Damit Priester nicht zu Missbrauchstätern werden
Nach MHG-Studie: Neues Angebot im Recollectio-Haus

Damit Priester nicht zu Missbrauchstätern werden

Die MHG-Studie warnte im vergangenen Jahr, dass sich Priester zu wenig mit ihrer eigenen Sexualität auseinandersetzen würden. So werde Missbrauch gefördert. Um sexuelle Übergriffe zu verhindern, hat das Recollectio-Haus in Münsterschwarzach nun einen besonderen Kurs für Priester konzipiert.

Von Roland Müller |  Münsterschwarzach - 27.08.2019

Die Zahlen der im vergangenen Jahr veröffentlichten Missbrauchsstudie waren schockierend: Kirchliche Akten der deutschen Bistümer aus den Jahren 1946 bis 2014 enthielten Hinweise auf 3.677 Kinder und Jugendliche, die Opfer von sexuellen Übergriffen geworden sind. Ihnen gegenüber stehen rund 1.670 beschuldigte Priester, Diakone und Ordensleute. Doch die Dunkelziffer dürfte auf beiden Seiten wesentlich höher liegen, heißt es in der Untersuchung. Als Gründe für die kirchliche Missbrauchskrise führen die Forscher vor allem zwei Punkte an: Klerikalismus und die katholische Sexualmoral. Sie bemängeln zudem, dass sich gerade die zölibatär lebenden Priester zu wenig mit der eigenen Sexualität auseinandersetzen.

Um das zu ändern und damit Missbrauch vorzubeugen, hat das Recollectio-Haus der Abtei Münsterschwarzach ein neues Angebot geschaffen. Der Kurs "Stärkung der Annahme meines Menschseins" richtet sich explizit an Diözesan- und Ordenspriester und will ihnen dabei helfen, sich der eigenen emotionalen und sexuellen Bedürfnisse besser bewusst zu werden. "So wollen wir verhindern, dass Priester Missbrauch begehen", sagt Pater Anselm Grün, der den sechswöchigen Kurs geistlich begleitet. Dem Benediktiner ist es jedoch wichtig zu betonen, dass sich das Angebot nicht an potentielle Täter richtet, sondern bereits zuvor ansetzt. "Gefühle von Einsamkeit und Frustration können zu Missbrauch führen, denn auch Priester haben wie jeder Mensch ein Bedürfnis nach Nähe", so Grün, der vor allem als Autor spiritueller Literatur bekannt ist. Der Kurs wolle daher den teilnehmenden Priestern "Vertrauen in die eigene Emotionalität und in das Mann-Sein" vermitteln.

Nach Ansicht von Corinna Paeth ist ein solcher Selbsterfahrungskurs für Priester gerade in der aktuellen pastoralen Situation notwendig. "Es war schon immer wichtig, Priester in ihrem Dienst zu stärken, aber heutzutage ist die Arbeitsbelastung in den Gemeinden besonders hoch", weiß die psychologische Psychotherapeutin aus ihrer Arbeit im Recollectio-Haus. "Berufliche Konflikte können zu einer Enthemmung beitragen" – was sich zunächst etwa in einer Porno- oder Beziehungssucht äußern könne, die schließlich in sexuellem Missbrauch ende. "Deshalb ist es wichtig, dass sich gerade Priester fragen, wie sie mit der eigenen Sexualität umgehen", so Paeth, die den neuen Kurs mitkonzipiert hat.

Der Benediktinerpater und geistliche Buchautor Anselm Grün begleitet das neue Kursangebot des Recollectio-Hauses spirituell.

Der Ablauf sieht vor, dass sich die Teilnehmer nach einem gegenseitigen Kennenlernen zunächst mit den Beweggründen auseinandersetzen, warum sie an dem Kurs teilnehmen und was sie in ihrem Leben verändern wollen. Danach wird das Thema Überforderung und gesunde Selbstfürsorge behandelt, gefolgt von Wochen, die unter den Überschriften "Macht vs. Ohnmacht", "Ich, Mensch: Mann/Frau" und "Missbräuchliches Verhalten und Suchtgefährdung" stehen. In Kleingruppen setzen sich die Teilnehmer mit den Wochen-Themen auseinander. Außerdem werden regelmäßig psychologische und geistliche Workshops angeboten.

"In einem priesterlichen Leben gibt es eben auch viele persönliche Herausforderungen, die von einem spirituellen Blickwinkel aus betrachtet werden müssen", sagt Grün. Dazu zählt er die Verunsicherung vieler Kleriker durch die Gesellschaft aufgrund des kirchlichen Missbrauchsskandals. Aber auch persönliche Enttäuschungen, die etwa nach den ersten, oft noch euphorisch gelebten Jahren als Priester aufkommen, wenn sich der pastorale Alltag einstellt. "An Priester, bei denen sich diese Gefühle eingestellt haben, richtet sich unser neuer Kurs", erklärt der Benediktiner. Denn die Missbrauchsstudie hat gezeigt, dass unter den klerikalen Tätern besonders viele waren, die vor mehr als zehn Jahren geweiht wurden. Die angebotene geistliche Begleitung soll Missbrauch vorbeugen sowie den Teilnehmern dabei helfen, wieder gerne Priester zu sein und Dankbarkeit für das eigene Leben zu empfinden. "Dazu können etwa Rituale beitragen, die eine ganz persönliche heilige Zeit schaffen."

Gerade junge Geistliche suchen das "Numinose" des Priestertums

Gerade eine geistliche Bilanz des eigenen Lebens könne Priestern dabei helfen, klerikalistischen Tendenzen vorzubeugen, glaubt Grün. "Denn wer als Priester nur den eigenen Erfolg will, wird meist umso mehr enttäuscht." Letztlich zeige sich im Klerikalismus auch ein mangelndes Selbstwertgefühl. "Wer sein Priester-Sein als Rolle versteht, mit der er sich über andere stellt, kann kein guter Seelsorger sein", resümiert der Benediktiner. Es seien gerade junge Geistliche aus einem eher konservativen Umfeld, die das "Numinose", die göttliche Macht des Priestertums suchen würden. Doch beim Klerikalismus handele es sich letztlich um "eine illusorische Versuchung, ein überkommenes Kirchenbild wiederherstellen zu können". Um dieser Versuchung nicht zu erliegen, sei eine intensive geistliche Begleitung wichtig.

So gibt es bei dem neuen Kursangebot des Recollectio-Hauses wöchentliche Einzelgespräche sowohl mit einem spirituellen als auch mit einem psychologischen Begleiter. "So wollen wir den Teilnehmern ganz individuell weiterhelfen und die persönlichen Risikofaktoren feststellen", erklärt Paeth. In einem Evaluationsgespräch am Ende der sechs Wochen würden Teilnehmer und Begleiter gemeinsam schauen, wie vermieden werden könne, dass sich negative Folgen aus den jeweiligen Gefährdungen ergeben – auch beim Thema Sexualität.

Bild: © KNA

Das Recollectio-Haus ist eine Einrichtung des Klosters Münsterschwarzach.

"Aus unseren Erfahrungen mit anderen Kursen im Recollectio-Haus wissen wir, dass viele Priester hier das erste Mal überhaupt offen über Sexualität reden", sagt Paeth. Denn noch vor wenigen Jahrzehnten sei dieses Thema meist nicht in der Priesterausbildung vorgekommen und auch heute nehme es einen zu geringen Raum in den Seminaren ein, so die Psychotherapeutin. Dabei werde es von den Teilnehmern oft als sehr entlastend erlebt, über Sex zu sprechen.

Vertrauensvoll über Sex sprechen

Zwar würde man sich diesem Thema während der Formation der Priester widmen, doch sei diese "zu theoretisch und zu wenig existentiell", kritisiert auch Grün die aktuelle Situation in der Priesterausbildung. Außerdem gebe es eine große Zurückhaltung bei jungen Seminaristen über dieses Thema offen zu reden. "Denn bei den Gesprächen sind oft die zukünftigen Kollegen anwesend." Bei dem Kurs in Münsterschwarzach gebe es jedoch einen Raum des Vertrauens mit Priestern aus anderen Bistümern.

Für das neue Präventiv-Angebot haben die Organisatoren bereits positive Rückmeldungen aus den Diözesen erhalten. Paeth hofft daher, dass sich der Kurs schnell etabliert. Dies sei auch bei den anderen Angeboten des Recollectio-Hauses, das seit 1991 kirchlichen Mitarbeitern die Möglichkeit einer psychologisch begleiteten Auszeit bietet, so gewesen. Mehr als 80 Prozent der Teilnehmer hätten sich aus eigenem Antrieb heraus angemeldet, verrät Paeth. Die restlichen knapp 20 Prozent seien "fremdmotiviert" dabei, fügten sich aber trotzdem gut in den Kurs ein. Das wünscht sich die Psychotherapeutin auch für den neuen Kurs. Niemand müsse sich schämen, an diesem Angebot teilzunehmen. Denn "jeder Mensch sollte in gewissen Abständen auf sein Leben schauen und für sich überlegen, ob noch alles passt."

Von Roland Müller

Neuer Kurs im Recollectio-Haus: "Stärkung der Annahme meines Menschseins"

Der neue Kurs "Stärkung der Annahme meines Menschseins" des Recollectio-Hauses der Abtei Münsterschwarzach dauert sechs Wochen und richtet sich an Diözesan- und Ordenspriester jeden Alters. Er beginnt am 2. September und kostet 3.600 Euro für Gäste, deren Diözesen das Recollectio-Haus finanziell unterstützen. Bei allen anderen Gästen liegt der Teilnahmebeitrag bei 4.000 €.