Anselm Grün ist ein deutscher Benediktinerpater, Autor spiritueller Bücher, Referent zu spirituellen Themen, geistlicher Berater und Kursleiter.
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Das Priestertum aller Getauften

Als Laie priesterlich leben

Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wird in der römisch-katholischen Kirche "ein gemeinsames Priestertum der Gläubigen" gelehrt. Was hinter diesem Begriff steckt erklärt Pater Anselm Grün.

Von Margret Nußbaum |  Bonn - 06.01.2015

Das Zweite Vatikanische Konzil hat das Priestertum der Getauften aus eindeutigen Schriftstellen des Neuen Testaments begründet. "Sie (die Gläubigen) sollen in allen Werken eines christlichen Menschen geistige Opfer darbringen und die Machttaten dessen verkünden, der sie aus der Finsternis in sein wunderbares Licht berufen hat", heißt es in einer Konstitution über die Kirche Nr. 10. Zum Vergleich eine Stelle aus dem ersten Brief des Petrus (1 Petrus 2,5): "Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen."

In der Konstitution wurde weiter festgehalten: "Die Gläubigen (...) üben ihr Priestertum aus im Empfang der Sakramente, im Gebet, in der Danksagung, im Zeugnis eines heiligen Lebens, durch Selbstverleugnung und tätige Liebe." Was aber ist gemeint mit geistigen Opfern? "Opfern bedeutet, etwas Irdisches in den göttlichen Bereich zu halten, es in Göttliches zu verwandeln", sagt Anselm Grün. "Das Priestertum aller Gläubigen heißt dann: In meiner alltäglichen Arbeit soll sichtbar werden, dass ich im Dienste Gottes stehe, dass durch die Art und Weise, wie ich arbeite und lebe, Gott für die Menschen sichtbar und erfahrbar wird. Der Weg der Verwandlung geht für mich über das Gebet, in dem ich meine Arbeit, meinen Leib, meine Seele mit ihren Abgründen und Verletzungen Gott hinhalte und ihn bitte, dass er alles mit seinem Licht und seiner Liebe durchdringe. Gott will nicht nur in meinen Stärken, sondern auch in meinen Schwächen in dieser Welt aufleuchten."

Ein Priester spendet einem Gottesdienstbesucher das Aschenkreuz.
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Ein Priester spendet einem Gottesdienstbesucher das Aschenkreuz.

Fest zu meinem Glauben stehen

Die zweite Aufgabe des Gläubigen als Priester sieht das Konzil darin, die Machttaten Gottes zu verkünden und überall für Jesus Christus Zeugnis abzulegen. "Die Verkündigung von Gottes Wort liegt nicht nur in der Hand der amtlich bestellten Priester, sondern jedes Christen", erklärt Pater Anselm Grün. "Manche verstehen diesen Verkündigungsdienst so, dass die an jeder Straßenecke von Jesu Botschaft sprechen. Das kann manchmal stimmig sein. Oft wirkt es aber auch eher peinlich und aufdringlich. Das Konzil hat eine andere Art der Verkündigung im Blick: die Christen sollen ´allen, die es fordern, Rechenschaft ablegen von der Hoffnung auf das ewige Leben, die in ihnen ist´.

Mitten in der Welt der Arbeit soll ich zu meinem Glauben stehen. Und wenn ich gefragt werde, woraus ich lebe, soll ich den Grund meiner Hoffnung benennen. So ein Zeugnis ist nur dann glaubhaft, wenn mein Leben die Menschen meiner Umgebung neugierig macht, wenn sie in meiner konkreten Weise, zu arbeiten, auf Menschen zuzugehen, mit ihnen zu sprechen, etwas sehen, das für sie überzeugend ist. Nur wenn mein Leben etwas von Christus widerspiegelt, kann ich glaubhaft Zeugnis ablegen. Anderenfalls bleiben es bloße Worte. Und manchmal mischt sich in diesen Drang, überall von Gott zu erzählen, auch das Bedürfnis, etwas Besonderes zu sein und sich über die anderen zu stellen."

Es ist gut so, wie du bist

Pater Anselm schaut gern in die Geschichte der Religionen zurück. In allen übten Priesterinnen und Priester wichtige Funktionen aus. Eine davon war und ist immer noch das Segnen. Mit dem Kreuzzeichen, dass die Mutter ihrem Kind auf die Stirn zeichnet, bevor es sich auf den Weg zur Schule macht, drückt sie aus: Ich stelle dich unter den Schutz und die Liebe Gottes. "Das Kreuzzeichen drückt außerdem aus: Du gehörst Gott. Du bist frei. Es gibt keine Menschen, die Macht über dich haben", sagt der Benediktinerpater. Segen heißt auf Lateinisch benidecere – übersetzt: gut sprechen, Gutes sagen. Als Getaufte Priester zu sein, heißt für Anselm Grün daher, Gutes über einen Menschen zu sagen und ihm Gottes heilende und liebende Nähe zuzusprechen. Er möchte jedem Menschen sagen: "Gott hat dir viele Gaben geschenkt. Du bist mit deinen Gaben, aber auch mit deiner ganzen Existenz ein Segen für uns. Es ist gut, dass du da bist. Durch dich ist etwas von Gottes Lebensfülle da."

Durchlässig für den Heiligen Geist

All dies gilt natürlich auch für den geweihten Priester. Aber was unterscheidet ihn vom Priestertum der Gläubigen? "Ich erfahre mich in besonderer Weise als Priester, wenn ich der Eucharistie vorstehe, wenn ich predige, wenn ich nach einem Beichtgespräch den Beichtenden von seinen Sünden freispreche", erklärt Anselm Grün. Er möchte sich als geweihter Priester aber nicht gerne vom spezifischen Unterschied her definieren, sondern von positiven Aussagen. Dazu hält er sich immer wieder Bilder aus dem Ritus der Priesterweihe vor Augen. "Der wichtigste Ritus ist die schweigende Handauflegung", sagt er. "Gott selbst hat seine Hand auf mich gelegt, um mich mit Heiligem Geist zu erfüllen.

Als Priester bin ich für diese Welt geweiht, damit ein Stück Welt um mich herum heiler wird.

Zitat: Pater Anselm Grün

Das ist für mich eine ständige Herausforderung. Es kommt nicht in erster Linie auf meine Fähigkeiten an, sondern auf meine Durchlässigkeit für den Heiligen Geist. Gott soll durch mich die Menschen berühren. Das wird jedoch nur dann gelingen, wenn ich im Gebet und in der Meditation mit der inneren Quelle immer wieder in Berührung komme. Ich werde als Priester schnell verausgabt sein, wenn ich nur aus dem Erlernten und nur aus der eigenen Kraft schöpfe."

Für die Welt geweiht

Ein weiteres Bild ist für den Benediktinerpater die Salbung der Hände bei der Priesterweihe: "Meine Hände erinnern mich immer wieder daran, Gottes Liebe auszuteilen. Es geht nicht darum, alles in den Griff zu bekommen, die Pfarrei gut durchzuorganisieren, sondern den Menschen zu vermitteln, dass sie in Gottes guter Hand sind." Auch die Gaben von Brot und Wein sind für Pater Anselm ein wunderbares Bild für seine priesterliche Aufgabe. Er sagt: "Brot und Wein verweisen mich auf die Menschen, auf ihre Arbeit und Mühe, auf ihre Sehnsucht nach Leben und nach einer Liebe, die nicht so brüchig ist wie die, die sie in ihrer Partnerschaft erleben. Als Priester bin ich für diese Welt geweiht, damit ein Stück Welt um mich herum heiler wird. Ich feiere nicht nur die Eucharistie im Auftrag und im Dienst der Menschen, sondern meine ganze Existenz steht für die Menschen ein, gerade für die Armen und an den Rand Gedrängten, für die, deren Gebet verstummt und deren Hoffnung versiegt ist."

Hingabe und Seelsorge

Was bedeutet für ihn die Weihe zum Priester? "Ich bin zu einem Dienst geweiht und dazu befähigt worden, weil mir Gott die nötige Kraft geschenkt hat und immer wieder schenkt", antwortet Pater Anselm Grün. "Geweiht sein, heißt eingeweiht zu sein in das Geheimnis Jesu Christi. Als Eingeweihter muss ich mich immer tiefer hineinnehmen lassen in das Priestertum Jesu Christi. Er ist der wahre Priester und hat sich selbst für uns hingegeben, damit wir das Leben haben. Priester sein heißt für mich daher auch: mich hingeben an die Menschen, die ich begleite, für die ich Zeit opfere; mich hingeben an den Dienst der Versöhnung, hingegeben sein bei der Liturgie, ganz in dem sein, was ich gerade feiere. Jesus ist nicht nur Priester, sondern auch der Hirt. Darin besteht für mich die Verantwortung: dass ich wie Jesus die Menschen dorthin führe, wo sie wirklich genährt werden. Geweiht sein heißt für mich deshalb auch: eingeweiht sein in die heilende Seelsorge Jesu. Ich kann Jesus nicht kopieren. Aber ich darf vertrauen, dass er auch in mir wirkt, wenn ich mich immer wieder im Gebet und in der Meditation einweihen lasse in sein Geheimnis."

Buch zum Thema

Anselm Grün: Die Weihe. Priesterlich leben. 12,90 Euro, Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach Was heißt „priesterlich leben“? Was bedeutet es, geweihter Priester zu sein? Pater Anselm Grün greift für die Antworten auf uralte Bilder aus den Religionen zurück und zeichnet ein positives Bild des Priesterseins: das des geweihten Priesters und das aller Getauften, die nach der Lehrmeinung des Zweite Vatikanischen Konzils „das Priestertum aller Gläubigen“ bilden. Wie kann jede Katholikin und jeder Katholik sich dieser Verantwortung für die Welt bewusst werden? In anschaulicher und zu Herzen gehender Weise beschreibt der charismatische Seelsorger, wie er selber sein Priestersein empfindet und erlebt. Spannend und lehrreich zugleich ist sein Blick zurück zum Priestertum in alten Zeiten. Ein Buch, das allen Gläubigen Mut macht, sich für die Nachfolge Christi zu entscheiden – ob mit oder ohne Weihe.

Von Margret Nußbaum