Bei den Niederbronner Schwestern fehlt der Nachwuchs

"Wir haben keine Berufungen mehr"

Aktualisiert am 22.04.2017  –  Lesedauer: 
"Wir haben keine Berufungen mehr"
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Orden

Neumarkt/OPf. ‐ Früher wurden im Kloster Sankt Josef neue Ordensfrauen ausgebildet. Heute leben dort mehr von ihnen im Altenheim als in der eigentlichen Gemeinschaft. Ein Besuch bei den Niederbronner Schwestern.

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In Neumarkt in der Oberpfalz, etwa mittig zwischen Nürnberg und Regensburg, liegt das ehemalige bayerische Provinzmutterhaus der Schwestern des Göttlichen Erlösers. Viele der sogenannten Niederbronner Schwestern verbringen hier im Kloster Sankt Josef ihren Ruhestand. Wo früher die Ordensausbildung in Postulat und Noviziat stattfand, leben heute über 120 Schwestern im klostereigenen Alten-und Pflegeheim. Die Gemeinschaft selbst besteht noch aus 28 Ordensfrauen. Die letzte Ewige Profess wurde hier vor vier Jahren abgelegt. Der Nachwuchs fehlt.

Deshalb wurde die Ausbildung bereits 1994 nach München verlegt, erzählt die ehemalige Verantwortliche Schwester Cornelia. Sie entschloss sich im Jahr 1961 der Gemeinschaft beizutreten. Eigentlich wollte sie Kindergärtnerin werden. "Da war ich in der 8. Klasse. Meine Eltern sagten mir dann, dass man das nur als Ordensschwester machen kann." Während ihrer Schulzeit beginnt sie sich vermehrt mit der Bibel auseinanderzusetzen, lernt große Teile davon sogar auswendig. Im Alter von 21 Jahren legt sie die ersten Gelübde ab.

"Heute kenne ich jede einzelne von uns"

Als Kindergärtnerin hat sie dennoch nie gearbeitet, auch keine Ausbildung gemacht. Stattdessen zunächst in der früheren Paramentenwerkstatt, wo liturgische Gewänder aufwendig bestickt wurden. Ihre Ewige Profess folgte im Jahr 1969. Bereits mit 30 beginnt Schwester Cornelia, die neuen Ordensfrauen auszubilden, unter anderem ihre eigene Schwester: "Heute kenne ich wohl jede einzelne von uns mit Namen."

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Schwester Cornelia ist eine der Schwestern vom Göttlichen Erlöser im Kloster Sankt Josef in Neumarkt.

Die Gemeinschaft der Schwestern vom Göttlichen Erlöser wurde im Jahr 1849 durch Elisabeth Eppinger in Bad Niederbronn – daher der Name der Schwestern – im Elsass gegründet. 1866 erfolgte die Päpstliche Anerkennung. Die Gemeinschaft wuchs in den ersten Jahrzehnten so sehr an, dass sich in Würzburg und Wien selbstständige Kongregationen bildeten. Das Generalmutterhaus wurde 1880, 13 Jahre nach dem Tod der Gründerin, nach Oberbronn im Elsass verlegt. Anfang des 20. Jahrhunderts errichten sich zahlreiche weitere  Provinzen in Deutschland, unter anderem  das Provinzmutterhaus in Neumarkt.

Erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) näherten sich die selbstständigen Kongregationen aus Wien und Würzburg wieder an der Ursprungsgemeinschaft an. Zu dieser Zeit fand innerhalb der Kongregation auch ein Reformkapitel statt. Die alte Ordenstracht wurde dem neuen Zeitgeist angepasst. Obwohl Schwester Cornelia zu diesem Zeitpunkt ihre Ewige Profess noch nicht abgelegt hatte, nahm sie die damalige Oberin mit auf die Versammlungen. Sie erarbeite mit anderen jungen Schwestern anhand der Konzilstexte Leitlinien für die deutschen Gemeinschaften.

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Schwester Cornelia zeigt die Veränderungen der Ordenstracht nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil anhand der Portraits der Oberinnen.

Weltweit gibt es heute sieben Provinzen der Niederbronner Schwestern. Die ehemaligen Provinzen Baden-Hessen, Bayern, Österreich und Pfalz wurden Anfang des 21. Jahrhunderts zur Provinz Deutschland und Österreich mit den Gemeinschaften der Niederlande zusammengelegt. Der Sitz befindet sich heute in Nürnberg.

Neumarkt hat seitdem nur noch ein "normales" Kloster. Das klostereigene Tagungshaus befindet sich mittlerweile nicht mehr unter der Verwaltung der Klosterschwestern. Die Trägergesellschaft der Niederbronner Schwestern unterhält in der Kleinstadt eine Hauswirtschaftsschule und eine Kindertagesstätte. Einige Ordensfrauen arbeiten hier ehrenamtlich mit. Die Präsenz sei wichtig, erklärt Schwester Cornelia. Selbst wenn die Einrichtungen nicht mehr hauptamtlich in den Händen der Schwestern sind: "Der Geist von uns Schwestern, die Berufung und die Sendung soll überall spürbar sein."

Die Schwestern sind immer da

Und die Anwesenheit ist nicht nur spür- sondern auch sehbar. Überall auf den Gängen des Tagungshauses kommen einem Schwestern entgegen; die eine mit einer Gießkanne, die nächste mit einem Wäschekorb in der Hand. Auch im klostereigenen Altenheim helfen die Schwestern den hauptamtlichen Pflegerinnen: Tee ausschenken, Wäsche verteilen, Besuche. Auch wenn die älteren Ordensfrauen nicht mehr aktiv in der Gemeinschaft sein können, wird hier alles dafür getan, dass sie sich als Teil dieser fühlen können. "In jedem Zimmer ist ein Fernseher, auf den unsere Gemeinschaftsgebetszeiten, die Laudes morgens und die Vesper abends, und die Eucharistiefeiern übertragen werden. Nach den Gottesdiensten bringt ein Priester die Kommunion in die Zimmer", erzählt Schwester Cornelia.

Die Priester im Kloster sind ebenfalls im Ruhestand. Vier Jesuitenpater leben in einem separaten Bereich des Klosters und kümmern sich um die Seelsorge der Schwestern und Tagungsgäste. Die Gäste sowie Außenstehende sind zu sämtlichen Gebetszeiten der Ordensfrauen eingeladen. An Hochfesten ist die Klosterkirche voll. Im Alltag nutzen die Schwestern allerdings nur die sogenannte Unterkirche des Klosters, ein kleiner Raum unter der Hauptkirche, der 1974 renoviert wurde. Die Hauptkirche selbst empfinden die  Schwestern für die täglichen Gebete der Laudes, der Eucharistiefeiern und der Vesper als zu groß.

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Die Klosterkirche des Klosters Sankt Josef in Neumarkt.

Neben den gemeinsamen Gebetszeiten treffen sich die Neumarkter Schwestern zu den Mahlzeiten im Schwesternspeisesaal. Einen festen Sitzplatz hat hier niemand. Etwas anderes schon. "Jede Schwester hat eine eigene Serviette, die wir an Werktagen verwenden. An Sonntagen haben wir alle weiße Servietten", erklärt Schwester Cornelia.  Vor dem Essen spricht niemand, bis das Tischgebet gemeinsam gesungen wird. Während der Mahlzeiten unterhalten sich die Schwestern. Über ihre Arbeit, das Essen oder anstehende Professjubiläen. Die Atmosphäre ist entspannt.

65 Jahre Ordensleben feiert die älteste Schwester der Gemeinschaft in diesem Jahr. 1952 legte sie ihre Profess ab. Heute ist sie über 90 Jahre alt. Aus ihrem Noviziatsjahrgang leben von 18 Frauen noch drei. Aktuell hat die deutsche Provinz der Niederbronner Schwestern nur eine Novizin. Als ehemalige Ausbilderin sieht Schwester Cornelia die Ursachen dafür in der gesellschaftlichen Veränderung. Früher wären soziale Berufe fast ausschließlich von Schwestern ausgeübt worden. Das habe ihrer Meinung nach zu einem raschen Wachstum der neuen caritativen Orden während und nach der Industrialisierung geführt. Diese Zeiten sind vorbei.

Das Ordensleben ist wichtig

"Doch wenn es im sozialen Bereich keine Schwestern mehr gibt, fehlt etwas", meint Schwester Cornelia. Sie selbst musste im September mit drei Mitschwestern ein Pflegeheim der Caritas in Eichstätt verlassen. Die letzte im Pflegedienst aktive Schwester sei dort bereits 2005 ausgeschieden, die anderen haben schon immer nur ehrenamtlich mitgeholfen. Dennoch war die Gemeinschaft im Haus und bei den Bewohnern präsent. Aufgrund des Alters, des fehlenden Nachwuchses und anstehender Umbaumaßnahmen wurde die Gemeinschaft aufgelöst. Ein schwerer Schlag für die Bewohner des Pflegeheims: "Viele haben uns gefragt, mit wem sie denn nun reden sollten. Das Pflegepersonal habe oft keine Zeit."

Seit Oktober ist sie selbst wieder im Kloster Sankt Josef in Neumarkt. Als ehemalige Oberin und Ordensreferentin im Bistum Eichstätt will sie hier vor allem geistliche Angebote bieten. Aber auch der Besuch der älteren Schwestern im Alten- und Pflegeheim ist für sie wichtig. In dieser gelebten Nächstenliebe sieht sie ihre Berufung: "Ich sage immer: Meine Berufung hat kein Datum. Die endet mit dem Tod." Natürlich mache sie es traurig, dass so wenige junge Menschen sich entschließen, denselben Weg zu gehen, den sie im Alter von 21 Jahren eingeschlagen hat.

Doch heute wachsen die Menschen ihrer Meinung nach anders auf. Die Lebensentwürfe seien unsteter, das Verantwortungsbewusstsein für andere Menschen wird weniger. Angst um die Zukunft des Ordens hat Schwester Cornelia dennoch nicht: "Wir müssen akzeptieren, dass gerade keine Berufungen gibt. Vielleicht wird es irgendwann anders."

Von Julia Martin

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