Ein Kreuz wirft Schatten
Ein kirchlicher Rückblick auf die vergangenen zehn Jahre

Die Kirche in den 2010ern: Ein Jahrzehnt des Grauens und der Krise

Die katholische Kirche steckt in einer tiefen Krise, von der das abgelaufene Jahrzehnt geprägt war. Skandale, Missbrauch, Vertrauensverluste und ein Kulturbruch im alten Kerngebiet Westeuropa sind die Ursachen. Ein Rückblick.

Von Alexander Brüggemann (KNA) |  Bonn - 30.12.2019

Januar 2010 bis Dezember 2019 – was für ein zweites Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts! Es begann mit dem Arabischen Frühling, der trügerischen Hoffnung auf eine baldige Demokratisierung der Arabischen Welt. Das Ergebnis waren neue Kriege und neue Diktaturen. Als Kollateralschaden ist das Christentum im Nahen Osten in weiteren Ländern verstümmelt, womöglich dem Untergang geweiht. Viele Kirchenvertreter fühlen sich auch von den Mitchristen im Westen im Stich gelassen.

Papst Benedikt XVI. – zu Beginn des Jahrzehnts am Ende seiner Kräfte, überfordert mit dem Ausmisten im Vatikan: Finanzskandale, "Vatileaks", die Rede von einer "Schwulen-Lobby". Mit fast 86 Jahren ging er im Spätwinter 2013, um Platz für einen anderen, kräftigeren zu machen – und die Kardinäle votierten für einen Neuanfang und Reformen. Eine "franziskanische Wende", so wurde das bald genannt. Eine Zeit der Hoffnung, des Aufbruchs, des unerwarteten Jubels für das Papsttum über die Kirchengrenzen hinweg.

Ernüchterung – gleich in mehrfacher Hinsicht

Am Ende des Jahrzehnts Ernüchterung, gleich in mehrfacher Hinsicht. Die Hinwendung von Papst Franziskus zu den Armen und Schwachen ist vielen zu unbequem; sein (personal-)politisches Umsteuern nach innen – gegen Klerikalismus und Machtmissbrauch – bleibt bislang unvollendet. Sein Kurs vom römischen Zentralismus hin zu mehr dezentraler Kollegialität ist kirchenrechtlich noch zu schwach verankert.

Franziskus und Benedikt XVI. haben das zu Ende gehende Jahrzehnt als Päpste entscheidend mitgeprägt.

Noch offensichtlicher als unter Benedikt XVI. ist die Kirche geschwächt, angeschlagen durch Skandale. Franziskus will eine verbeulte Kirche, verbeult im Einsatz für die Armen. Doch Beulen gibt es vor allem durch Fehlverhalten. Ein weiteres Jahrzehnt der Enthüllungen: sexueller Missbrauch von Messdienern und Chorknaben; Sex von Bischöfen mit Seminaristen; Ordensfrauen, von Priestern geschwängert und danach der Lüge bezichtigt. Ein Jahrzehnt mit Enthüllungen über Fälle von Machtmissbrauch, zu vielen Fällen von Vertuschung und Festhalten an innerkirchlichem Korpsgeist. (Verspätete) Ermittlungen und Prozesse gegen Bischöfe, selbst gegen Kardinäle, häufen sich.

Wirtschaftlicher Missbrauch: Eine der größten Baustellen des Benedikt-Pontifikats war der Kampf gegen den finanziellen Filz im Vatikan. Doch die Fälle reißen nicht ab: Kurienkardinal Tarcisio Bertone genehmigte sich Gelder des Vatikan-Kinderkrankenhauses Bambino Jesu für seine 700-Quadratmeter-Ruhestandswohnung. Noch 2019 setzen vatikanische Investoren rund 300 Millionen Euro an Spenden in einem Kapitalfonds aufs Spiel – Ausgang ungewiss.

Die "franziskanische Wende" wird infrage gestellt

Der Fall Franz-Peter Tebartz-van Elst und das teure Bischofshaus in Limburg; der Fall Johannes Bündgens in Aachen – eine demente Schutzbefohlene, die Medienberichten zufolge von einem Weihbischof um eine sechsstellige Summe erleichtert worden sein soll. Vor allem ist es unfassbar viel Vertrauenskapital, das verloren ging. Selbst die ganz Treuen verzweifeln an jedem neuen solcher Fälle. Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer: "Tagtäglich bin ich mit den Anfragen und Zweifeln, mit Wut und Zorn von Gläubigen und Nicht-Gläubigen konfrontiert – und kann angesichts solcher Nachrichten nur noch ratlos mit dem Kopf schütteln."

Unterdessen wird innerkirchlich, auch von einigen Kardinälen die "franziskanische Wende" in Rom öffentlich infrage gestellt oder offen angefeindet. Die Reizthemen sind dieselben wie vor 50 Jahren; sei es bei den Bischofssynoden in Rom oder dem "synodalen Weg" in Deutschland. Doch der innerkirchliche Riss scheint tief. In den 2010er Jahren ist durch die sogenannten Sozialen Medien wie die politische auch die innerkirchliche Debatte verroht. Weltkirchlich-kulturelle Öffnungen im Vatikan werden als "Sacco di Roma 2.0", als "Entweihung des Allerheiligsten" attackiert.

Bei der Amazonas-Synode wurde im Oktober im Vatikan auch über die Weihe verheirateter Männer diskutiert.

Für die Seelsorge der riesigen Amazonas-Region wird inzwischen über die Weihe verheirateter Männer ("Viri probati") diskutiert – aber auch die Priesterkirche in Europa steuert in Richtung Kollaps. Beispiel Belgien: Nur jeder vierte katholische Priester dort ist jünger als 65 Jahre; mehr als jeder zweite hat dagegen bereits das 75. Lebensjahr überschritten.

Im Schatten der Krisenbewältigung

Am Ende der 2010er Jahre ist auch der Multilateralismus stark bedroht, für den der Vatikan stets wirbt. Politischer Chauvinismus, Nationalismus und Populismus sind auf dem Vormarsch; Solidarität, etwa mit Flüchtlingen, wird als Schwäche interpretiert. Die Millenniumsziele für 2015 konnten nicht erfüllt werden; neue wurden gefasst. Die globale Erwärmung geht ungebremst weiter; riesige Waldflächen brennen. Die Stimme der Papstenzyklika "Laudato si" (2015) wird gelobt – und dann ignoriert. "Freiheit ist ansteckend", so wirbt ein Stuttgarter Autoriese für seine SUVs.

Ansteckend, so soll eigentlich die christliche Botschaft sein. So versucht es auch Papst Franziskus in seinen Ansprachen zu vermitteln. Zurzeit aber, so scheint es, stehen alle guten Ansätze nur im Schatten der Krisenbewältigung.

Von Alexander Brüggemann (KNA)