verbrechen aber nicht ungeschehen machen.

Vor diesem Hintergrund kann man davon ausgehen, dass die Schatten der Vergangenheit die Leistungen der Gegenwart noch länger verdunkeln werden. Umso mehr müsse es für die katholische Kirche daher ein Anspruch sein, in ihren Schulen eine Pädagogik zu vermitteln, die, den Schülern "das Gefühl gibt, in der Schule gut aufgehoben zu sein", sagt Häupler. Diese Pädagogik will er "ganzheitlich" verstanden wissen. Das heißt, sie dürfe sich nicht darauf beschränken, Bildung als rein fachliche Ausbildung für einen Beruf zu begreifen. Ein frommer Firnis aus Morgenfeiern und Gottesdiensten reicht nach Ansicht des Pädagogen allerdings auch nicht aus, um katholisch getragene Schulen von ihren staatlichen Gegenstücken zu unterscheiden. Die katholische Kirche als Schulträger müsse sich ihrem eigenen Selbstverständnis entsprechend vielmehr für junge Menschen einsetzen und als ihre Anwältin in Gesellschaft und Politik auftreten, ist Häuplers Überzeugung.

Katholische Schulen: Für das Leben lernen

Unter den Schulen in freier Trägerschaft sind katholische Schule besonders beliebt. Doch warum ist das so? Und wie sieht überhaupt der Alltag an einer katholischen Schule aus? Katholisch.de hat in einem Dossier alles Wichtige rund um katholische Schulen zusammengestellt.

Wenn die Kirche im doppelten Sinn des Wortes "Schule macht", besetzt sie damit laut Häupler ein wichtiges gesellschaftliches Feld. Sie gehe auf die Menschen zu statt abzuwarten, dass diese selbst kommen. Mit ihren Schulen sei die Kirche deshalb "dort, wo sie sonst nicht ist. Sie macht ihr Angebot genau da, wo gesellschaftliche Prozesse ablaufen."

Woelki: Angebote zu sehr an Mittel- und Oberschicht ausgerichtet

Folgt man dem Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, muss sie dabei in Zukunft noch aktiver werden. Als Vorsitzender der bischöflichen Caritas-Kommission kritisierte er jüngst, die katholische Kirche habe sich mit ihren schulischen Angeboten zu sehr an der Mittel- und Oberschicht ausgerichtet. Vermutlich ganz im Sinne von Papst Franziskus forderte er, sie müsse sich "mehr für arme und bildungsferne Schichten engagieren". Häupler gibt eine gewisse "Gymnasiallastigkeit" im kirchlichen Schulwesen zu. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass in seinem Zuständigkeitsbereich traditionell schon immer ein Schwergewicht auf die Förderung von "Bildungsverlierern" gelegt worden sei. Daraus sei beispielsweise die überdurchschnittlich hohe Zahl ehemaliger oder noch bestehender Mädchenschulen zu erklären.

Leider kommt das Geld dem Ziel, auch Bildungsverlierer zu fördern, seit je in die Quere. "Schulen sind immer Zuschussbetriebe", klagt Häupler. Mit dem Kapital der Stiftung "Katholische Freie Schule" müsse er den laufenden Schulbetrieb mit weit über fünf Millionen Euro subventionieren. Dennoch: Dieses Geld sei gut angelegt, ist er überzeugt. Es könnte sich als gesellschaftlicher Bonus vermehren wie die Silbertalente der tüchtigen Diener beim Evangelisten Matthäus. Für die habe sich ihr Engagement schließlich mehr als ausgezahlt.

Von Uwe Bork