Ein Pole als Hoffnungsträger für eine verunsicherte Kirche
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Vor 40 Jahren wurde Karol Wojtyla zum Papst gewählt

Ein Pole als Hoffnungsträger für eine verunsicherte Kirche

Am 16. Oktober 1978 begann das lange Pontifikat Papst Johannes Pauls II. Dem vorausgegangen war ein besonders spannendes Konklave, das der Pole für sich entscheiden konnte. Und das, obwohl er zunächst kein Favorit für das Papstamt gewesen war.

Von Ludwig Ring-Eifel (KNA) |  Vatikanstadt - 16.10.2018

Es war das zweite Konklave des Jahres 1978. Nach dem Tod des 33-Tage-Papstes Johannes Paul I. am 28. September waren die in Rom versammelten Kardinäle verunsichert. Die Lage der Kirche und der Welt war kompliziert und beängstigend.

Die Gerüchte über eine Ermordung des "lächelnden Papstes" hielten die Menschen in Atem, und unter den Kardinälen tobte ein Richtungskampf über die Fortsetzung der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). In Westeuropa setzte der linksradikale Terrorismus die Staaten mit Attentaten und Entführungen unter Druck, und außenpolitisch war der Kalte Krieg der alles bestimmende Rahmen.

Am 14. Oktober 1978 also zogen 111 Kardinäle in die Sixtinische Kapelle ein. Sie alle wussten, dass viel auf dem Spiel stand. Die Kirche musste nach den Linienkämpfen, die seit 1968 offen ausgebrochen waren, wieder Tritt fassen. Und die Kardinäle mussten nach dem oft zaudernden Paul VI. und dem kränklichen Johannes Paul I. einen Mann zum Papst wählen, der sie mit Schwung bis zum Jahr 2000 führen konnte.

Nach den ersten Wahlgängen sah es allerdings nicht so aus, als hätten die Kardinäle die ganze Tragweite ihrer Entscheidung begriffen. Es zeichnete sich ein Patt ab zwischen dem konservativen Genueser Kardinal Giuseppe Siri und dem gemäßigt liberalen Kurienkardinal Giovanni Benelli, der eine ähnlich vermittelnde Rolle einzunehmen versprach, wie sie Paul VI. in den 1970er Jahren versucht hatte.

Papst Johannes Paul im Papamobil mit Kardinal Joseph Ratzinger
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Joseph Ratzinger war ein enger Vertrauter des polnischen Papstes Johannes Paul II. Er soll ihn auch im Konklave unterstützt haben.

In dieser Situation brachte der Wiener Kardinal Franz König einen Namen ins Spiel, den bis dahin nur wenige auf dem Zettel hatten: Karol Wojtyla, Erzbischof von Krakau. Der 58-jährige hatte bereits im Konklave zwei Monate zuvor einige Stimmen erhalten. Er galt aber als Außenseiter - unter anderem, weil er aus Polen kam und noch nie ein Osteuropäer Papst war.

Dem gut vernetzten Kardinal aus Wien gelang es, in zahlreichen Gesprächen eine ungewöhnliche Koalition zusammenzubringen: Dazu gehörten neben den wenigen Osteuropäern auch die Deutschen Alfred Bengsch, Joseph Höffner, Joseph Ratzinger und Hermann Volk sowie ihre befreundeten Nachbarn aus den Niederlanden und Belgien. Hinzu kamen die meisten der neun US-amerikanischen Kardinäle (unter ihnen der polnischstämmige John Josef Krol von Philadelphia als Schlüsselfigur), aber auch einige Italiener - und zwar aus beiden kirchenpolitischen Lagern.

Erzbischof Wojtyla hatte auch im Vatikan Eindruck gemacht

Den Fortschrittlichen schien Wojtyla vor allem deshalb wählbar, weil er vom liberalen Kardinal König empfohlen wurde. Und die Konservativen sahen den polnischen Katholizismus als eine der letzten Hochburgen des wahren Glaubens in Europa, in der die allgemeine Verunsicherung durch die Moderne noch nicht angekommen waren.

Für den Kandidaten Wojtyla zahlte sich zudem seine gute Vernetzung mit anderen Kardinälen aus. Mit seinem Kirchbau in der Arbeitersiedlung "Nowa Huta" bei Krakau, den er gegen den Willen der kommunistischen Machthaber durchsetzen konnte, hatte er ein Symbol gesetzt, dass ihm in vielen Ländern Bewunderung einbrachte.

Er hatte Frankreich, Deutschland, Belgien und die USA bereist und an vier Welt-Bischofssynoden teilgenommen. Und in Rom hatte er erst zwei Jahre zuvor Eindruck gemacht, als er die Fastenexerzitien für die vatikanische Kurie hielt. Darin hatte er die Kirche als "Zeichen des Widerspruchs" definiert - was bei Fortschrittlichen genauso gut ankam wie bei Konservativen.

Papst mit Ehepaar Walesa und dem Vater von Lech Walesa, der vor sieben Jahren Polen verlassen hatte und hier seinen Sohn zum ersten Mal wiedersah.
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Am 15. Januar 1981 wurden der Führer der freien polnischen Gewerkschaft "Solidarität" Lech Walesa und die Mitglieder der ihn begleitenden Delegation von Papst Johannes Paul II. in Audienz empfangen.

Am zweiten und dritten Wahltag des Konklaves nahmen die Stimmen für den Polen dann deutlich zu. Aber wie schwer sich die Kardinäle taten, einen Mann von jenseits des Eisernen Vorhangs zu wählen, lässt sich auch daran ablesen, dass erst im achten Wahlgang die erforderliche Mehrheit von mehr als zwei Dritteln der Stimmen zusammenkam.

Als der Neugewählte am Abend des 16. Oktober auf den Balkon der Petersbasilika tritt, läuten wenig später in ganz Polen die Glocken. In der Woche darauf verkündet er in seiner Antrittspredigt sein theologisch-politisches Programm mit den Worten: "Habt keine Angst! Reißt die Tore weit auf für Christus. Öffnet seiner Macht die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme!" Die Ansprache wird live im polnischen Fernsehen übertragen, im Jahr darauf reist er zum ersten Mal als Papst nach Polen. Millionen Landsleute verfolgen dort seine Predigten, mit dem Aufruf, das Land zu erneuern und zu verändern.

Ein Jahr später wird nach einer Streikwelle die unabhängige Gewerkschaft "Solidarnosc" gegründet, die den Kommunisten nach und nach das Machtmonopol entreißt und damit den Zerfall des sowjetischen Imperiums einleitet. Der Rest ist Geschichte. Ob amerikanische und antikommunistische Kardinäle aus Osteuropa bereits beim Konklave dieses Ziel vor Augen hatten, wird wohl nie restlos geklärt werden können.

Auch innerkirchlich hat der ehemalige Krakauer Kardinal viel von dem erreicht, was sich seine Wähler erhofft hatten. Mit der Verabschiedung des Katechismus der Katholischen Kirche und des neuen Kirchenrechts hat er den Stand der kirchlichen Lehre und ihre Gesetze auf viele Jahrzehnte festgeschrieben. Den liturgischen und ideologischen Wildwuchs der nachkonziliaren Zeit hat er eingehegt. Andererseits hat er in der Ökumene und im Dialog mit anderen Weltreligionen Brücken gebaut, die bis heute halten - insbesondere mit den Juden, die er als "ältere Brüder im Glauben" bezeichnete.

Von Ludwig Ring-Eifel (KNA)