Ein Teller mit einem Schnitzel, Pommes und Salat darauf.
Moraltheologe Lintner über Tierwohl und Klimawandel

Dürfen wir als Christen guten Gewissens Fleisch essen?

Fleisch und seine Herstellung rücken in den Fokus der öffentlichen Diskussion. Tierwohl und Klimawandel sind Schlagworte, die die Gemüter schnell erhitzen. Der Moraltheologe Martin Lintner widmet sich dem Thema Fleischkonsum und seinen ökologischen, politischen und ethischen Fragen.

Von Martin M. Lintner |  Brixen - 21.01.2020

Bei vielen Vorträgen und Veranstaltungen zum Thema Tierethik mache ich die interessante Erfahrung, dass die Debatte oft in die Frage mündet, ob Fleischkonsum ethisch noch verantwortbar sei. Das Essen von Fleisch ist bei Weitem nicht mehr nur eine Frage des persönlichen Geschmacks, sondern hat eine zutiefst politische Dimension und betrifft für viele Menschen ihren Lebensstil. In den Diskussionen werden verschiedene Gründe genannt, die gegen den Fleischkonsum sprechen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit möchte ich drei nennen.

Erstens: Die intensive Landwirtschaft und industrialisierte Nutztierhaltung, ohne die der hohe Fleischkonsum in unseren Breitengraden von ca. 60 kg Fleisch pro Kopf und Jahr nicht möglich wäre, verursachen neuesten Studien zufolge bis zu 24 % der jährlichen Treibhausgasemissionen weltweit und sind somit wesentlich mitverantwortlich für den globalen Klimawandel. Zweitens: Es gibt in der intensiven Nutztierhaltung zum Teil erhebliche Defizite in tierethischer Hinsicht, die gesellschaftlich mehr und mehr kritisch gesehen werden. Drittens: Es stellt sich die grundsätzliche Frage, ob wir Tiere überhaupt töten dürfen.

Zum ersten Punkt: Es geht hier nicht darum, die Landwirtschaft oder die Tierhaltung als solche an den Pranger zu stellen, sondern auf die Treibhausgasemissionen in den industrialisierten Agrarsystemen hinzuweisen. Weltweit werden schätzungsweise 1,5 Milliarden Rinder und Hausbüffel, 15 Milliarden Geflügel und knapp 1 Milliarde Schweine gehalten. Um diese Tiere zu ernähren, werden riesige Flächen von Urwäldern gerodet oder gebrandschatzt. Für die Produktion der oft interkontinental transportierten Futtermittel sind ein enormer Energieeinsatz und Unmengen an synthetischen Düngern vonnöten. Die Alternative freilich ist nicht "keine Landwirtschaft", sondern eine radikale Kehrtwende hin zu einem ökologisch nachhaltigen Agrarsystem.

Kritische Stimmen der Kirchen

Zum zweiten Punkt: Auch die Kirchen erheben diesbezüglich zunehmend ihre kritische Stimme. Erst kürzlich hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) die Studie "Nutztier und Mitgeschöpf! Tierwohl, Ernährungsethik und Nachhaltigkeit aus evangelischer Sicht" veröffentlicht. In diesem Grundsatzpapier fordert die evangelische Kirche von Landwirtschaft, Handel und Konsumenten mehr Wertschätzung für Tiere und unter dem Schlagwort "Rückkehr zur alten Tradition des Sonntagsbratens" eine deutliche Reduktion des Fleischkonsums. Seitens der katholischen Kirche hat beispielsweise der Berliner Erzbischof Heiner Koch anlässlich der "Grünen Woche 2017" in einem Interview mit dem rbb-Hörfunk ermahnt, dass wir "vor katastrophalen Zuständen in den großen Tierfabriken nicht die Augen verschließen" dürfen. Er erntete harsche Kritik seitens von Bauernverbänden und des damaligen Bundesagrarministers. Man verwahrte sich gegen eine pauschale Verurteilung des landwirtschaftlichen Berufsstandes, gegen eine angeblich faktenfreie Kritik und gegen kampagnenartig gezeichnete Zerrbilder. Ich bin selbst auf einem Bergbauernhof aufgewachsen und weiß, wie sehr den meisten Bauern, besonders in kleinstrukturierten landwirtschaftlichen Familienbetrieben, das Wohlergehen ihrer Tiere am Herzen liegt. Dennoch gibt es die von Erzbischof Koch angeprangerten Missstände: Weder hat er sie erfunden noch hat er übertrieben, wenn er von Schweinen sprach, die nie in ihrem Leben Tageslicht sehen, oder von Rindern, die auf Tausende Kilometer lange Transporte durch halb Europa und darüber hinaus geschickt werden. Gewiss: Oft lassen lokale Gegebenheiten oder wirtschaftliche Zwänge eine artgerechte Tierhaltung kaum zu. Die für die Wirtschaftlichkeit eines Betriebes erforderliche Leistung geht oft zu Lasten der Gesundheit der Tiere und artgerechter Haltungssysteme. Gesetzliche Vorgaben orientieren sich weitgehend an Mindeststandards. Dann gibt es aber auch die offenkündigen Fälle von Tierquälerei. Erstmals ist beispielsweise im März dieses Jahres ein Schweinezüchter wegen Tierquälerei in der Massentierhaltung zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Der Richter sprach von einer "Massentierhölle".

Bild: © privat

Martin M. Lintner ist Professor für Moraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen.

Zum dritten Punkt beziehungsweise zur neuralgischen Frage, ob wir Tiere überhaupt töten dürfen: Darüber können sich sehr emotionale und kontroverse Diskussionen entspinnen. Das Problem ist, dass wir Tiere allenthalben töten. Auch bei der Gewinnung von Lebensmitteln für eine vegane Ernährung kommen Organismen und Tiere zu Schaden, schon allein durch die Bewirtschaftung der Böden. Oder wir schläfern z. B. geliebte Haustiere ein, wenn sie alt oder unheilbar krank sind. Entscheidend ist meines Erachtens nicht die Frage, ob wir Tiere töten dürfen, sondern wie: dass sie schmerz- und stressfrei getötet werden und dass wir ihnen zuvor ein Leben ermöglicht haben, das ihren artspezifischen und individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprochen hat. Dahinter steht die Position, dass wir Tiere zwar nutzen dürfen, aber nur dann, wenn wir zugleich auch bereit sind, ihre artspezifischen und individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten, besonders auf der sensitiven, emotionalen und auch kognitiven Ebene zu berücksichtigen. Das bedeutet, dass wir Tiere nie nur auf ihren Nutzen für uns Menschen reduzieren dürfen, sondern dass wir sie unabhängig von ihrer Nützlichkeit immer auch in ihrem Eigenwert achten und respektieren sollen. Tiere, die nach dem Stand der Wissenschaften die kognitive Fähigkeit haben, Selbstbewusstsein und ein Interesse am Leben zu entfalten, sollen wir hingegen nicht zu menschlichen Zwecken töten. Zu diesen Tieren gehören Primaten, Delphine, Oktopusse und – mit hoher Wahrscheinlichkeit – auch Schweine. Dass Schweine hochintelligente und sensible Tiere sind, wird in der gängigen Praxis der Zucht, Haltung und Schlachtung von Schweinen in keiner Weise angemessen berücksichtigt.

Jede Tötung bedeutet Gewalt

Diese Position bedeutet aber keinen Freibrief, Tiere einfach zu töten. Jeder Tötungsakt bedeutet Gewalt und fügt dem getöteten Lebewesen Unrecht zu. Es wird unwiederbringlich vernichtet. Welches Recht haben wir dazu? In allen Religionen sowie in archaischen Kulturen ist die Tötung eines Tieres etwas Sakrales. Rund um das Töten von Tieren haben sich nicht nur viele Bräuche, Vorschriften und Tabus, sondern auch Buß- und Versöhnungsriten entwickelt. Der Jagdbrauch der letzten Äsung, einem erlegten Wild einen abgebrochenen Zweig in den Äser, also das Maul zu legen, ist zum Beispiel ein Relikt von Ritualen, bei denen das tote Tier oder seine Schutzgottheit um Vergebung gebeten worden sind.

Hilft uns als Christen ein Blick in die Bibel, um eine Antwort auf diese Frage zu finden? Meines Erachtens nur bedingt. Zwar stimmt es, dass nach dem Schöpfungsbericht in Genesis 1-2,4a Gott dem Menschen die Tiere nicht als Nahrung übergeben hat, dennoch wird in der Bibel an keiner Stelle der Fleischkonsum als solcher ausdrücklich abgelehnt oder problematisiert. Es ist eher davon auszugehen, dass der Verzehr von Fleisch zu jeder Zeit zur biblischen Lebenswelt gehört hat. Allerdings kann man einen mäßigen Fleischkonsum annehmen, weil Fleisch etwas Kostbares war. In vielen biblischen Berichten wird ein Tier oft anlässlich von besonderen religiösen oder familiären Festen geschlachtet. Was in der Bibel aber an vielen Stellen deutlich wird, ist die Aufforderung, die Tiere, die einem anvertraut sind, gut und verantwortungsvoll zu behandeln. Hier gibt es besonders im Alten Testament viele konkrete Weisungen. Auch Jesus selbst hätte wohl kaum für sich das Bild des guten Hirten in Anspruch nehmen können, wenn die Hirten in seiner Umgebung mit ihren Schafen grausam umgegangen wären. Es bleiben aber zugegebenermaßen viele tierethische Fragen offen, etwa bezüglich der Opferpraxis. Wir dürfen von den biblischen Menschen nicht unsere heutige Sensibilität in tierethischen Belangen erwarten. Dennoch gibt es in der Bibel Stränge von Tierfreundlichkeit sowie eine theologische Bedeutung der Tiere, die wir heute wieder neu entdecken und erschließen müssen. In der Umweltenzyklika "Laudato si’" (2015) betont Papst Franziskus, dass alle Lebewesen "vor Gott einen Eigenwert besitzen und ihn schon allein durch ihr Dasein preisen und verherrlichen" (Nr. 69). Das muss uns Christen in unserem Umgang mit Tieren zu denken geben.

Salami, Hackfleisch, Schweinefleisch und Braten sind auf einem Brett angerichtet.

Wir müssen weniger und ethisch hergestelltes Fleisch essen, findet Martin M. Lintner.

Es ist zu begrüßen, dass für immer mehr Konsumenten das Tierwohl eine Rolle spielt und dass sie Transparenz fordern über die Bedingungen, unter denen Nutztiere gehalten und geschlachtet werden. Wachsen muss aber auch die Bereitschaft, für Produkte aus einer ökologisch nachhaltigen und tierwohlfreundlichen Landwirtschaft einen gerechten Preis zu bezahlen, während andere tierliche Produkte, etwa das vieldiskutierte Billigfleisch, mit einer Steuer zu belegen sind. Diese kann durch das Verursacherprinzip begründet werden, da die industrialisierte Landwirtschaft nachweislich umweltschädigend ist. Diese Schäden sind zu verrechnen. Die Einnahmen aus dieser Preissteigerung wiederum sind gezielt Umwelt- und Tierwohlprojekten zuzuführen. Die Preissteigerung solcher Produkte würde auch bedeuten, dass die qualitätsvolleren Produkte aus einer ökologisch nachhaltigen Landwirtschaft nicht mehr als überteuert wahrgenommen und damit auch konkurrenzfähiger würden. Zudem würden kostenintensive Werbemaßnahmen und Bioproduktlinien überflüssig werden, die ebenso zu den vergleichsweise höheren Kosten dieser Qualitätsprodukte beitragen.

Es braucht ein radikales Umdenken

Doch allein über den Preis lässt sich das Problem nicht steuern. Es braucht auch ein radikales Umdenken im Agrarsystem sowie die Bereitschaft von immer mehr Konsumenten, den Fleischkonsum zu reduzieren und lieber weniger, aber dafür Fleisch aus einer ökologischen Landwirtschaft mit hohen tierethischen Standards zu kaufen. Es geht dabei auch um einen Ernährungs- und Lebensstil. Vegetarische und vegane Gerichte sollten zudem konsequent auf jeder Speisekarte stehen und in Mensen, Restaurants etc. angeboten werden. Bei Empfängen, Pfarrfesten, Hochzeiten oder anderen Feiern könnten fleischfreie Gerichte als Normalfall serviert werden.

Soll nun, wie in manchen Debatten vertreten, der Fleischkonsum verboten werden? Meines Erachtens wäre dies nicht zielführend. Ein Verbot würde zu stark in die Freiheitsrechte von Menschen eingreifen, wie sie sich ernähren wollen. Auch wäre zu bedenken, dass eine so weitgreifende Maßnahme für viele Familien den Verlust ihrer Existenzgrundlage bedeuten würde – ein Argument, das zugegebenermaßen aus tierethischer Perspektive nicht überzeugend ist. Für gewichtiger halte ich den Einwand, dass sich ein Fleischverbot nicht stringent begründen lässt. Ich sehe jedenfalls nicht, wie. Auch wenn es gute Gründe für den Verzicht auf Fleisch gibt – die mich selbst zum Beispiel veranlasst haben, Vegetarier zu werden – kann Fleischkonsum nicht grundsätzlich ethisch abgelehnt werden. Unter den Bedingungen, dass das Fleisch aus einer ökologischen Landwirtschaft mit hohen Standards in der Tierhaltung stammt und eine möglichst hofnahe, für das Tier schmerz- und stressfreie Schlachtung durchgeführt worden ist, halte ich den Konsum von Fleisch für ethisch vertretbar, auch aus ökologischer Perspektive. Ansonsten sollte auf das Essen von Fleisch konsequent verzichtet werden.

Ich halte es für ein Gebot der Stunde, sorgfältig zu prüfen, woher tierliche Produkte stammen. Es ist zu wünschen, dass kirchliche Häuser und Institutionen diesbezüglich in enger Kooperation mit der jeweils regionalen Landwirtschaft eine enge Partnerschaft eingehen und eine bewusste Vorreiterrolle spielen.

Von Martin M. Lintner

Der Autor

Martin M. Lintner ist Professor für Moraltheologie und Spirituelle Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen (Südtirol). Zudem ist er Autor des Buches "Der Mensch und das liebe Vieh. Ethische Fragen im Umgang mit Tieren", Tyrolia 2017.