Warum die Taufe eine "Weihe zum Priestertum" ist
Anmerkungen zum Taufsakrament und seinem Verständnis

Warum die Taufe eine "Weihe zum Priestertum" ist

Durch die Taufe werden Menschen nicht nur in die Kirche eingegliedert, sondern sie erlangen auch Anteil am gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen. Die Taufe lasse sich demgemäß auch als Weihe verstehen, so Autor Fabian Brand. Er wünscht sich – gerade in Zeiten der Krise – eine Neuentdeckung dieses gemeinsamen Priestertums.

Von Fabian Brand |  Bonn - 11.01.2020

Wenn Eltern kommen, um ihr Kind taufen zu lassen, dann ist das ein freudiger Augenblick für jede Gemeinde. Wenn sie sich dann als Tauftermin ausgerechnet auch noch einen Sonntag aussuchen, dann ist auch noch ein theologischer Clou gelungen. Wenn aber die Eltern den Wunsch äußern, das Kind doch bitte im Anschluss an die Eucharistiefeier im engsten Familienkreis zu taufen, weil man dem Kleinkind den Lärm des Gottesdienstes noch nicht zumuten möchte, wirft das durchaus gewisse Fragen auf.

Nun lässt sich viel diskutieren, ob man diesem Anliegen als Taufspender entsprechen möchte oder nicht – immerhin muss man ja in diesen bewegten Zeiten froh sein um jeden, der sein Kind noch zur Taufe bringt. Pastorale Argumente werden hier häufig gegen dogmatische ausgespielt (manchmal auch umgedreht). Doch was an diesem Beispiel mehr als deutlich wird, ist der grundsätzliche Umgang mit dem Taufsakrament und sein Verständnis. Freilich sind die Diskussionen um die Taufspendung am Samstagnachmittag im kleinsten Familienkreis nicht neu, auch sonstige Missverständnisse im Blick auf die Taufe und ihre Feierform sind oftmals schon diskutiert worden.

Anteil am gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen

Eine zentrale theologische Einsicht jedenfalls lautet, dass Menschen in der Taufe nicht nur in die Kirche eingegliedert werden, sondern auch Anteil am gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen erlangen. Die Taufe lässt sich demgemäß auch als Weihe verstehen; sie gliedert nicht nur in die Gemeinschaft der Glaubenden ein, sondern durch sie erhält der Täufling Anteil am gemeinsamen Priestertum. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) spricht daher explizit von der "Taufweihe" (PO 12). Daher enthält die Taufe einen tiefen theologischen Gehalt, der vor allem im Blick auf das Verhältnis von Gottesvolk und Amtspriestertum von hoher Bedeutung ist: Die Gläubigen haben in ihrer Taufe eine Weihe empfangen, die sie zur Ausübung ihrer Sendung zum gemeinsamen Priestertum ermächtigt. Sie sind deshalb im Verhältnis zum hierarchischen Priestertum nicht nur eine nachrangige Größe, sondern als ebenbürtige Subjekte zu würdigen, die es bei den vielfältigen Entscheidungen im Leben einer Gemeinde zu berücksichtigen gilt.

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Was es gerade in diesen bewegten kirchlichen Zeiten bedarf, ist eine Förderung des gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen, welches nicht niedriger einzustufen ist, als das hierarchische Priestertum (vgl. LG 32,3). Wenn die Gläubigen mit dem Priester interagieren, dann tun sie dies auf Augenhöhe. Die Zeiten des "Herrn Hochwürden", die mit einem manchmal allzu überzogenen Klerikalismus verbunden waren, sind zumindest in der Theorie seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil längst Geschichte. Es ist entscheidend, dass sich diese Einsichten auch in der Praxis des Volkes Gottes durchsetzen. Dazu braucht es Veränderungen auf beiden Seiten: Die Gläubigen müssen sich ihrer priesterlichen Würde, die sie qua ihrer Taufe besitzen, neu bewusst werden.

Jeder Getaufte besitzt innerhalb der Kirche nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte, die es notfalls mit allem Nachdruck durchzusetzen gilt. Die Gläubigen handeln nicht nur, weil sie vom Priester zu einem bestimmten Dienst ermächtigt wurden, sie handeln aus eigenem Antrieb, weil sie mit ihrer Taufe eine Sendung erhalten haben: Nämlich gemäß ihrer königlichen, priesterlichen und prophetischen Würde am Aufbau des Gottesvolkes mitzuwirken und das Reich Gottes in dieser Welt anbrechen zu lassen (vgl. LG 33; AA 2). Und andererseits ist es nötig, dass gerade jene, die in der Priesterweihe eine besondere Sendung erhalten haben, diese nicht zur Erhaltung und Stärkung ihrer eigener Macht oder ihrer eigenen Interessen nutzen. Vielmehr müssen sie die Charismen, die in der Gemeinde vorhanden sind, stärken und fördern.

Für eine Neuentdeckung des gemeinsamen Priestertums

Das hierarchische Amt in der Kirche lässt sich nicht ohne die denken, die durch ihre Taufe Anteil erhalten haben am gemeinsamen Priestertum (AA 10,1). Ihre Anwesenheit ermöglicht erst, dass es überhaupt ein hierarchisches Priestertum geben kann. Und andererseits kommen dem Gemeindevorsteher wichtige Aufgaben in der Lehre und in der Leitung zu, die dazu dienen, dass die Teilhabenden am gemeinsamen Priestertum ihre Sendung erst wirklich vollends entfalten können. Beide, gemeinsames und hierarchisches Priestertum, stehen also niemals konträr gegenüber, sondern sind komplementär angeordnete Größen, die erst im Miteinander ihre reziproke Sendung entfalten können. Die Kirchenkonstitution spricht hier sehr ausdrücklich von einer "Geschwisterlichkeit" zwischen Amtsträgern und Laien (LG 32, 4; vgl. PO 3).

Eine Neuentdeckung des gemeinsamen Priestertums muss deshalb vom hierarchischen Priestertum her beginnen. Sie kann nicht von unten wachsen, da die meisten Gläubigen noch nicht einmal um ihre Rechte und Pflichten wissen. Aufklärungsarbeit kann geleistet werden, die mit einer neuen Wertschätzung des Taufsakramentes beginnt. Denn die Taufe ist nicht nur die Eingliederung in den Leib Christi, welcher die Kirche ist, sondern auch die Ermächtigung zum "königlichen, priesterlichen und prophetischen Dienst" in der Gemeinde (vgl. LG 31,1; AA 2). Wo aber die Getauften nicht um ihre Sendung wissen, kann sie auch nicht entfaltet werden. Wo die Entscheidungshoheit auf Gemeindeebene immer noch alleine auf den Priester zentriert ist, wird die Würde des gemeinsamen Priestertums, das die Gläubigen ausüben, einfach übergangen. Wo die Gottesdienstbesucher zu bloßen Empfängern degradiert werden und nur noch als beiwohnende Objekte, nicht aber als mitfeiernde Subjekte, wahrgenommen werden, kann von keinem wirklichen Zueinander von gemeinsamen und hierarchischen Priestertum gesprochen werden. Den Getauften wird hier indirekt abgesprochen, was sie in ihrer Taufe empfangen haben: die Weihe zum gemeinsamen priesterlichen Dienst.

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Der ehemalige Bonner Stadtdechant Wilfried Schumacher erklärt die Bedeutung des Festes "Taufe Jesu".

Während in den vergangenen Jahren immer wieder die Beichte als das "vergessene Sakrament" bezeichnet worden ist, zeigt sich doch auch, dass die Taufe nicht unbedingt weniger vergessen ist. Dies trifft vor allem ihren ekklesiologischen Gehalt. Besonders der Gedanke der Weihe zum gemeinsamen Priestertum in der Taufe ist mittlerweile gänzlich verschleiert. Und es ist eigentlich kaum verwunderlich, dass er nicht zum Ausdruck kommen kann, wenn das Taufsakrament am Samstagnachmittag im engsten Familienkreis gespendet wird. Hier fehlt ein fundamentales Element, welches den Sinngehalt der Taufe augenscheinlich zum Ausdruck bringt: Die Versammlung des Gottesvolkes, die Ortskirche, der mit dem Neugetauften ein neues Mitglied zugeführt wird. Ekklesiologisch jedenfalls bleibt hier eine gravierende Leerstelle.

Die Gläubigen sind nicht nur bloße Befehlsempfänger

Dabei bringt gerade die Taufe einen sehr entscheidenden Punkt zum Ausdruck: Die Gläubigen sind nicht nur bloße Befehlsempfänger, sie sind nicht alleine der Macht eines Priesters ausgeliefert. Jeder Getaufte ist selbst Priester des gemeinsamen Priestertums und aufgrund seiner Taufe dazu ermächtigt, auf Augenhöhe mit den Vorstehern die Kirche zu gestalten. Das Amt in der Kirche kommt längst nicht nur denen zu, die dem hierarchischen Priestertum zugeordnet werden. Jeder Getaufte besitzt ein Priesteramt in der Kirche, das sich zwar ontologisch vom Priesteramt des Dienstes unterscheidet, aber keineswegs diesem nachrangig oder untergeordnet wäre. Beide, gemeinsames und hierarchisches Priestertum, sind auf einer Stufe angeordnet.

Wenn die Initiationssakramente als Ordo zum gemeinsamen Priestertum verstanden werden und dies in ihrer Feiergestalt zum Ausdruck kommt, entfaltet dies zentrale ekklesiologische Einsichten. Dann wird es möglich, die Getauften in ihrer Sendung zu stärken und sie als Bevollmächtige zum "königlichen, prophetischen und priesterlichen" Dienst zu begreifen. Wenn sich das Bewusstsein durchsetzt, dass die Teilhabenden am gemeinsamen Priestertum und die Teilhabenden am hierarchischen Priestertum auf Augenhöhe miteinander agieren, dann ist schon viel gewonnen. Die theoretischen Mittel dazu stehen jedenfalls zur Verfügung. Jetzt gilt es, sie auch im konkreten Leben des Gottesvolkes zu verwirklichen.

Von Fabian Brand